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Habib Tengour - 27/07/09

Seelenperlmutt

Eine Rezension von Kersten Knipp


Was alles passiert, wenn sich Menschen aus verschiedenen Ländern und Regionen begegnen, beschreibt der französisch-algerische Dichter Habib Tengour in seinem Band „Seelenperlmutt“.

Wo eigentlich sind die Menschen des Maghreb zu Hause? Im Maghreb, sollte man annehmen. Irrtum, meint der algerisch-französische Dichter Habib Tengour. Die Maghrebiner sind eigentlich nirgends zu Hause – im Maghreb nicht, und im Exil auch nicht. „Der Maghrebiner“, schrieb Tengour einmal, „ist immer anderswo. Und er verwirklicht sich nur dort.“ Demnach ist es ein Zwischenreich, in dem die Maghrebiner leben – zumindest diejenigen, die aus dem Rahmen fallen, die andere Ziele und Vorstellungen haben als die meisten ihrer Landsleute. Das gilt vor allem für Tengours alte Heimat Algerien, ein Land, das nach dem Bürgerkrieg Anfang der 1990er Jahre einen großen Schwund an Intellektuellen zu verzeichnen hatte, einen gewaltigen Verlust von Dichtern und Denkern sowie all jenen, die an der Regierung ebenso viel auszusetzen hatten wie an den nach der Macht greifenden Islamisten. Viele derjenigen, die in den blutigen Jahren nicht umkamen, verließen das Land. Und führen seitdem eine Existenz in eben jenem Zwischenreich, das Tengour beschreibt.

Leben zwischen den Welten

„Seelenperlmutt“ heißt der zweisprachige Band mit sechs Gedichten, genauer: Langgedichten des Dichters. Alle kreisen sie um das Thema des Exils, das Leben zwischen zwei Welten und Kulturen – ein Leben, das seine Reize hat, aber mehr seine Tücken. „Seelenperlmutt“: Das klingt romantisch. Ist es vielleicht auch. Aber mehr noch handelt das Gedicht von einer schmerzhaften Erfahrung. Denn es erzählt vom Zerbrechen einer Liebe, einer Liebe, die zwei Länder, zwei Kontinente überspannen sollte sowie das Meer, das zwischen ihnen liegt. Aber lässt sich dieser Graben überbrücken? Nein, gibt das Gedicht zu verstehen, der Abgrund ist zu weit.

Das Große Schiff geht im Glanz einer Liebkosung unter
Schwarz wie ein Spiegel steigt die Nacht aus den Fluten
Der lang unterdrückte Schrei zerreißt die zerschlissenen Segel
Mit Johlen wird die Neuigkeit zur Kenntnis genommen
Wir werden nicht gemeinsam aufbrechen wie Zwillingsseelen
Das Ufer ahnt, dass es ein Goldreif ist
Der deine geschminkten Fesseln umschlingt

Scheiternde Paarbeziehungen, zerbrochen an Gegensätzen, Irritationen, unerfüllten Erwartungen: Ein in der neueren Migrantenliteratur häufig wiederkehrendes Thema. Es lenkt den Blick auf eine zentrale Frage multikultureller Gesellschaften: Wen eigentlich sehen wir, wenn wir einen Fremden sehen? Der Blick auf den Anderen, so stellt Tengour es da, hat seine Spontaneität längst verloren – wenn er sie je gehabt hat. Denn dieser Blick ist historisch und mythisch hochgradig aufgeladen, in ihm läuft alles zusammen, was wir über die Fremden dieser oder jener Region gelesen, gehört, eingeschärft bekommen haben. Und über keine Figur haben die Bürger der westlichen Welt eine solche Menge an Wissen, vor allem aber an Halbwissen und Stereotypen im Kopf wie über den muslimischen Zuwanderer.

„Seelenperlmut“
von Habib Tengour

Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe

Verlag: Hans Schiler
Juni 2009

ISBN: 989-3-89930-253-0
Mythos des Krieges

Eindrucksvoll zeigt Tengour in seinem Prosa-Gedicht „Besagter Tatar“, wie ein an sich ganz harmloser Migrant unter all den Vorurteilen, zumindest aber Vorbehalten, zu leiden hat, die die westlichen Bürger ihm gegenüber hegen. Zugleich ist es Tengours Stärke, dieses Verhältnis niemals mit moralisierendem oder gar mahnendem Unterton zu beschreiben. Sein Stil ist nüchtern, zurückhaltend, trocken. So berichtet Tengour von den ersten Siegen – welchen, lässt er ganz bewusst aus – der Europäer über die Araber. Um dann fortzufahren:

„Seitdem, so wird erzählt, hätten die Menschen keine Angst mehr vor den Invasoren aus dem Osten, die sie unterschiedslos als „Tataren“ bezeichnen. […] Kraftvolle Details illustrieren die beherzte Gegenwehr, die die Weltordnung umstürzen und die sesshaften Völker vom Gemetzel erlösen würden…
Trotz der reichen Ikonographie weiß man bis heute nichts über das Aussehen des Tataren.
Dieser hier flößt schon von weitem Mitleid ein.“

Mehr zu Habib Tengour:

Der algerische Autor Habib Tengour schreibt auf französisch. In seinem Roman „Der Fisch des Moses“ schreibt er über die Illusionen junger
Maghrebiner aus Frankreich, die sich vom islamischen Fundamentalismus verführen lassen und nach Afghanistan gehen.

Rezension zu
"Der Fisch des Moses"
Man sieht: Die Feindbilder ziehen um die Welt, und jeder ist des anderen Tatar, will sagen: Jede Gruppe grenzt sich gegen andere Gruppen ab, und zwar auch in nicht-kriegerischen Zeiten. Kriegsmythen und –legenden, kann man aus diesem Gedicht lernen, halten sich über Jahrhunderte – und machen denen, die die Mehrheitsgesellschaft für „Tataren“ hält, das Leben nicht leicht. Doch auch in ihrer ursprünglichen Heimat fühlen sich die „Tataren“, sprich Migranten, nicht mehr zu Hause. Eben darum sind sie „immer anderswo“, wie Tengour schreibt. Dieses Thema klingt auch in dem Gedicht „Die ferne Insel“ an, in das Tengour Elemente der Homer'schen „Odyssee“ aufgenommen hat.

"Wie weit reicht Charybdis, wo lauert schon Scylla?
Und wer setzt das Ziel fest, wenn abgelegt wird?
Wir werden zu Illegalen im eigenen Boot."

Habib Tengour hat einen sehr feinsinnigen Band vorgelegt, den Regina Keil-Sagawe nicht weniger feinsinnig ins Deutsche übertragen hat. Auch ihr kenntnisreiches Vorwort dürfte dazu beitragen, dass Tengour nun endlich auch in Deutschland so bekannt wird, wie er es verdient.



Am nächsten Donnerstag, den 30.7.2009, bespricht Jörg Plath an dieser Stelle den Roman "Die Frau, für die ich den Computer erfand" von F. C. Delius.

Erstellt: 19-05-09
Letzte Änderung: 27-07-09


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