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Hamid Skif: Geografie der Angst

«Ich habe in diesem Buch versucht, die Folgen der Angst und des Eingeschlossenseins bis an ihre Grenzen zu treiben...», so der algerische Schriftsteller Hamid Skif über seinen Roman «Geografie der Angst».
Der Autor, der nach einem missglückten Mordanschlag aus Algerien fliehen musste, erzählt von den Ängsten und dem Elend der Sans-papiers: Ein illegaler Einwanderer versteckt sich seit Monaten in einer Kammer, während draußen die Menschenjagd auf Seinesgleichen begonnen hat. Um von der Einsamkeit nicht aufgefressen zu werden, erzählt er seine Geschichte, die er mit allen illegalen Einwanderern gemein hat.

Von Menschenhandel und Menschenjagd

„Die Stimme von Hamid Skif gehört zu jenen, die wir lieber nicht hören möchten, weil sie so eindringlich sind und uns so nahe kommen“, urteilte DER SPIEGEL seinerzeit über Hamid Skif. Mit Geografie der Angst ist dem Algerier, der seit 1997 in Hamburg lebt, erneut ein literarischer Wurf gelungen, der unter die Haut geht. Es ist das Schicksal der Afrika-Flüchtlinge, jener Boat People, die zumeist von Tanger aus übers Mittelmeer drängen, wo der Abstand zwischen Afrika und der Festung Europa am geringsten ist, wo nur 14 Kilometer beide Kontinente trennen - und mitunter nur ein Wimpernschlag den Traum vom Alptraum:

"Die Reisenden – wir benutzen keine andere Bezeichnung – zahlen zusätzlich zum Fahrpreis den Obolus des Gebets für die in der Mitte der Meerenge entsorgten Schwarzfahrer. Wer schwimmen kann, bleibt einige Augenblicke an der Oberfläche, genug, um das Totengebet mitzubekommen, dann geht er sanft im Kielwasser unter."

Allein zwischen 1997 und 2002 sind, so die offiziellen Zahlen, zehntausend Menschen ertrunken beim Versuch der Überfahrt. Seit einem Jahrzehnt füllt die Armutswanderung von Süd nach Nord wöchentlich die Zeitungsspalten, inspiriert Literaten und Filmemacher. Doch während Marokkos Autoren, etwa Mahi Binebine mit Cannibales (1999, dt. Kannibalen, 2003), Youssouf Amine Elalamy mit Les Clandestins (2000), oder, besonders deutlich, Salim Jay mit Tu ne traverseras pas le détroit (2001) den Schwerpunkt auf die Fährnisse der Überfahrt legen, hat Hamid Skif, der erste Algerier, der dieses Sujet aufgreift, den Akzent völlig anders gesetzt.

"Die in diesem Buch beschriebenen Ereignisse sind bis auf wenige Details authentisch. Sofern nötig, wird die Zeit ihre Echtheit bestätigen."

Skif erzählt uns die Geschichte eines Illegalen, der den Sprung nach Europa geschafft hat, freilich nur auf den ersten Blick: Es ist die Geschichte eines jungen algerischen Ingenieurs, Gründer der Liga arbeitsloser Akademiker. Er flieht wegen wirtschaftlicher Not und politischer Verfolgung aus seiner Heimat und entspricht ziemlich genau dem Phantombild des modernen Boat-People-Flüchtlings, wie ihn der Tunesier Fawzi Mellah in seinem Reportageroman Clandestin en Méditerranée (2000) skizziert: jung, städtisch, männlich, gebildet. Doch während Mellah sich in Wallraffmanier in die Szene einschleust, entwirft Skif das Szenario einer vielleicht nicht mehr ganz fernen Zukunft, in der das Boot definitiv voll ist und Polizeischergen Jagd auf Illegale machen, denen die Angst vor der Abschiebung im Nacken sitzt:

"Die Angst ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Sie weist mich auf Gefahren hin … Ohne sie wäre ich verloren. … Ich halte meine Angst an der Leine. Manchmal reden wir. Es tut gut, mit jemandem zu reden."

Seit vier Jahren ist er in Europa, unser Ingenieur, hat sich bald hier, bald da verdingt, als Landarbeiter, Tellerwäscher, Hundepfleger, Käferzüchter, hat sich als „Türke, Araber, Berber“ ausgegeben, als „Iraner, Kurde, Zigeuner, Kubaner, Bosnier, Albaner, Rumäne, Tschetschene, Mexikaner, Brasilianer oder Chilene, je nach Bedarf“, seinen Wortschatz reduziert auf das „Vokabular aus dem Sklavenwörterbuch“: „Arbeit, keine Arbeit, tragen, waschen, kratzen … aufladen, abladen, schneiden … aufbauen, putzen, abbauen, malen, nageln, abreißen, Pause, essen, bezahlen, Ruhe, sich verstecken, schweigen, kommen, gehen, fertig, nicht mehr kommen, wie viel?“ Und jetzt hat sich die Lage noch verschärft:

"Seit einigen Monaten gehe ich nur noch nachts aus, wobei ich darauf achte, dass die Holztreppen nicht knarren."

Er lebt versteckt in einer eisigen Dachmansarde, halbtot vor Hunger, ohne Heizung, ohne Strom, viele Monate schon, wartet auf Michel Delbin, den Studenten, der ihn heimlich dort einquartiert hat und ihm hin und wieder zu essen bringt. Wenn die Konserven ausgehen, taucht er Kekse in Kondensmilch. Um sich zu wärmen, wickelt er sich Zeitungen um den Leib und entzündet in einer Pfanne Alkohol. Um in Bewegung zu bleiben, peitscht er auf die Speichen eines defekten Fahrrads ein. Nachts schleicht er aus dem Haus, um den Müll nach Essbarem zu durchsuchen, bei Tag beobachtet er durch die Dachluke die Bewohner im Haus gegenüber und – schreibt, schreibt und schreibt.

"Draußen wäre ich im Gefängnis. Hier drin bin ich frei, aber ich existiere nicht."

Er schreibt, um zu existieren. Inspiriert vom Tagebuch der Anne Frank imaginiert Skif den Monolog eines Eingeschlossenen, der sich, da er kein eigenes Leben mehr hat, „vom Leben der anderen ernährt“ – und „von seiner Phantasie“. Wenn der Roman auch mit der packenden Schilderung der nächtlichen Überquerung der verschneiten Pyrenäen beginnt („Der Schlepper hatte nicht gelogen. Die Skelette am Rand des Pfads … bestätigten seine Worte. Die Grenzwächter schossen auf jeden Schatten“) und mit der mutmaßlichen Abschiebung endet, so bewegt sich der Erzählfluss doch eher strudelnd, in Spiralen, vor und zurück.

Dieses Psycho-Protokoll vom Eingesperrtsein und Ausgegrenztsein, vom schleichenden Verlust der Persönlichkeit, ist zugleich, so Skif, „ein Buch über die Art, Geschichten zu erzählen“, und ein Buch darüber, wie das Sicher-selber-Geschichten-Erzählen als seelischer Rettungsanker dient. Skif lässt den namenlosen Ich-Erzähler im Strom seiner Erinnerungen schwimmen, lässt ihn Lebensstationen nachzeichnen, auf dem Weg bis hierher, in diese Mansarde, Träume und Ängste, Kindheits- und Familiengeschichte, Anekdotisches und Mythologisches aus der algerischen Vergangenheit, im Wechsel mit Statements zur momentanen Befindlichkeit – Hunger, Kälte, Angst und Einsamkeit – und fantasiedurchtränkte Beobachtungen der Nachbarn im Haus gegenüber. Das soziale Elend, die materielle und sexuelle Not, all das erinnert stark an Texte maghrebinischer Klassiker, den Driss Chraïbi der Sündenböcke (1955, dt. 1994), Die tiefste der Einsamkeiten (1976, dt. 1986) von Tahar Ben Jelloun, in denen die Schattenseite der Wirtschaftswunderjahre, die menschliche Misere der Emigranten, so wortmächtig wie anrührend beschrieben wird. Dass all das noch steigerungsfähig sein würde, das hätte sich damals wohl niemand träumen lassen.

„Comment arriver à faire monter la peur chez le lecteur et lui faire prendre conscience de la terrible solitude de quelqu’un qui vit caché quelque part ?

„Wie stellt man es an, beim Leser die Angst zu wecken und ihn die furchtbare Einsamkeit von einem, der sich verstecken muss, nachfühlen zu lassen?“ Wie zieht man ihn in den Bann dieses anonymen Einzelschicksals, das doch stellvertretend für das Schicksal jener 10-15 Millionen Illegalen stehen kann, die es derzeit schätzungsweise in Europa gibt? Das hat Skif sich beim Schreiben dieses Romans immer wieder gefragt. Das Resultat ist mehr als eindrucksvoll: Unpathetisch, mit lakonischem Zynismus, in dichter, schlichter Alltagssprache, mit poetischen Einschüben, hat er ein ergreifendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit in einer globalisierten Welt verfasst.


"Und wenn ihr in meiner Leiche Würmer findet, pflegt sie gut. Sie werden bald Raupen sein und Schmetterlinge."

Man liest es in einem Rutsch, mit angehaltenem Atem. Zumindest das mehrfach preisgekrönte französische Original. Denn dem Übersetzer scheint die Poesie mehr als die Prosa zu liegen. So sehr er mit wundervollen Sprachbildern brilliert, so sehr liegt er mit der Syntax im Clinch, hat allzu vielen deutschen Sätze ein französisches Korsett verpasst, was den Lesefluss hemmt und das Verständnis erschwert. Als hätte der Verlag am Lektorat gespart. Bleibt nur zu wünschen, dass bei der Neuauflage diese Schwäche ausgemerzt wird. Autor und Buch haben es mehr als verdient.

Rezension von Regina Keil-Sagawe


Am Donnerstag, dem 6. Dezember, lesen Sie hier ein Interview mit dem Autor und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt.


Erstellt: 28-11-07
Letzte Änderung: 10-12-07


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