Weshalb Hass und Gewalt?
Die Idee einer Verständigung der Völker in Südosteuropa hat zur Verständigung von gleich drei Finanziers in Deutschland geführt, der Robert Bosch Stiftung, der S. Fischer Stiftung und dem Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI. Richard Swartz, der Herausgeber und Journalist, kocht die Idee der Völkerverständigung in seinem Nachwort jedoch erst einmal herunter: Er spricht zunächst von Kohlrouladen und saurer Sahne, die sich von der Türkei über den Balkan bis in seine Heimat Schweden verbreitet hätten. Das „nahezu Identische“ führe jedoch leicht zu Hass und Gewalt. Warum das so sei, hat Swartz 21 Schriftsteller gefragt: „Weshalb dieses Misstrauen gegenüber dem Nachbarn? Weshalb die Neigung, in ihm den Feind statt den Freund zu sehen? Weshalb die ethnische Säuberung als Wunschtraum und Programm?“
Swartz’ Fragen, die auf Persönliches zielen, lassen den Autoren viel Freiheit. Sie wird genutzt, „Der andere nebenan“ ist ein Potpourri: Bora Ćosić, Charles Simic und Luan Starova erinnern sich an Kindheitserlebnisse und die Unterschiede ihrer Familien zu „den anderen“. Die alltägliche Brutalität im Krieg beschreiben David Albahari und Slavenka Drakulić. Das Leiden im Exil schildern Vladimir Arsenijević und Beqë Cufaj eindrucksvoll, Biljana Srbljanović und Irena Vrkljan recht rührselig. Die Emigrantin Maruša Krese reist befremdet durch ihre Heimat Slowenien, und Ismail Kadaré weiß, dass Karl Marx an allem Schuld hat. Drago Jančar glaubt, zu Zeiten von James Joyce stand es besser um Europa, während Saša Stanišić und Dimitré Dinev erzählen, wie gut sich alle einst in Jugoslawien verstanden haben, bis plötzlich die Bösen kamen. Von der Erzählung bis zum Kurzessay ist alles vertreten. Leider auch der menschelnde Kitsch.
Lob des Umwegs
Die Anthologie „Der andere nebenan“ erscheint recht spät. Die Kriege liegen mehr als ein Jahrzehnt zurück, und schon erzählen die ersten Romane von ihnen: Der im Band vertretene Saša Stanišić hat sich nicht ohne Erfolg an der Groteske „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ versucht, und Dževad Karahasan schildert in „Der nächtliche Rat“ die zunehmenden Spannungen vor dem Beginn des ersten Kriegs als veritable Horrorgeschichte. Karahasan fehlt in der Anthologie, ebenso die scharfsinnige Dubravka Ugrešić. Doch Richard Swartz ist eine gute Balance zwischen bekannten und unbekannten Namen gelungen. Vertreten ist auch das oft vergessene Albanien, das – ebenso wie Bulgarien durch Makedonien – durch den Kosovo vom Zerfall der Volksrepublik Jugoslawien berührt wurde.
Swartz reiht die Autoren alphabetisch aneinander. Das wirkt einfallslos, ist aber sicher richtig, um durch den Krieg geschlagene Wunden nicht erneut aufzureißen. Umso erstaunlicher, dass die Anthologie im letzten, nur dem Alphabet zu verdankenden Drittel zu Höhenflügen antritt. László Végel, Angehöriger der ungarischen Minderheit in Vojodina, wirft als Erster einen genaueren Blick auf den Begriff des Anderen. Er unterscheidet zwischen dem ungefährlichen, weil fernen Anderen und dem bedrohlichen Anders-Sein des „vertrauten Fremden“. Weil jeder in sich oder im Nachbarn das Anders-Sein erfahre und die eigene Identität gefährde, werde es von Zeit zu Zeit mit aller Gewalt bekämpft: in Juden oder auch in Kroaten und Bosniern. Nenad Veličković ironisiert Swartz’ Fragen nach dem Anderen und versucht, sie zu beantworten als – ein Anderer, während ein gewisser Nenad Veličković sich zur gleichen Zeit nicht vom Onanieren abhalten lässt. Und Vladimir Zarev beendet den Band mit einer Erzählung über einen rätselhaften Mann, der mit einem Zirkus kommt und nichts vermag, als traurig Flöte zu spielen. „Die Bestimmung des Menschen“ ist nicht leicht auf das Thema des Bandes zu beziehen – aber oft ist es ja der Umweg, der eher zum Ziel führt als der direkte Weg.Die alphabetische Ordnung
„Der Zweck dieser Anthologie ist aus meiner Sicht rein literarisch“, beteuert Swartz in seinem Nachwort. Das überrascht ein wenig. Denn um „Gegenwartsprosa aus Südosteuropa“ vorzustellen, hätte er keine Fragen an die Autoren stellen müssen. Swartz’ Hin und Her zwischen dem Auftrag an die Schriftsteller und dem Hinweis auf die literarische Autonomie ist nicht zufällig, es entspringt der Spannung zwischen Idee und Umsetzung, Stiftungen und Schriftstellern. Noch vor dem Inhaltsverzeichnis findet sich der Hinweis, dass die Anthologie gleichzeitig in den Herkunftsländern der Autoren erscheinen wird. Aufgeführt sind die acht Staaten in alphabetischer Reihenfolge: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien… Da ist sie wieder, die leitende Idee der Völkerverständigung.
Eine Rezension von Jörg Plath
Begegnen Sie auf der Buchmesse bei uns am ARTE Stand (Westfoyer, Halle 3.1) dem kosovarischen Schriftsteller Beqë Cufaj und dem serbischen Autor Dragan Velikić
am 10.10. um 15 Uhr
Die Balkananthologie „Der andere nebenan“
Literatur aus dem Südosten Europas. Richard Swartz (Herausgeber der Balkananthologie) im Gespräch mit dem kosovarischen Autor Beqë Cufaj
am 11.10. um 15.00 Uhr
Die Balkananthologie „Der andere nebenan“
Literatur aus dem Südosten Europas. Richard Swartz (Herausgeber der Balkananthologie) im Gespräch mit dem serbischen Autor Dragan Velikić
In Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung






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