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Fotografie - 04/05/12

SCHWARZWEISS HAT VIELE FARBEN

In diesem Jahr gewann „The Artist“, ein Stummfilm in Schwarzweiß gedreht, den begehrten Oscar.
Nicht nur im Film, auch in der Fotografie erlebt Schwarzweiß eine Renaissance.
Ein Thementag am 28.5. bei ARTE.

Die wichtigsten und bekanntesten Bildikonen der Fotografiegeschichte sind schwarzweiß. Manchmal reicht schon der Titel eines Fotos, um sie vor sich zu sehen: „Jungbauern“ (1914) von August Sander, „Loyalistischer Soldat im Moment des Todes“ (1936) von Robert Capa oder „Der Kuss vor dem Rathaus“ (1950) von Robert Doisneau: Alle haben die Welt in feinsten Grauabstufungen eingefangen. Ob die Landschaften von Ansel Adams, die Parisimpressionen von Henri Cartier-Bresson oder das vielteilige Porträtwerk von August Sander: Jeder dieser Fotokünstler und Bildjournalisten ist für Generationen von Fotografen Vorbild und Lehrmeister geworden.

ARTE Thementag

SCHWARZWEISS HAT VIELE FARBEN
Mo • 28.5.

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter:
www.arte.tv/schwarzweiss

So bahnbrechend die Erfindungsgeschichte der Fotografie auch ist, so war sie von Anfang an doch mit einem scheinbaren Makel behaftet: Sie konnte keine Farben festhalten. Denn entweder gab es noch keine überzeugenden farbigen Verfahren oder sie waren zu teuer und instabil: Die schwarzweiße Prägung der über 170-jährigen Fotografiegeschichte hat somit vor allem technische und nicht ästhetische Gründe. Aus einem vermeintlichen Unvermögen entwickelten sich die bis heute gültigen Grundregeln einer farblosen Bildästhetik.

Vermeintlicher Makel. Das erste vermarktbare fotografische Verfahren, die Daguerreotypie des Franzosen Louis Daguerre, brachte ab 1839 detailgetreue, spiegelnde Schwarzweiß-Unikate in unglaublicher Schärfe hervor, doch im Genre des Porträts war dieser Effekt nicht unbedingt willkommen. Abhilfe schufen Heerscharen von Retuscheuren, die mit Staubfarben den Damen der Gesellschaft ein feinfarbiges Rouge auf die Wangen legten. Und auch der Technik des englischen Pioniers William Talbot, die ab 1840 mit einem Negativ mehrere Positive ermöglichte, wurde durch entsprechende Kolorierungen eine Natürlichkeit eingehaucht, die dem eigentlichen fotografischen Postulat, der Dokumentation der Welt, oft entgegenstand.
Doch wie sähe die Geschichte der Fotografie und des Films aus, wenn sie von Anfang an farbig gewesen wäre? Wir würden uns vielleicht über schwarzweiße Bilder wundern und sie für grafische Spielereien halten. Gerade weil heute die Farbe allgegenwärtig ist, ist seit einiger Zeit eine Renaissance, eine neue Sehnsucht nach einer Bilderwelt ohne Farben entstanden. Mit einer puren Bildsprache des Schwarzweißen werden Aufnahmen geadelt und erhalten eine verstärkte künstlerische Wirkung. War früher die schwarzweiße Fotografie das übliche Verfahren und Farbe eher die Ausnahme, so ist es heute umgekehrt.

Licht und Schatten. Im 20. Jahrhundert stieg mit den aufkommenden Massenmedien der Bedarf an Bildern unaufhörlich. Gleichzeitig entwickelte sich mit der „Neuen Fotografie“ der 1920er Jahre das Repertoire der klar gegliederten grafischen Fotografie. Nuancierte Licht- und Schattenkompositionen sind typische Beispiele, auch wurde besonders auf Oberflächen und Materialien geachtet, Linien und Strukturen wurden betont. Eine „Neue Sachlichkeit“, die möglichst objektivierte Darstellung der Welt, war das oberste Ziel vieler Fotografen, und so kam die abstrahierende Wirkung der Schwarzweiß-Fotografie gerade recht.
Die umfangreichste Serie dieser Zeit ist sicherlich August Sanders Porträt-Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“, das eine fotografische Inventarisierung der Gesellschaft seiner Zeit bis in die 1950er Jahre anstrebte. Sein konzeptionell angelegtes Lebenswerk ist zum Vorbild einer künstlerischen Fotografie geworden, die mit ihren zu Bildserien und Typologien geordneten Aufnahmen die Welt analytisch zu erfassen suchte. Die bekanntesten nachfolgenden Verfechter dieser Arbeitsweise sind Bernd und Hilla Becher, die mit größter Konsequenz in ihren Aufnahmen von Industriebauten einige Jahrzehnte später diesem Ansatz auch den Weg in die Museen und in den Kunstmarkt ebneten. Die Lehre der Bechers an der Düsseldorfer Kunstakademie ist unter dem Begriff „Düsseldorfer Schule“ bis heute legendär.

Der entscheidende Moment. Oft lenkt Farbe vom eigentlichen Bild ab, daher wird Schwarzweiß-Fotografie auch immer eine Konzentration und Verdichtung zugeschrieben. Für Henri Cartier-Bresson war das vor allem in seinem viel zitierten „moment décisif“, dem „entscheidenden Moment“ erreicht – mit einem klaren geometrischen Bildaufbau. Einer der berühmtesten Landschaftsfotografen, Ansel Adams, konnte sich seine Bilder nur in virtuos komponierten Schwarzweiß-Aufnahmen vorstellen. Das für ihn emotional bestimmte Subjektive der Farbe wird zugunsten einer sorgfältig ausgearbeiteten Landschaftsinterpretation in feinster Grauabstufung verdrängt. Gerade in dieser Reduktion entfaltet sich das objektive Moment.
Der dokumentarisch ausgerichtete Gebrauch schwarzweißer Bilder hat vor allem im Bildjournalismus seine Spuren hinterlassen. Mediale Bilderwelten, die Zeitzeugenschaft von Krisen, Kriegen, Revolutionen, waren selbstverständlich in Schwarzweiß. Doch spätestens als das bewegte Fernsehbild die statischen Fotografien ablöste – ab Ende der 60er Jahre sogar in Farbe –, veränderte sich auch im Fotojournalismus die Bildgestaltung. Dennoch lassen sich hier bis heute die strengsten Verfechter einer schwarzweißen Sicht auf die Welt finden.
„Farbe lenkt den Betrachter nur ab“, lautet die Haltung des Magnum-Fotografen Abbas, Schwarzweiß bringe die Realität viel stärker zur Geltung: „Jeden bunten Ton übersetze ich in Schattierungen von Schwarz, Weiß und Grau. Meine Fotografie ist eine Form des Denkens.“ Es überrascht kaum, dass sich insbesondere bei der renommierten Fotoagentur Magnum, die einst unter anderem von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson gegründet wurde, viele jüngere Bildjournalisten wie der Däne Jacob Aue Sobol oder der peruanisch-spanische Kriegsfotograf Moises Saman finden, die fast ausschließlich schwarzweiß arbeiten.

Der konzentrierte Blick. Rein technisch gesehen ist die analoge Schwarzweiß-Fotografie fast gänzlich überflüssig, aber die Denk- und Arbeitsweise der Schwarzweiß-Fotografen dient noch immer als Vorbild. Nur durch Übung gelingt es, Farbwerte und Farbhelligkeiten in genau komponierte Grauabstufungen umzusetzen. Durch die Konzentration auf die Gestaltung des Motivs wird einer schnelllebigen Beliebigkeit entgegengewirkt. Der konzentrierte Blick erfordert noch immer Training und Erfahrung. Daher rührt sicher das Interesse nicht nur vieler Amateure, sondern auch vieler Studenten an der Schwarzweiß-Fotografie. Gerade die Generation, die mit Handykamera und Photoshop aufgewachsen ist, hat nun nicht nur die klassische Laborarbeit, sondern auch und vor allem die schwarzweiße Fotografie wiederentdeckt. In einer Zeit, in der alles immer verfügbar, kopierbar, aber auch flüchtiger wird, gibt es umso mehr den Wunsch nach größerer Bodenständigkeit und Dauerhaftigkeit.

ARTE-GASTAUTOR: ULRICH RÜTER, GEBOREN 1965, IST KUNSTHISTORIKER, FREIER KURATOR UND AUTOR. ER LEHRT IN HAMBURG FOTOGRAFIE-GESCHICHTE


Andy Spyra - Kurzinterview


Schwarzweiße Bilder aus Krisengebieten: Dafür stehen viele junge Fotografen wie Andy Spyra.
Er gehört zu den erfolgreichsten Nachwuchsfotografen Deutschlands. In eindringlichen Schwarzweiß-Fotografien aus Bürgerkriegen (Foto: Kaschmir-Konflikt 2010) lenkt Andy Spyra unseren Blick auf den einen, intimen Moment.

ARTE: Warum fotografieren Sie aktuelle Ereignisse in Schwarzweiß?
ANDY SPYRA: In dem Moment, in dem ich durch den Kamerasucher schaue, nehme ich keine Farben wahr, sondern Licht und Kompositionen. Außerdem unterstreicht Schwarzweiß die emotionale Seite der Welt. Mich interessiert nicht die Farbe des Ortes: Schwarzweiß bringt die Dramatik und die Emotionen in einer Geschichte erst hervor, wo Farbe nur ablenken würde.
ARTE: Wie verändert sich Ihre Wahrnehmung mit einem schwarzweißen Blick?
ANDY SPYRA: Bei der Bildauswahl durch den Sucher spielen Farben keine Rolle mehr. Der grüne Baum, der blaue Himmel treten in den Hintergrund. Schon vor dem eigentlichen Drücken auf den Auslöser versuche ich mit der Komposition und dem Licht die maximale Bildaussage zu erzielen.
ARTE: Warum fotografiert Ihre Generation mehr und mehr in Schwarzweiß?
ANDY SPYRA: Das sind sicherlich ästhetische Gründe. Aber vieles hat auch mit dem Wandel des Medienmarktes zu tun. Junge Fotografen stehen neuen Möglichkeiten gegenüber: Auf zahlreichen Internetseiten wie dem Lens Blog der New York Times wird der Schwarzweiß-Fotografie wieder mehr Raum gegeben.

INTERVIEW: KRISTIN BARTHOLMESS FÜR DAS ARTE MAGAZIN


ARTE PLUS


AKTUELLE AUSSTELLUNGEN
„Henri Cartier-Bresson. Die Geometrie des Augenblicks“ (bis 3.5. im Kunstmuseum Wolfsburg);
„State of the Art Photography“ (bis 6.5. im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Düsseldorf);
„August Sander: New Arrivals“ (bis 12.8. in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln);
Andy Spyra (23.9. bis 11.11. im Kunstverein Friedrichshafen)
(Auswahl)

Erstellt: 22-08-11
Letzte Änderung: 04-05-12