Leben zwischen den Welten
„Seelenperlmutt“ heißt der zweisprachige Band mit sechs Gedichten, genauer: Langgedichten des Dichters. Alle kreisen sie um das Thema des Exils, das Leben zwischen zwei Welten und Kulturen – ein Leben, das seine Reize hat, aber mehr seine Tücken. „Seelenperlmutt“: Das klingt romantisch. Ist es vielleicht auch. Aber mehr noch handelt das Gedicht von einer schmerzhaften Erfahrung. Denn es erzählt vom Zerbrechen einer Liebe, einer Liebe, die zwei Länder, zwei Kontinente überspannen sollte sowie das Meer, das zwischen ihnen liegt. Aber lässt sich dieser Graben überbrücken? Nein, gibt das Gedicht zu verstehen, der Abgrund ist zu weit.
Das Große Schiff geht im Glanz einer Liebkosung unter
Schwarz wie ein Spiegel steigt die Nacht aus den Fluten
Der lang unterdrückte Schrei zerreißt die zerschlissenen Segel
Mit Johlen wird die Neuigkeit zur Kenntnis genommen
Wir werden nicht gemeinsam aufbrechen wie Zwillingsseelen
Das Ufer ahnt, dass es ein Goldreif ist
Der deine geschminkten Fesseln umschlingt
Scheiternde Paarbeziehungen, zerbrochen an Gegensätzen, Irritationen, unerfüllten Erwartungen: Ein in der neueren Migrantenliteratur häufig wiederkehrendes Thema. Es lenkt den Blick auf eine zentrale Frage multikultureller Gesellschaften: Wen eigentlich sehen wir, wenn wir einen Fremden sehen? Der Blick auf den Anderen, so stellt Tengour es da, hat seine Spontaneität längst verloren – wenn er sie je gehabt hat. Denn dieser Blick ist historisch und mythisch hochgradig aufgeladen, in ihm läuft alles zusammen, was wir über die Fremden dieser oder jener Region gelesen, gehört, eingeschärft bekommen haben. Und über keine Figur haben die Bürger der westlichen Welt eine solche Menge an Wissen, vor allem aber an Halbwissen und Stereotypen im Kopf wie über den muslimischen Zuwanderer.

von Habib Tengour
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
Verlag: Hans Schiler
Juni 2009
ISBN: 989-3-89930-253-0

Eindrucksvoll zeigt Tengour in seinem Prosa-Gedicht „Besagter Tatar“, wie ein an sich ganz harmloser Migrant unter all den Vorurteilen, zumindest aber Vorbehalten, zu leiden hat, die die westlichen Bürger ihm gegenüber hegen. Zugleich ist es Tengours Stärke, dieses Verhältnis niemals mit moralisierendem oder gar mahnendem Unterton zu beschreiben. Sein Stil ist nüchtern, zurückhaltend, trocken. So berichtet Tengour von den ersten Siegen – welchen, lässt er ganz bewusst aus – der Europäer über die Araber. Um dann fortzufahren:
„Seitdem, so wird erzählt, hätten die Menschen keine Angst mehr vor den Invasoren aus dem Osten, die sie unterschiedslos als „Tataren“ bezeichnen. […] Kraftvolle Details illustrieren die beherzte Gegenwehr, die die Weltordnung umstürzen und die sesshaften Völker vom Gemetzel erlösen würden…
Trotz der reichen Ikonographie weiß man bis heute nichts über das Aussehen des Tataren.
Dieser hier flößt schon von weitem Mitleid ein.“

Der algerische Autor Habib Tengour schreibt auf französisch. In seinem Roman „Der Fisch des Moses“ schreibt er über die Illusionen junger
Maghrebiner aus Frankreich, die sich vom islamischen Fundamentalismus verführen lassen und nach Afghanistan gehen.
Rezension zu
"Der Fisch des Moses"

"Wie weit reicht Charybdis, wo lauert schon Scylla?
Und wer setzt das Ziel fest, wenn abgelegt wird?
Wir werden zu Illegalen im eigenen Boot."
Habib Tengour hat einen sehr feinsinnigen Band vorgelegt, den Regina Keil-Sagawe nicht weniger feinsinnig ins Deutsche übertragen hat. Auch ihr kenntnisreiches Vorwort dürfte dazu beitragen, dass Tengour nun endlich auch in Deutschland so bekannt wird, wie er es verdient.
Am nächsten Donnerstag, den 30.7.2009, bespricht Jörg Plath an dieser Stelle den Roman "Die Frau, für die ich den Computer erfand" von F. C. Delius.







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