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Schiller Schwerpunkt

Am 10. November 2009 jährte sich der Geburtstag von Friedrich Schiller zum 250. Mal. ARTE widmete dem deutschen Dichter einen ganzen Thementag

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Schiller Schwerpunkt

Am 10. November 2009 jährte sich der Geburtstag von Friedrich Schiller zum 250. Mal. ARTE widmete dem deutschen Dichter einen ganzen Thementag

Schiller Schwerpunkt

09/11/09

Schiller grenzenlos

Eine Umfrage auf der Frankfurter Buchmesse


Kennt man Schiller in der Türkei? Kommt er im Irak auf die Bühne? Schriftsteller aus Ost- und Westeuropa, aus dem Nahen Osten und dem fernen China erzählen, welche Rolle Schiller in ihrem Land spielt und was er ihnen persönlich bedeutet.

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Schiller im Iran

Interview mit Mahmud Doulatabadi,
Autor und Schauspieler aus dem Iran

Ich habe Schiller nicht nur gelesen, sondern auch selbst gespielt. Das ist schon lange her: Schiller wurde vor ungefähr 50 Jahren ins Persische übersetzt und kam dann bei uns auch auf die Bühne. Mich hat „Wilhelm Tell“ besonders beeindruckt. Es war diese Kombination von Tapferkeit, Genauigkeit, Ehrlichkeit und Standhaftigkeit, die mich so berührte.


Aber nach der Revolution sind ausländische Autoren dann insgesamt weniger beachtet worden bei uns. Ich hoffe sehr, dass Schiller wieder neu aufgelegt wird im Iran.


Schiller in China

Interview mit Xiao Kaiyu,
Schriftsteller aus China


In China ist Schiller genauso hoch angesehen wie Goethe, Shakespeare und Dante. Er wird bei uns als großer Philosoph verehrt und viel zitiert. Vor kurzem ist sogar „Kabale und Liebe“ in China auf die Bühne gekommen. Das ist neu, denn bisher war es eher so, dass man Schiller natürlich lesen darf, aber nicht unbedingt zu sehen bekommt. Lange galt: Die großen Klassiker aus Europa gehören selbstverständlich zum Bildungskanon, aber nicht ins Theater! Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es in China zwar eine Opern-, nicht aber wirklich eine Theatertradition gibt. Mir persönlich bedeutet Schillers ästhetisches Denken sehr viel.


Schiller in Serbien

Interview mit Ildiko Lovas,
Schriftstellerin aus Serbien, die heute in Ungarn lebt.

Schiller wird bei uns in der Schule gelesen und natürlich kennt ihn jeder, der sich mit Literatur beschäftigt. Dass jetzt sein 250. Geburtstag gefeiert wird, ist bei uns nicht so präsent. Als Schriftsteller setzt man sich unweigerlich mit ihm auseinander: Wenn man schreibt, dann hat man immer wieder Fragen an Werke wie die von Schiller. In diesem Sinn ist er bei uns präsent – unabhängig von einem Jahrestag. Auf der Bühne ist Schiller bei uns nicht vertreten.

Ich bevorzuge zeitgenössische Autoren, deswegen hat Schiller für mich keine herausragende Bedeutung - auch wenn ich seine Werte schätze, z.B. seine Art, Emotionen zum Ausdruck zu bringen oder seine Fähigkeit über die ganz großen Fragen und Dinge im Leben der Menschen zu schreiben. Seine Antworten waren zeitlos. Für mich ist er ein redlicher Autor: Er hat das gelebt, was er geschrieben hat.



Schiller im Irak

Interview mit Najem Wali
Schriftsteller aus dem Irak

Kennt man Schiller im Irak? Natürlich: Die Klassiker kennt man! Einige Stücke von ihm sind auch übersetzt, z.B. „Die Räuber“ und auch die Gedichte. Auf der Bühne ist er aber nicht zu sehen.
Ich habe im Irak deutsche Literatur studiert und mich natürlich auch mit Goethe und Schiller beschäftigt. Irgendwie war mir Schiller immer sympathischer, vielleicht weil er besser aussieht?! Nein das war es nicht nur! Er ist nicht so elitär wie Goethe. Schiller ist der Freiheitsdichter: Ja, das hat mich wahrscheinlich besonders an ihm angesprochen!


Schiller in Ungarn

Interview mit Katalin Budai
Literaturkritikerin aus Ungarn

Jeder in der Schule liest natürlich Schiller und was mich als Literaturkritikerin freut: Seit ungefähr 10 Jahren kommt er bei uns auch auf die Bühne – witzigerweise mit Vorliebe als Kammerspiel. Stellen Sie sich "Maria Stuart" nur mit 3 Schauspielern präsentiert vor. Ein Revival des Freiheitsdichters Schiller im Jahr des Aufbruchs 1989? Nein, eigentlich nicht – er wird als Bühnenautor der Romantik gesehen. Ich liebe am meisten seine „Räuber“ und "Maria Stuart", aber auch seine Texte zur Ästhetik. Ansonsten kenne ich ihn hauptsächlich über Rüdiger Safranskis Biografie.
Und unsere ungarischen Klassiker – kennen Sie sie in Deutschland und Frankreich? Wahrscheinlich eher nicht. Vor 10 Jahren war Ungarn Gastland der Frankfurter Buchmesse. Das hat der Bekanntheit unserer Autoren im deutschen Sprachraum sehr geholfen. Aber unsere Klassiker? Die liest man eher in China als in Deutschland. Oder kennen Sie Sándor Petöfi, János Arany, Mihály Vörösmarty und Imre Madách?


Schiller in Deutschland und der Türkei

Interview mit Feridun Zaimoglu
Deutscher Schriftsteller, der in der Türkei geboren wurde

Immer, wenn ich die Namen der Klassiker höre – Schiller, Goethe – dann erinnert mich das natürlich an die Schulzeit und ich weiß, dass ich bei Schiller immer aufgewacht bin: Schiller war das Drängende, das Stürmende, das auch leicht sich lächerlich Machende. Wenn man heute von Pathos spricht, ist das leicht abwertend gemeint. Aber Pathos meint eigentlich den Willen, sich als Figur nicht so wichtig zu nehmen, sondern auch mit dem Wunsch der Selbstüberwindung voranzupreschen. Ob es eine Verbindung zwischen uns gibt? Ich versuche immer – auch wenn ich den Vorsatz habe, etwas nüchterne Bücher zu schreiben, komme ich nicht umhin, immer heiße Bücher zu schreiben, also von dem heißen Motiv komme ich wohl nicht weg.

Klaffende Bildungslücken habe ich! Es ist ja so, dass ich Schiller mit Goethe verwechsle, wenn es um Theaterstücke geht. Waren "Die Räuber" von Schiller? Ja, doch!! Wissen Sie, ich werde immer wieder von Theaterhäusern gefragt, ob ich an einer Neuadaption eines Klassikers interessiert bin. Das habe ich bei Shakespeare, bei Wedekind gemacht und ich habe das dann immer folgendermaßen erlebt: Ich kannte das Stück nicht und habe es erst dann gelesen. Ich wünsche mir „Die Räuber“ als Auftragsarbeit für eine Neuadaptation, und Goethes Faust könnte ich mir auch vorstellen, aber ansonsten sind für mich die Klassiker immer Namen, große Namen, und wenn ich mal von einem Moderator oder einer Moderatorin verglichen werde mit E.T.A. Hoffmann, Hölderlin oder Schiller, sage ich mir immer „Schön, lächeln, denn Du kennst die Bücher ja eigentlich gar nicht!“

Wie es in der Türkei mit der Kenntnis von Schiller bestellt ist, kann ich Ihnen schlecht sagen. Ich fahre dort immer wieder als Tourist hin, meine Wirklichkeit ist aber hier in Deutschland. Natürlich gibt es auch in der Türkei – wie in jedem anderen Land – Klassiker. Klassiker, die als Vorbild taugen, von denen man sich dann im Sinne der Avantgarde absetzt, und da beziehen sich die Leute dann eher auf die eigenen Klassiker als auf deutsche Vorbilder. Genauso wie wir hier wenig geneigt sind, zuerst Shakespeare geltend zu machen. Shakespeare ist ein Genie, aber wir Deutschen sind dann doch auch letztlich mehr an Goethe interessiert. Bei den Klassikern in der Türkei sind besonders die Poeten und Poetinnen stark vertreten. Die Königsdisziplin dort ist nicht Prosa, sondern Poesie

Interview mit Nermin Mollaoglu
Literaturagentin aus der Türkei

Schiller ist in der Türkei eher unbekannt. Ich habe von ihm in der Schule nie gehört. Aber so ist es ja umgekehrt auch: Wer kennt schon in Deutschland türkische Klassiker - geschweige denn, dass sie in der Schule gelesen werden.


Schiller in Frankreich

Interview mit René-Marc Pille
Literaturwissenschaftler in Paris

Heute ist Schillers Lyrik in Frankreich so gut wie unbekannt. Allerdings werden einige Theaterstücke von ihm in Frankreich noch gespielt. Insbesondere zwei Stücke werden immer wieder aufgeführt, zum einen "Maria Stuart" zum anderen "Die Räuber". Gerade durch dieses Stück ist Schiller in Frankreich berühmt geworden. Ihm hat er zu verdanken, dass er während der Revolution zum französischen Staatsbürger gemacht wurde. Es wurde damals zu einem Erfolgsstück, allerdings in einer melodramatischen Bearbeitung.

Aber wie gesagt, auch heute noch wird es immer wieder gespielt als ein Stück der Revolte. Die jungen Generationen entdecken das immer wieder für sich, nicht nur in Frankreich. Genau so, wie sie Rimbaud oder den jungen Brecht immer wieder neu entdecken, und Schiller gehört mit den "Räubern" eben auch dazu.



Alle Interviews führte Angelika Schindler im Oktober 2009 auf der Frankfurter Buchmesse, mit René-Marc Pille sprach Thomas Neuhauser im Frühjahr 2005

Erstellt: Mon Nov 02 12:00:00 CET 2009
Letzte Änderung: Mon Nov 09 14:19:13 CET 2009