Schriftgröße: + -
Home > Kultur > Friedrich Schiller

Schiller Schwerpunkt

Am 10. November 2009 jährte sich der Geburtstag von Friedrich Schiller zum 250. Mal. ARTE widmete dem deutschen Dichter einen ganzen Thementag

> Interview Rüdiger Safranski

Schiller Schwerpunkt

Am 10. November 2009 jährte sich der Geburtstag von Friedrich Schiller zum 250. Mal. ARTE widmete dem deutschen Dichter einen ganzen Thementag

Schiller Schwerpunkt

05/11/09

Schiller & Goethe

Interview mit Rüdiger Safranski


Zu Friedrich Schillers 250. Geburtstag (10. November 2009) zeigt ARTE am 5. November 2009 einen Thementag mit dokumentarischen und fiktionalen Programmen. Rüdiger Safranski, Autor der großen Schiller-Biografie (Hanser Verlag, München 2004), hat ebenfalls bei Hanser Mitte 2009 ein weiteres Standardwerk über Schiller veröffentlicht: "Goethe & Schiller - Geschichte einer Freundschaft" (Hanser 2009).
Lesen Sie hier ein aktuelles Interview mit Rüdiger Safranski zu Friedrich von Schiller und seiner Freundschaft mit J. W. von Goethe.

Previous imageNext image

Herr Safranski, Sie haben sich in Ihrem neuesten Buch der Geschichte einer großen Freundschaft gewidmet: Goethe und Schiller. Diese beiden Groß-Literaten waren sich doch zunächst eher aus dem Weg gegangen und brauchten eine lange Annäherungsphase, bis sich dann ab Mitte 1794, nach einer eher zufälligen Begegnung in Jena, doch noch eine tiefe Freundschaft entwickelte. Warum also gerade diese beiden Ikonen der Weimarer Klassik?
Gerade weil es so schwierig war zwischen beiden und man kaum glauben will, dass es dann doch so gut funktioniert hat. Die Schwierigkeiten der Freundschaft zwischen Schiller und Goethe sind in den grundsätzlich verschiedenen Persönlichkeitstypen begründet, die da aufeinandertrafen. Beide repräsentieren gewissermaßen zwei mögliche Grundhaltungen des Geistes: Schiller den Typus, der mehr vom Konzeptionellen, vom Bewußtsein und von der Reflexion her kommt, während Goethe sich mehr vom Gefühl und von der Intuition leiten ließ. Diese eigentlich spannungsreichen Gegensätze haben sich dann so miteinander verbunden und sich angezogen, dass daraus fast wie im Lehrbuch etwas sehr Produktives entstanden ist.

Beide haben sich dann also doch aufeinander eingelassen und zueinander gefunden. Geschah das über die Arbeit?
Ja, über die Arbeit und zunächst nur über die Arbeit. Dieser Aspekt gehört ganz eindeutig zu dieser Freundschaft: Sie ging vom Kopf aus und die Seele wuchs nach! Das Werk, also die literarische Arbeit, stand immer im Mittelpunkt, und das Glückserlebnis, das beide durch die sich eröffnenden Möglichkeiten des Zusammenwirkens empfanden, und natürlich durch die allmähliche Überwindung des Konkurrenzdenkens, dieses Glückserlebnis hat dann für die emotionale Unterfütterung gesorgt, so dass es dann tatsächlich zu einer sich selbst tragenden, auch gefühlsmäßig stark abgestützten Gemeinsamkeit kam.

Es gibt ja die These, dass Männerfreundschaften nie ganz zweckfrei sind, sich immer über gemeinsame Interessen definieren: Sport, Arbeit, Hobbys usw. War es denn zwischen Schiller und Goethe eine echte und tiefe Männerfreundschaft – also mehr als das gute Gefühl, dass sich hier zwei Genies auf Augenhöhe begegnen, die sich gegenseitig inspirieren und voneinander profitieren ?
Es war eine Zweckgemeinschaft, das ist sicher richtig, aber gleichzeitig war der Zweck, für den sie sich miteinander verbanden, auch ein Zweck, der das Wesentlichste, das Innerste der Person berührte. Dieser Zweck war bei beiden die Entwicklung und Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit, und das war in diesem Freundschaftsbund in besonders guter und glücklicher Weise möglich.

So dass sich zwischen beiden dann auch eine echte emotionale Bindung und gegenseitige Wertschätzung entwickeln konnte?
Ja, es wurde dann sehr stark. Als Schiller im Mai 1805 stirbt, wird Goethe – der ihn um 27 Jahre überlebt – sagen, „die Hälfte meines Lebens ist mir weggestorben“…

...und trotzdem ging Goethe nicht zu Schillers Beerdigung!
… Goethe ging überhaupt nie zu Beerdigungen. Dafür hat er aber später Schillers Totenschädel ein Jahr lang in seiner Bibliothek verwahrt, zumindest glaubte Goethe, es sei Schillers Schädel, während wir heute wissen, dass es ein anderer Totenkopf war. Schiller wurde für Goethe nach und nach zu einer persönlichen Ikone, er hat geradezu einen Kult um seinen Schiller gemacht, das ging dann manchmal fast bis an die Grenze der Heiligenverehrung.

Pflicht oder Neigung?


Es waren ja sehr unterschiedliche Charaktere. Stimmt eigentlich die alte Vereinfachung noch, die jeder Schüler und Student sich gerne merkt: Wenn es um die Entscheidung zwischen Pflicht und Neigung geht, dann ist Schiller immer auf der Seite der Pflicht, während Goethe sich gern der Neigung hingibt? Was zur Folge hatte, dass sich der Gymnasiast natürlich lieber Goethe zuneigte… Ist das so noch richtig?
Wie die meisten dieser vereinfachenden Charakterisierungen ist auch diese nicht ganz falsch. Nur würde ich hier hinzufügen, dass für Schiller die Pflicht eben auch seine Neigung war. Schillers etwas rigorose, unverbindliche Art, die ja von dem Willen herrührte, seine abstrakten Ideen auch konkret umzusetzen – das war nicht nur sein Pflichtbewusstsein, das war auch seine Leidenschaft. Also da, wo wir bei Schiller Pflicht einsetzen, kann man sagen, dass die Pflicht auch seine Leidenschaft war. Und was war es für eine Pflicht? Es war für ihn die Pflicht, mit Geist und Intelligenz die eigene Natur zu gestalten, vielleicht auch sie zu beherrschen, was für ihn selbst auch bedeutete, mit seiner Krankheit fertig zu werden, sie zu besiegen. Seine elementarste Pflichtvorstellung war also, dass die Freiheit über die Zwänge triumphieren müsse, das war die Aufgabe, die er sich stellte.
Und Goethe wiederum formulierte programmatisch: Schiller predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen! Für Goethe kam es also mehr darauf an, seiner eigenen, gefühlten Natur zu entsprechen und sie zu entfalten. Hier zeigt sich erneut ganz deutlich die schöne, fruchtbare Gegensätzlichkeit der beiden: der eine – Schiller – stellt die Freiheit des Denkens in den Mittelpunkt, der andere – Goethe – die Entfaltung seiner Natur.

Gab es zwischen Goethe und Schiller ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken? Also, wer etwa die größere Bedeutung und Wirkung hatte. Schiller wurde immerhin zum Ehrenbürger der Französischen Revolution von 1789 ernannt, der beide später ja eher ablehnend gegenüberstanden. Wurden die Erfolge des anderen mit Missgunst beobachtet?
Ehe die Freundschaft sich entwickelte, hatte besonders Schiller ein ganz ausgeprägtes Konkurrenzproblem gegenüber Goethe, gesteigert bis zum Neid. Schiller hatte lange das Gefühl, Goethe sei fast alles in den Schoß gefallen, während er immer um alles kämpfen musste. Da gab es Rivalitäten und Ressentiments, so dass man bei dieser Freundschaft sehr gut beobachten kann, wie Schiller diese Ressentiments allmählich wegarbeitete, allerdings verschwanden diese Konkurrenzgefühle von Schillers Seite aus nie ganz. Es veränderte sich aber dahingehend, dass er den unterschwellig missgünstigen Vorwurf, Goethe sei ein Günstling der Natur, nicht mehr auf Goethe direkt bezog, vielmehr sagt Schiller das dann über den Wilhelm Meister. Also, es bekommt sozusagen nur noch die Romanfigur die Prügel ab, die früher Goethe selbst zugedacht waren.
Goethe wiederum, der wenig Neigung und wohl auch wenig Anlass zu Neid hatte, der fühlte sich anfangs einfach gestört von diesem neuen Star auf der Theaterbühne, dem jungen Schiller. Nicht zuletzt, weil der ihn auch an seine eigenen Tollheiten in der „Sturm und Drang“- Phase erinnerte, hielt er ihn sich noch eine ganze Zeit lang vom Leib, blieb auf Distanz. Dann lernte er ihn bzw. seine Arbeiten aber schätzen, wobei es zunächst eine rein intellektuelle Wertschätzung war. Erst als sie sich persönlich begegneten und feststellten, wie gut sie zusammen arbeiten konnten, kam die emotionale Ebene hinzu.

Einfluss und Wirkung


Und wer hat heute noch die größere Wirkung in Deutschland bzw. in Europa? Sie haben mal gesagt, Schiller sei ein sprachliches Großereignis, aber ist nicht Goethes Werk inzwischen viel einflussreicher?
Auf unsere heutige Zeit bezogen würde ich sagen ja, Goethes Werk hat größeren Einfluss. Aber Goethe hat eine ganz andere Wirkung als Schiller. Schillers Werk eignet sich auch heute immer noch besonders gut, bestimmte Probleme zuzuspitzen, wie z. B. das Problem der Freiheit des Menschen, und zwar sowohl in einem politisch-gesellschaftlichen Sinn, wie auch in Bezug auf die Freiheit des Willens und Denkens - eine Frage, die ja gerade heute von der Hirnforschung stark thematisiert wird. Schiller war selbst Mediziner und hat schon damals sich mit der Frage beschäftigt, wie frei wir eigentlich sind bei dem, was wir tun, angesichts der physiologischen Vorgänge und unseres Nervensystems. Schiller konnte natürlich noch nicht von den Synapsen im Gehirn sprechen und den dort ablaufenden Steuerungsprozessen. Also, Schiller ist mit seinem Werk für Zuspitzungen tatsächlich besser geeignet als Goethe, aber der Goethesche Kosmos hat sehr weitreichende Wirkung auf ein umfassendes Lebensgefühl der Weite, der Lebensfülle und der Vielfalt, auch auf die ganze Gefühlskultur. Insofern ist Goethes Wirkung vielleicht undefinierbarer, aber sie ist letztlich tiefer und breiter.

Wird Schillers Einfluss vielleicht wieder wachsen, wenn in der modernen Gesellschaft die persönliche Verantwortung des Einzelnen wieder stärker ins Zentrum rückt?
Möglich, das ist aber bei beiden gemeinsam ein zentraler Gedanke. Die Frage, was macht der Einzelne aus sich selbst, ist für beide von gleich hoher Bedeutung, und das ist auch ein wesentliches Paradigma dieser Freundschaft. Es ist eine gestaltete Freundschaft, es ist Freundschaft als wichtiges Lebenswerk. Beide wissen, dass das nichts ist, was einem in den Schoß fällt, mit dem man es sich bequem machen kann, sondern es ist eine stilisierte, aktiv gewollte und geschaffene menschliche Beziehung, wobei beiden immer auch klar war, dass ihnen nichts Besseres passieren konnte.

Wie hat man sich dann diese intensive Freundschaft im Alltag vorzustellen, haben die alles, auch die privaten Themen miteinander besprochen?
Nun, aus den wunderbaren, überlieferten Briefdokumenten erfährt man vor allem sehr viel über den Arbeitszusammenhang zwischen beiden. Aber wenn Schiller beispielsweise nach einem Besuch bei Goethe in Weimar seiner Charlotte schreibt: „Wir haben 12 Stunden ununterbrochen geredet“, dann kann man davon ausgehen, dass wirklich alles besprochen wurde, was ihnen wichtig war. Wahrscheinlich mit Ausnahme der Frauen, denn das ist wiederum ein Kapitel für sich.

Warum? Vielleicht weil Schiller da womöglich neuerliche Neidgefühle gegenüber Goethe hätte entwickeln können?
Nein, es hatte andere Gründe. Schiller konnte Goethes Christiane eigentlich gut leiden, eine hübsche Frau, umgänglich, trank vielleicht etwas viel Wein. Aber Schiller war ihr gegenüber nicht unbefangen, denn zu Hause in Jena saß seine eigene Frau Charlotte, die die Patentochter der Frau von Stein war, und wie man weiß, war Frau von Stein Goethes abgelegte Geliebte. So hörte Schiller auf diesem Weg nur Schlechtes über diese Christiane an Goethes Seite, er war ihr gegenüber also nicht unbefangen und befand sich in einer regelrechten Zwickmühle. Er hat dann eben versucht, sich aus der Affäre zu ziehen, indem er Christiane so gut wie möglich ignorierte. Wie gesagt, die Frauen sind ein ganz eigenes Kapitel in dieser großen Freundschaft.

Interview: Thomas Neuhauser (ARTE, Oktober 2009)

Erstellt: 02-11-09
Letzte Änderung: 05-11-09