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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Roland Kirk: "Rip, Rig & Panic"

Emarcy 1965


Brückenschlag zwischen Straßenmusik und Avantgarde
von Bert Noglik

Jahrhundertaufnahmen des Jazz

Ihn trieb eine unstillbare Neugier nach den Klängen der Welt. Und er strebte danach, dem, was er hörte, etwas Neues hinzufügen: der 1936 geborene und bereits in der Kindheit erblindete Roland Kirk. Er weigerte sich, seine Musik kategorisieren zu lassen und wollte sich auch nicht auf ein Instrument beschränken. Auf seinem 1965 aufgenommenen Album „Rip, Rig And Panic“ entfaltete er die ganze Palette seiner Klangvorstellungen – mit dem Tenorsaxophon, der Flöte sowie zwei seltenen, von ihm in einem Trödelladen aufgefundenen Instrumenten, die ursprünglich in der Militärmusik Verwendung fanden: Manzello, ein dem Sopransaxophon ähnliches, und Stritch, ein dem Altsaxophon verwandtes Instrument. Kirk faszinierten ungewöhnliche Soundkombinationen. Was bei oberflächlicher Betrachtung wie Effekthascherei anmutete, entsprang seinem tiefem Bedürfnis nach Erweiterung des Klanges: das simultane Spiel von zwei oder drei Blasinstrumenten. Beim Titel „Mystical Dream“ lässt er sich gleichzeitig mit Stritch, Tenorsaxophon und Oboe vernehmen. Wie manche seiner musikalischen Visionen erschien ihm auch die spätere Ergänzung seines Namens im Traum: Rahsaan.

Roland Kirk begann seine Laufbahn als „Einmannorchester“ mit mehreren Instrumenten an Straßenkreuzungen in Chicago. Wie Charles Mingus, mit dem er 1961 einige Monate zusammenarbeitete, assimilierte er die gesamte Geschichte der afroamerikanischen Musik. Auf der Platte „Rip, Rig And Panic“ gibt es zahlreiche Verweise auf Vorbilder und Wegbereiter. Mit „No Tonic Press“ verneigt sich Roland Kirk vor Lester Young. „From Bechet, Byas, And Fats“ ist eine Hommage an den Klarinettisten und Sopransaxophonisten Sindey Bechet, den Tenorsaxophonisten Don Byas und den Pianisten Fats Waller, und „Once In A While“ wurde vom Trompeter Clifford Brown inspiriert.
Doch Kirk versucht nirgendwo, seine Idole zu kopieren. Er schafft quasi musikalisch- futuristische Portraits, indem er bekannte Stilelemente mit neuen kombiniert und innovativ übermalt. Der rhythmisch-harmonische Rahmen wird wesentlich erweitert und bei dieser, einer der wohl kühnsten Produktionen des Multiinstrumentalisten gelegentlich auch aufgelöst. Für die multiperspektivischen Unternehmungen erwiesen sich der vor allem durch seine Zusammenarbeit mit John Coltrane profilierte Schlagzeuger Elvin Jones, der sich mühelos zwischen der Stilistik eines Fats Waller und der eines Thelonious Monk bewegende Pianist Jaki Byard und der universell erprobte Bassist Richard Davis als exzellente Mitstreiter.

Auf der Suche nach dem bislang Ungehörten entwickelte sich Roland Kirk nicht nur zum Multiinstrumentalisten. Er beschäftigte sich auch mit Klangcollagen, die im Jazz der damaligen Zeit durchaus avantgardistisch anmuteten. Beim Titelstück „Rip, Rig And Panic“ und bei „Slippery, Hippery, Flippery“ kombinierte er den akustischen Klang seines Quartetts mit vorproduzierten Sounds, computergenerierten Tönen, Klangerzeugern wie Sirenen, Glockenspiel und Kastagnetten, der Verfremdung der eigenen Stimme, Babyschreien und dem Krache eines auf den Boden des Studios geworfenen Glases, wobei er sich u. a. auf Anregungen von Edgar Varèse bezog.
All dies stand bei ihm im Kontext mit jazzintensiven Passagen, beflügelt von der Eleganz des Swing und dem Drive des Hard Bop. So entstand ein facettenreicher Bilderbogen, der nie auseinander fällt, weil er vom Spiel einer starken Persönlichkeit durchzogen wird: Rahsaan Roland Kirk, der 1976, nach einem Schlaganfall, noch einen neuen Anfang startete und ein Jahr später 41-jährig an Herzversagen starb. Große Rockmusiker erwiesen ihm ihre Referenz, u. a. spielte Ian Andersen von Jethro Tull Kirks unvergängliche "Serenade for a cuckoo", und eine einflussreiche britische Post-Punk-Band nannte sich Anfang der achtziger Jahre, auf Kirk Bezug nehmend, „Rip, Rig And Panic“.

Text: Bert Noglik

The Roland Kirk Quartet:
Rip, Rig And Panic
Emarcy 832 164-2 ESP 1002 (1965)

Erstellt: 21-12-07
Letzte Änderung: 28-11-08