Kinostart 20. Oktober 2005 - 19/10/05
Rize
Ein Dokumentarfilm David LaChapelle
LaChapelles soziale Hineinfühlversuche wirken distanzlos und doch stark von dem Bemühen getrieben, einen möglichst massenkompatiblen Film herzustellen
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USA, 2005, 85’
Synopsis: Der Hochglanzfotograf, Musikvideo- und Dokumentarfilmer David LaChapelle beobachtet in seinem Tanzfilm ein neues Streetdance-Phänomen von der amerikanischen Westküste, das „Krumping“.
Kritik: Sie nennen sich ‚Tight Eyez’, „Lil C“ oder ‚Tommy the Clown’, die Mitglieder jener konkurrierender Freestyle-Tanzgruppen aus South Central Los Angeles, die ihre Kämpfe nicht mehr waffenstarrend, sondern tanzend auf so genannten ‚Battlegrounds’, von Zuschauern umrahmten Asphaltarealen austragen. Die Begründer des neuen Streetdance-Phänomens nennen sich ‚Clowns’ und ‚Krumps’. Das „Krumping“ lässt sich von anderen, von der Musikindustrie längst in Form und Ausdruck banalisierten Hip-Hop-Tanzstilen - von den Krumpers abschätzig ‚bling-bling hip-hop’ genannt - am besten dadurch unterscheiden, dass ein solcher Auftritt pure, rohe, eruptionsartig hervorbrechende Energie hervorbringt. Am ehesten fühlt man sich emotional an Auftritte der ersten Breakdance-Artisten erinnert, die noch fern von jeder kommerziellen Intention stattfanden und pure Freude am Tanz vermittelten. Ein ‚Krumper’ vergisst sich und seine Umgebung, versetzt sich und seinen Körper in Momenten beispielsloser Willensanstrengung in eine Art Ausnahmezustand, der die Tänzer in ihren körperlichen Fähigkeiten über sich selbst hinauswachsen lässt. Bei ‚Krumping’-Tänzern gibt es folglich keine aufgepumpten Fitnessstudio-Muskelberge zu bewundern, sondern drahtige, sehnige Ausdauersportlerkörper. Diese scheinen unter den Augen von David LaChapelles aus nächster Nähe auf sie gerichteten Kamera in unerwarteten Energieausbrüchen förmlich zu explodieren.
Was David La Chapelle virtuos geschnittene und gedrehte Dokumentation über die Leinwand hinaus erfahrbar macht, ist die in Energie umgewandelte Wut, die in ‚Krumping’ enthalten ist. Entstanden als Reaktion auf die Rassenunruhen im Zusammenhang mit der Ermordung Rodney Kings durch die Polizei von Los Angeles 1992, greift der Tanz auf alte afrikanische Stammesriten zurück, um sie mit modernster, atemberaubender Athletik zu kombinieren. Während ihrer Auftritte tragen die Tänzer eine Art Kriegsbemalung, die sie als Mitglieder ihrer Truppe erkennbar macht und kampfesbereit erscheinen lässt. So verschafft sich der ausnahmslos der schwarzen Unterschicht entstammende Tänzer Respekt in einer Umgebung und die Möglichkeit für einen gut dotierten Auftritt in einem Werbespot oder anderem lukrativen Event. So hat die Kommerzialisierung von „Krumping“ – das zeigen auch der Internetauftritt von „Rize“ (www.rizemovie.com) und der teilweise sehr MTV-lastige Schnitt von LaChapelle- längst begonnen. Ob die Verwandlung von ‚Krumping’ in ein Massenphänomen der weiteren Entwicklung des Tanzstils gut bekommt, bleibt abzuwarten.
Doch LaChapelle hat in seinem ersten Kinofilm, der auf seinem preisgekrönten Kurzfilm „Krump“ aus dem Jahr 2004 beruht, Mühe gegeben, nicht nur auf seine künstliche Bilderwelt zu vertrauen, mit der sich unter anderem Christina Aguilera in „Dirty“ oder Britney Spears in ihrem Wiedergeburtsvideo „Everytime“ geschmückt haben. Er zeigt sich auch als sozial engagierter Dokumentarfilmer, wenn er auch den Alltag der Tänzer nach den ‚Battles’ zeigt, der von Einbrüchen und Schießereien überschattet ist. In Verbindung mit den stark stilisierten, teilweise verkitschten Bildern vom ‚Battle’-Finale der ‚Clowns’ gegen die ‚Krumps’ wirken LaChapelles soziale Hineinfühlversuche aber distanzlos und doch stark von dem Bemühen getrieben, einen möglichst massenkompatiblen Film herzustellen.
Martin Rosefeldt
Erstellt: 18-10-05
Letzte Änderung: 19-10-05