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Gupta, Shilpa - "Your Kidney Supermarket" - 26/01/04

S. Gupta's bunte Bio-Fake-Maschinerie

Shilpa Gupta's bunte Bio-Fake-Maschinerie
Jens Hauser
01. Februar 2004 - Berlin

Die web-basierten Arbeiten sowie die Installation "Your Kidney Supermarket" der indischen Künstlerin Shilpa Gupta spiegeln eine immer wiederkehrende Frage der Medienkunst wider: Inwieweit gibt Technologie Machart, Inhalte und Bedeutung vor? Denn mit der Banalisierung digitaler Medien auch in der nicht-westlichen Kunst darf nachgefragt werden, wie neutral, und somit in anderen Kulturkreisen offen für Gegenästhetik, digitale Technologie ist - oder ob sie die Anwendungsmuster global prägt.

Shilpa Gupta läd ein in ihren zynisch bunten Supermarkt, in dem farbenfrohe Nierchen in Plexiglasgefässen bereit stehen für den Patienten, der hier Kunde ist. Die Videoinstallation räumt die letzten Zweifel aus dem Weg: Die Handelswege der Transplantationsware verlaufen von der "dritten" zur "ersten" Welt, tendenziell von Frau zu Mann, von arm zu reich – Biokapitalismus, der auch über die parallele Netz-Präsentation "www.xeno-bio-lab.com" angeprangert wird: Die hier angelegten, auf den "Erste-Welt-Kunden" zugeschnittenen Nutzerprofile suggerieren den hemmmungslos funktionalen Austausch von Organen wie jedem anderen Produkt in unseren Zeiten des fortgeschrittenen Liberalismus. Jene imaginären Fake-Firmen bevölkern das Netz im westlichen Hort des Kapitalismus als eine Art Mode-Ironie, welche als notwendiger und wohlwollend geduldeter Einpruch gegen das herrschende System gesamtgesellschaftlich das Gewissen zu beruhigen scheinen und deshalb gerade beim Thema Biotechnologie inflationär, kathartisch aber entmaterialisiert über die Webserver wuchern. Nur verhältnismässig wenige Künstler verlassen das distanzierte digitale Serail und nehmen es mit Biotechnologie als Ausdrucksmittel selbst auf.

Diese Wahl hat die Inderin Shilpa Gupta nicht. "Ich würde gern im Millieu der Biotechnologie arbeiten, aber es ist schwer da hineinzukommen." Ihre Arbeit zum Thema des globalisierten Organhandels, bei dem Reiche Arme einen Glasperlenhandel aufdrängen, haben angesichts der betroffenen Slums der indischen Millionenstädte Legitimität. Da spricht jemand, der betroffen ist, die Perspektive umdreht, und dazu den Boomerang der digitalen Medien benutzt. Doch wenn auch das Thema aus der gegenüberliegenden Perspektive gesehen anklagend statt selbst-versöhnlich wirkt, so überrascht, dass die gewählten Web-Präsentationen nuancenlos dem dominanten westlichen Vorbild entsprechen. Online-Zertifikate, Pop-Ups mit an das schlechte Gewissen appellierenden Botschaften, Standard-Scroll-Downs. Die Subversion und Verhöhnung von Corportate Identity sind deren Spiegel, nicht aber eine kulturell geprägte Zweckentfremdung des Mediums. Warum?

Gern wird in diesen Jahren der sogenannten biotechnologischen Revolution auf Michel Foucault als prägenden Philosophen des Konzepts der Biopolitik verwiesen. Denn in der Tat stellt sich den Künstlern die Fragen, wie durch Technologie - die sie ja nun selber verwenden - sowie durch den biotechnologischen Boom zunehmende Kontrolle des Individuums stattfindet – und sei es als die Selbstkontrolle und Selbst-Zensur, die bei Foucault als unausweichliche Disziplin beim Konstrukt des Selbst erscheinen, als "techniques du soi". Foucaults Gedanke der Biopoltik versteht sich als logische historische Evolution: von der absoluten Beherrschung des Volkes durch die Herrschenden, inklusive das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, Leibeigenschaft und anderen feudalen Abhängigkeitsverhältnissen bis hin zum heutigen Liberalismus, den das Digitalzeitalter vorantreibt und bei dem es für die herrschenden Kräfte ökonomischer ist, wenn sich die Individuen selbst kontrollieren und dressieren, und sich dabei sogar frei fühlen.

Wenn Shilpa Gupta nun Netzkunstaktionen als Verlängerung ihrer Performances betrachtet, die das Rollenverhalten des einzelnen erproben, so erweitert sie natürlich ihre kreativen Ausdrucksmittel. Dass sie dabei auf das nunmehr klassische Konzept der "Fake-Companies" zurückgreift, ist ein Indiz dafür, dass sich via digitale Medien wohl Inhalte und Sichtweisen kulturell bedingt unterscheiden, weniger jedoch die Struktur dieser liberalen Netzwerkarchitektur, die nach und nach die "zweite" und "dritte" Welt absorbiert und die Freiheit zur Selbstkontrolle als die Glasperlen von heute exportiert.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 26-01-04


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