24/09/07
Rituelle & Schamanismus
Rituelle Opfer
Dem alten Glauben nach standen die vier Jahreszeiten unter dem Schutz von vier Gottheiten, deren erste das Pferd war. Es galt als günstig, dem Herrscher des Flusses ein weißes Pferd zu opfern, indem man es ertränkte. Schweine oder Hausrinder wurden jedoch nicht geopfert. Es darf angenommen werden, dass es daneben noch andere Gottheiten gab, denen man opferte. Wie diese Opferriten jedoch genau aussahen, ist umstritten. Stiere und Kälber zumindest ereilte das gleiche Schicksal. Und im Juni opferte man einen schwarzen Büffel, damit die bestellten Felder reichere Ernten hervorbrachten.
Jedem der sechs Wochentage war ein Tier gewidmet (der siebte Tag blieb dem Menschen vorbehalten), und das Tier durfte an dem ihm zugeordneten Tag nicht getötet werden. Der Neujahrstag war der Tag des Hahnes. Als Glückssymbol malte man ihn auf die Türen der Häuser. Allerdings scheint es zu gewissen Zeiten auch üblich gewesen zu sein, an diesem Tag einen Hahn zu opfern. Pferd, Rind, Widder, Schwein, Hund und Hahn wurden offenbar jedoch nicht geopfert.
Huangdi
Nach der Überlieferung soll Shi Huangdi, der erste Kaiser der Han-Dynastie, seinen Soldaten und verdientesten Mitstreitern Tiernamen gegeben haben. Seine Dynastie soll er entsprechend der Lehre von den Beziehungen zwischen den Elementen und den Menschen unter das Zeichen des Wassers, der Farbe Schwarz und der Zahl Sechs gestellt haben. Er war die Leitfigur der taoistischen Geheimbünde, die sich mit Kunst, magischen Praktiken und Alchemie beschäftigten. Huangdi ist ein Symbol der Einheit Chinas, des Beginns einer neuen, wenngleich noch von den vorgeschichtlichen Traditionen geprägten Ära. Die taoistischen Bruderschaften, die ausschließlich Männern vorbehalten waren, benutzen Tierdarstellungen als Erkennungszeichen und praktizierten symbolische Tänze und Opfer. Sie verbreiteten den Volksglauben, dass es in grauer Vorzeit Kontakte zwischen den Himmelswesen wie dem Feuervogel (Phönix) oder dem Fasan und den Menschen gab (die rituellen Kleider von Prinzessinnen sind immer mit Darstellungen von Fasanen geschmückt).
So soll Huangdi seine letzte Reise zu den Unsterblichen auf dem Rücken eines Drachen angetreten haben. Dieses unter allen Tieren der chinesischen Mythologie sicherlich berühmteste Fabelwesen war das Wappentier der Han-Dynastie. Es ranken sich zahlreiche Legenden darum. Eine erzählt von einem Drachen, der wie seinesgleichen im Wasser lebte. Er besaß eine schimmernde Perle, einen Karbunkel, der im gestohlen wurde, während er schlief, weil er vor dem zerstörenden Feuer schützt. Der Drache ist auch ein Symbol für Waffen. So setzt man ein Schwert, das gerade im Feuer gehärtet wird, einem Drachen gleich und gibt ihm häufig dessen Namen. Hasengalle dagegen gilt als hilfreich beim Schmelzen von Metall, denn der Hase ist ein Symbol der Treue: „Zwei zusammen geschmolzene Schwerter bleiben treu wie zwei Hasen“, lautet eine Formel, mit der man eine Allianz besiegelt. Daraus ist der Aberglauben entstanden, dass man das eine Schwert ins Wasser werfen kann und es dort das andere findet, woraufhin Drachenaugen erscheinen. Es gibt keine Legende, in der nicht Fabelwesen auftauchen. Vielfach findet man Schlange und Drachen in einem gemeinsamen Symbol miteinander verschmolzen, der fliegenden oder springenden gelben Schlange. Als Himmelswesen führt sie die Vierfaltigkeit der Himmelsherrscher an.
Huangdi war es der Legende nach auch, der Kwei in Stücke riss, den einbeinigen Musiker in der Gestalt eines Rindes, der die mit einem Hirschfell bespannte Erdtrommel erfand, deren Ton dem des Donners glich. Er soll aus ihm eine Trommel gemacht haben, die er mit einem Knochen schlug, um in seinem Reich Angst zu verbreiten und sich Achtung zu verschaffen. Kwei, so erzählt man sich, heiratete eine Prinzessin, die ihm einen Sohn gebar: das Große Schwein.
Einige der Gottheiten sollen Menschengestalt gehabt haben. Auch konnten sich die Ahnen in Schlangen oder Schweine verwandeln. Dieser Volksglaube hat seine Wurzeln in den ursprünglichen Religionsformen des frühen China: Totemismus und Schamanismus.
Totemismus und Schamanismus
Der Schamanismus ist die Religion der Nomaden Sibiriens und der Mongolei, die Animisten sind und an Geister glauben. Zwischen diesem und dem Totemismus, dem ursprünglichen Modell der chinesischen Gesellschaftsordnung, in dem jedem Familienclan ein Schutztier zugeordnet wurde, gab es vielfache Berührungspunkte.
Keine der chinesischen Legenden lässt sich ihrer Entstehung nach datieren. Sie wurden erfunden von Familien, denen es darum ging, ihre Macht zu legitimieren. Dennoch enthalten sie sicherlich einen Kern Wahrheit, denn in der Welt der Mythen entsteht nichts aus dem Nichts. Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang mit der Entstehung des Stammeswesens und der Vererbung in der männlichen Linie.
Der wichtigste Aspekt des Totemismus ist die Endogamie, d.h. das Gebot, nur innerhalb des eigenes Stammes zu heiraten. Dadurch entstehen große Familienverbände, die durch ihren gemeinsamen Namen zu einer Gruppe zusammengeschweißt werden. Aus der Zugehörigkeit zu einem Familienclan ergibt sich eine Übereinstimmung zwischen dem Lebensbereich, den Namen und sogar der Nahrung. Die Hia, deren Namen auf Drachen verweist, sollen Drachen aufgezogen und gegessen haben. Ihre Fahne trägt das Fabelwesen im Familienwappen als Zeichen der Tugend und Autorität. Der Ursprung ist unklar, doch geht er möglicherweise darauf zurück, dass der Drache das persönliche Totemtier des gemeinsamen Urahnen war. Die Lan (chinesisch für Orchidee) erklären die Herkunft ihres Namen mit folgender Geschichte: Der König Lan soll seinen Namen einer List seiner Mutter verdanken, die von ihrem Mann verlangte, ihr diese Blume als Zeichen ihrer Verbundenheit zu bringen, damit man sie als rechtmäßige Mutter anerkenne. Sie habe deshalb ihrem Sohn diesen Namen gegeben. Dieser habe bei seinem Tod die Blume abschneiden lassen. Seinen letzten Atemzug habe er in dem Augenblick getan, als die Blüte zu Boden fiel. Einen ähnlichen Ursprung hat wohl auch der Name der Yin, die in ihrem Wappen den Maulbeerbaum und die Paulownia (Blauglockenbaum) führen. Gewöhnlich wurden die Clans, die Pflanzen als Familienzeichen haben, von Frauen begründet, während die Männer ein Tier (Tiger, Drache, Bär) wählten. Zwei Ausnahmen bilden die Schlange und der Fasan, denn sie sind weibliche Embleme. Die Totemtänze, deren Überbleibsel in Form des Drachentanzes oder des Tanzes der Zwölf Tiere in den heutigen Neujahrsfesten erhalten geblieben sind, wurden mit Masken getanzt und mündeten in Menschen- oder Tieropfer, bei denen die Opfer zerstückelt wurden. In ihrer friedlicheren Form zur Zeit des feudalen China schrieb man ihnen zu, die Kräfte des Bösen zurückzudrängen und böse Geister zu vertreiben. Lediglich dieser symbolische Charakter ist bis in unsere Zeit erhalten geblieben. Die mächtigsten Fürsten trugen Bilder von Schmieden in ihrem Wappen. Wie im Westen verlieh die Stellung des Schmiedes als Herr über Eisen, Wasser und Feuer diesem eine unumstrittene Macht in der Gesellschaft.
Aus heutiger Sicht haben sich in der von den Han-Kaisern begründeten chinesischen Kultur zwar die markantesten ursprünglichen Traditionen erhalten, sie wurden jedoch über die Jahrhunderte und unter dem Einfluss der verschiedenen Ideologien so verformt, dass sie heute nur noch in bruchstückhafter und einseitiger Ausprägung vorhanden sind.
Erstellt: 24-09-07
Letzte Änderung: 24-09-07