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GESELLSCHAFT - 05/06/12

SIE SCHLUGEN UND SIE LIEBTEN SICH

Risikosüchtige Banker versus treue Handwerker: Haben Briten und Deutsche überhaupt etwas gemeinsam? Viel mehr als gedacht. Wahlbrite Philip Oltermann geht dieser Frage anlässlich des ARTE-Schwerpunkts „Britishness“ nach.

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Als ich vor rund zehn Jahren bei den englischen Eltern meiner damaligen Freundin zum Abendessen eingeladen war, stellte mir ihr Vater schon vor dem Hauptgang eine schwer verdauliche Frage. „What have the Germans ever done for us anyway?“, fragte er aus dem Nichts – „was haben die Deutschen eigentlich jemals für uns getan?“

ARTE Schwerpunkt
BRITISHNESS

Beste Feinde • Dokureihe
(1) Sa • 9.6. • 20.15
(2) Sa • 9.6. • 21.10
(3) So • 10.6. • 21.55

London Calling • Dokureihe
(1) Mo • 9.6. • 22.15
(2) Mo • 16.6. • 22.00
(3) Mo • 23.6. • 22.35
(4) Mo • 30.6. • 21.55

Tracks: London Special Musikmagazin
Sa • 9.6. • 23.05

Adele Live at the Royal Albert Hall • Konzert
So • 10.6. • 16.15

BBC Proms 2010:
Ravel und Roussel • Musik
So • 10.6. • 18.30

Die Queen • Drama
Sonntag • 10.6. • 20.15

London – Eine Stadt will hoch hinaus Architekturdoku
Sonntag • 10.6. • 23.50

Nelson Freire und
Lionel Bringuier bei den Proms • Musik
So • 10.6. • 00.20

Wiedersehen mit Brideshead • 7-tlg. Fernsehserie
ab Montag • 11.6 • 14.35

Die kulinarischen
Abenteuer der Sarah Wiener in Großbritannien
10-tlg. Dokureihe
ab Montag • 11.6. • 19.30

Tracks – UK Special Musikmagazin
Sa • 16.6. • 22.55

Miss Marple • Themenabend
Sonntag • 17.6. • ab 20.15

What Brits love • Dokureihe
ab Montag • 18.6. • 16.45

Die Queen und ihre Premiers • Geschichtsdoku
Di • 19.6. • 22.05

Ich erkannte damals noch nicht, dass diese Frage gar nicht so provokativ gemeint war, wie sie klang, und dass der gute Mann einen Hang zum frivolen Aufziehen demonstrierte, der auf der Insel unter dem Namen „banter“ – dem Necken – zum Kennenlernritual gehört. Ich versuchte deshalb verzweifelt, eine ernste Antwort zu finden. Vergeblich: Partout wollten mir keine positiven Errungen-schaften einfallen, für die die Engländer den Deutschen dankbar sein könnten.
Auf dem Heimweg machte ich mir weitere Gedanken. War es vielleicht so, dass Deutschland und England trotz ihrer geografischen Nähe überraschend wenig miteinander gemein hatten? Zeichnete sich die Geschichte deutsch-englischer Beziehungen nicht durch Misstrauen, Feindseligkeit und Kriegslust aus? Der durchschnittliche Engländer weiß viel über die grausame Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs und eher wenig über das friedliche Europa, welches aus den Ruinen jener Konflikte emporgestiegen ist. Auch in Deutschland wird die These der wenigen Gemeinsamkeiten immer beliebter. Seit David Cameron im Dezember vergangenen Jahres von seinem Veto gegen die EU-Vertragsreform zur Finanzmarktregulierung Gebrauch machte, ist die Londoner City für viele Deutsche Symbol für die Exzesse des angelsächsischen „Kasinokapitalismus“. England versus Deutschland, das heißt: risikosüchtige Banker gegen treue Handwerker. So mancher deutsche Zeitungskolumnist fragt sich: „What have the English ever done for us anyway?“ – „was haben die Briten eigentlich jemals für uns getan?“

Marketing-Coup „Made in Germany“. Zum Glück trügt das Bild. In Wirklichkeit haben die beiden Nationen sich gegenseitig ihre größten Sternstunden zu verdanken. Man vergisst zum Beispiel sehr leicht, dass Deutschland ohne Hilfe aus England heutzutage nur ein Industriezwerg wäre. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert verehrte Deutschland nicht nur die Fortschrittlichkeit der ersten europäischen Industrienation – die Unternehmer Alfried Krupp und Carl Wilhelm Siemens waren nach ihren Englandreisen sogar so begeistert, dass sie sich in Alfred und Charles William umbenennen ließen. Man kopierte in Deutschland außerdem derart erfolgreich englische Ideen, dass die britische Regierung im Jahre 1887 den „Merchandise Marks Act” verabschiedete, nach dem importierte deutsche Güter mit einem „Made in Germany“-Zeichen versehen werden mussten – ein Eigentor, denn der Slogan entpuppte sich als Marketing-Coup für die Deutschen.
Auch das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit war eine deutsch-englische Koproduk-tion. Als die britische Armee 1945 die Volkswagen-Fabrik in Wolfsburg betrat, fand sie 60 Prozent der Maschinen zerstört vor. Die Schließung des Werks war bereits entschieden – wäre da nicht Hauptoffizier Ivan Hirst gewesen. Der angelsächsische Pragmatiker brachte die Fabrik wieder in Schuss, um VWs beliebten Kübelwagen, einen offenen Geländewagen, exportieren zu können. Als die britischen Besatzer Wolfsburg verließen, produzierte die Firma Personenwagen am Fließband. Ohne Hirst hätte es den Exportschlager Käfer nie gegeben, und die Deutschen würden heute noch von ihrem ersten Wirtschaftswunder träumen.

Von Schäkespear bis Fußlümmelei. Auch in Sachen Romantik sind sich die Deutschen und die Briten nähergekommen – obwohl der deutsche Soziologe Werner Sombart 1915 in seinen „Patriotischen Besinnungen“ Deutschland vom Gemüt her als romantisch und idealistisch und Großbritannien als nüchtern und pragmatisch darstellte. Es ist jedoch zweifelhaft, ob sich deutsche Dichter und Denker ohne den Einfluss eines gewissen englischen Barden je zu den Höhen der Weimarer Klassik aufgeschwungen hätten: „Schäkespear“, so schrieb Johann Gottfried Herder, sollte damals „uns Deutsche herstellen“. Goethe, der deutsche Musterdichter, war von Minderwertigkeitskomplexen geplagt, wenn er Shakespeares radikale Bearbeitung klassischer Bühnenkonventionen studierte: „Ich schäme mich offt vor Schakespearen, denn es kommt manchmal vor, daß ich beym ersten Blick dencke, das hätt’ ich anders gemacht! Hinten drein erkenn’ ich, daß ich ein armer Sünder bin, daß aus Schakespearen die Natur weissagt, und daß meine Menschen Seifenblasen sind, von Romanengrillen aufgetrieben.“ So wie es ohne Shakespeare keine Blütezeit deutscher Literatur gegeben hätte, so hätten die Engländer ohne deutsche Literatur wohl nie ihre romantische Seite entdeckt. „The Prelude“, das wichtigste Gedicht der englischen Romantik, wurde in Niedersachsen vollendet – sein Autor William Wordsworth war nach Goslar im Harz gereist, um den Schriftsteller Friedrich Gottlieb Klopstock zu besuchen. Auch der deutsche Dada-Künstler Kurt Schwitters musste erst in den Lake District im Nordwesten Englands reisen, um seine Liebe für deutsche Romantik wiederzuentdecken. Sein letztes Werk, eine begehbare Kollage in einem alten Schuppen, liegt, umrahmt von den grünen Hügeln von Elterwater, gerade ein paar Kilometer entfernt von dem Geburtshaus von Dichter William Wordsworth. England, schrieb Schwitters kurz vor seinem Tod im Jahre 1948, sei „idyllisch, romantisch, mehr noch als jedes andere Land“.

"Die Deutschen würden ohne die Briten heute noch von einem Wirtschaftswunder träumen."

Entfernt man sich vom Bereich der Schönen Künste und begibt sich in sportliche Gefilde, so sollte derjenige vorsichtig sein, der sich über die miserable Bilanz englischer Elfmeterschützen lustig macht: Ohne jene Gentlemen, die 1863 in London die Football Association gründeten, wüsste man auf deutschen Bolzplätzen immer noch nicht vom Unterschied zwischen Abstoß und Eckstoß. Am Anfang redeten deutsche Kicker noch von „Corner“, „Referee“ und „Half-time“. Deutsche Begriffe etablierten sich erst zur Zeit der Weimarer Republik, als die Randsportart Fußball zum Massenhobby wurde – trotz vehementer Proteste der deutschen Turner, die diese „Fußlümmelei“ als „englische Krankheit“ verschrien.

Exzentrische Zwillinge. Man kann dieses Netz aus Einflüssen unendlich weiterspinnen: Hätte es ohne Schwitters’ Cut-and-Paste-Kollagen jemals die Lumpen-und-Fetzen-Ästhetik der englischen Punks gegeben? Hätten die Beatles jemals den Durchbruch in England geschafft, ohne täglich im Star-Club auf der Hamburger Reeperbahn zu spielen? Hätten Karl Marx und Friedrich Engels jemals das Kommunistische Manifest geschrieben, wenn Engels nicht die Arbeiterslums von Manchester gesehen hätte? Gäbe es die Royal Family noch, wenn sich Queen Victoria 1840 keinen deutschen Mann genommen hätte? In seinem Buch von 2011, „Germany, oh Germany“, bezeichnet der Schriftsteller Simon Winder Deutschland und England als „Europas verrückte Zwillinge” – und bringt die Sache damit auf den Punkt. Zwar verkünden die beiden Länder ihre Freundschaft selten so feierlich, wie es Deutschland und Frankreich oder Großbritannien und Amerika tun. Tief im Innern jedoch wissen England und Deutschland, dass sie ohne ihren exzentrischen Zwilling von der anderen Seite des Ärmelkanals nicht so wären, wie sie sind.
Manchmal wünsche ich mir, ich hätte diese Einsicht schon gehabt, als der Vater meiner Freundin mir vor zehn Jahren diese Frage stellte. Vielleicht ist es aber gar nicht so wichtig, denn die Freundin durfte ich dann doch heiraten. Und inzwischen habe ich meinem Schwiegervater sogar beigebracht, wer Johannes Gutenberg war. Mein Schwiegervater ist nämlich von Beruf Drucker.

PHILIP OLTERMANN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE Plus


Lesen
Philip Oltermann: „Dichter und Denker, Spinner und Banker: Eine deutsch-englische Beziehungsgeschichte“ (erscheint 2013 bei Rowohlt, Originaltitel „Keeping Up with the Germans: A History of Anglo-German Encounters“);
Jamie Oliver: „Besser kochen mit Jamie Oliver“ (Dorling Kindersley 2012);
Matthias Vogt: „Kultbuch England – Alles was wir lieben: von Ascot bis zum Yorkshirepudding (Komet 2011);
Simon Winder: „Germany, oh Germany: Ein eigensinniges Geschichtsbuch“ (rororo 2011)
(Auswahl)

Erstellt: Mon Aug 22 12:00:00 CEST 2011
Letzte Änderung: Tue Jun 05 10:50:36 CEST 2012