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Eine Dokumentarserie, exklusiv für arte.tv.

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Kontrapunkt - 11/02/09

Rückkehr nach Wien, Sommer

„Um 18 Uhr im Café Hawelka“ hat Rémy gesagt. Leopold Hawelka, der unumstrittene Chef des Etablissements, erwartet mich bereits am Eingang. Er besitzt sein Café seit 1939. Er ist 97 Jahre alt. In Wien gibt es das Riesenrad, den Stephandsdom und Leopold Hawelka. Jedes Jahr zu seinem Geburtstag widmet ihm das österreichische Fernsehen eine Reportage.

Rémy sitzt auf einem der verblassten Sofas im hinteren Teil des Raumes und blättert gerade die Sportseiten der Tageszeitung Kurier durch. Rémy, der österreichischste Franzose den ich kenne, der Freund auf Reisen und an den unzähligen untätigen Sonntagnachmittagen unserer Jugend. Als er mich erblickt, steht er auf und ruft mir ein lang gezogenes „Servus!“ zu. Ich setzte mich hin und versuche dabei vergeblich einen riesigen Kaffeefleck, den ein Gast vor einigen Jahrzehnten dort zurückgelassen hat, auf meinem Sessel zu beseitigen. „Willkommen zu Hause“, grinst Rémy. „Es ist schön wieder da zu sein“, erwidere ich knapp. „Umso schöner ist es, da sich nicht ändert“. Er blickt auf seine Uhr. „Hatten wir nicht gesagt 18 Uhr?“. Es ist 19h30. „Ich habe mich an den französischen Lebensstil gewöhnt… Und in Wien ist ja auch alles beim Alten…“ Abermals grinst er. „So ist es eben: Nach Wien zu kommen ist so wie in eine leer stehende Wohnung zurückzukehren. Alles ist genau so, wie man es das letzte Mal gesehen hat“. Und er beginnt mir von all jenen Sachen zu erzählen, die im Laufe des letzten Jahres nicht passiert sind. „Das alles ist ja schön und gut. Aber was machen wir eigentlich heute Abend?“ „Gehen wir zum Rathausplatz“.

Der Sommer ist die einzige Jahreszeit, in der die Straßen Wiens voller Leute sind: Die Stammgäste der Innenstadt mit ihren arroganten Manieren vermischen sich mit den Touristen in kurzen Hosen und staunenden Gesichtern, die jungen Pärchen voller Energie gehen an den traurigen Greisen mit ihren gekrümmten Rücken vorüber und die ewigen Streuner mit ihrer sonnenverbrannten Haut starren verächtlich auf die dynamischen Yuppies in ihren maßgeschneiderten Anzügen. All diese Leute treffen sich am Ende des Nachmittags um den Rathausplatz, auf dem internationale und kulinarische Spezialitäten angeboten werden. Ab 21 Uhr finden auf dem Riesenbildschirm vor dem Rathaus Opern- und Konzertübertragungen statt. Nach mehr als einer Stunde Lohengrin leitet der Marsch der Walküren unseren Abgang ein: Ein paar Freunde sind zu uns gestoßen und wir machen uns auf um den weniger klassischen Teil des Abends zu beginnen.

Am Ufer des Donaukanals am Nordrand der Innenstadt wollten die Wiener ein bisschen Meer spüren – und das ohne ihre Stadt verlassen zu müssen. Das Resultat ist ein bisschen angehäufter Sand rund um eine ehemalige Industriefläche, welche heute den klingenden Namen Strandbar trägt. Die schwere Luft der sommerlichen Stadt vermischt sich hier mit dem Geruch schlecht gemixter Caipirinhias. Deswegen ziehen wir es vor, die Nacht einige hundert Meter weiter auf der hölzernen Terrasse des Flex’ fortzuführen. Das Bier ist kühler und die Leute weniger eingebildet. Schwere, blaue Rauchwolken und der abgehackte Rhythmus der „Drum&Base“ Musik steigen aus dem Inneren des Klubs an die Oberfläche. Ab und zu gehen ein paar Punks mit ihren Schäferhunden vorüber. Daneben versuchen ein paar Marihuanaverkäufer ihre „Ware frisch aus Marokko“ an den Mann zu bringen. Unsere Unterhaltungen verlieren sich im Getöse der Musik.

Die Nacht geht, wie immer, am Würstelstand in der Nähe des Heldenplatzes zu Ende. „Was machen wir morgen?“, fragt Rémy, während er einen riesigen Käsekrainer verzehrt. „Ich weiß es nicht“. Ich bin viel zu müde um zu denken. Es ist 4 Uhr 30 und die Sonne beginnt bereits hinter der dunklen Reiterstatue des Erzherzogs Karl in der Mitte des Heldenplatzes aufzugehen. Der Wind bläst stark, es ist kalt.

Alexander Knetig

Kommen Sie mit auf die Reise

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Erstellt: 18-07-08
Letzte Änderung: 11-02-09


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