Man braucht eine Zeitlang, um sich im Roman von Price zu orientieren. Der Singsang der expressionistischen Satzfetzen macht es schwer, zwischen den Straßengangstern der Lower East Side und den Wache schiebenden Cops zu unterscheiden. Der Titel ist doppeldeutig. Einerseits ist „Cash“ der Name eines Protagonisten, andererseits wird signalisiert, um was es hier geht, um Geld und sonst nichts. Bei einem Routineüberfall läuft etwas schief. Der kleine Nachwuchskriminelle verliert die Nerven und erschießt sein Opfer. Der Leser kennt den Täter, nicht aber die Ermittler. Price geht es auch nicht primär um den Kriminalfall. Stattdessen schildert er mitreißend, wie ein einstiges Scherbenviertel brutal „saniert“ wird. Auf der einen Seite die verwahrlosten Sozialbatterien, in denen hauptsächlich Farbige wohnen, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Arbeitslose, Huren und Dealer, auf der anderen Seite die Kreativindustrie, die sich in den schicken neuen Bars und angesagten Restaurants selbst feiert. Ein explosives Gemisch, das der New Yorker Autor aus eigener Anschauung mit rasantem Tempo und lakonischer Härte schildert. Die peinigend mangelnde Intelligenz der Gangster findet ihre Entsprechung in den Lebenslügen des Kreativprekariats: jeder Kellner ein Schriftsteller, der demnächst groß rauskommt, jede Barfrau eine verhinderte Schauspielerin und dazwischen jede Menge schwer Verstörte. Price, der Erfinder der TV-Serie „Wire“, ein hoch gefeiertes Gesellschaftspanorama, das in Baltimore spielt, holt sich seine Anregungen direkt von der Straße. Hier wird ein Krimi zur Sozialstudie: außergewöhnlich!
Ingeborg Sperl/Der Standard Juni 2010
KrimiWelt-Bestenliste Juli 2010
In den USA überschlug sich die Kritik, als 2008 "Lush Life" von Richard Price erschien: Das größte Lob war gerade gut genug für diesen Kriminalroman, dessen Hauptfigur eigentlich New York ist. Vom S.Fischer-Verlag hat dann Miriam Mandelkow die ehrfurchtgebietende - und von ihr sehr gut gelöste - Aufgabe erhalten, all die umgangssprachlichen und Slang-Dialoge, die Rap-Reime, die manchmal äußerst verknappten Orts- und Personenschilderungen zu übersetzen. Verknappt heißt hier keineswegs, dass dies ein schmales Buch ist: "Cash", so der deutsche Titel, hat mehr als 500 Seiten, die sich zu einem in doppeltem Sinn großen Panorama fügen.
Eric Cash, Geschäftsführer eines Restaurants, ist eine der Hauptfiguren und hat außerdem so einen schön sprechenden Namen, dass ihn S.Fischer nun zur Titelfigur machte. Mit zwei anderen jungen Männern ist er auf dem Heimweg von einem Besäufnis, als die drei überfallen werden. Barkeeper Ike erwirbt sich eine Art Nachruhm dadurch, dass er zum Räuber, der seine Geldbörse will, sagt: "Heute nicht, mein Freund." Dann ist er tot. Und Eric Cash wird zum wichtigsten Zeugen der Polizei, weil der sturzbesoffene Dritte noch gar nicht vernehmbar ist. Cash ist also Zeuge, dann Hauptverdächtiger (ein junges Paar versichert, keine Räuber gesehen zu haben, nur die drei Heimkehrer), dann wieder der wichtigste, aber ein beleidigter Zeuge. Matty und Yolonda, die Polizisten, die die Verhöre führen, spielen good cop, bad cop, sind trickreich auch im Umgang mit ihren Vorgesetzten.
Doch bald scheinen die Ermittlungen festzustecken. Und vor allem Matty hat zudem den Vater des Erschossenen am Hals, dessen Leben sich gerade auflöst. Dazu das seiner zweiten Ehefrau und Stieftochter.
"Cash" ist bewundernswert fein verzahnt. Anfangs fliegen einem die Charaktere nur so um die Ohren und man hat Mühe, sie zu sortieren. Dann merkt man, wie ein Szenenwechsel, ein kurzer Abschnitt vielleicht nur, sich rückbezieht, ein Zeitsprung ist zu etwas, von dem man bereits aus anderer Figurenperspektive gelesen hat. Zwar braucht man ein passables Gedächtnis, aber dann kann man zum Beispiel entdecken, wie dezent und fast versteckt Price auf der Straße den Mörder der Stiefschwester seines Opfers begegnen lässt - ohne dass er wüsste, wer dieses Mädchen ist, das er irgendwie ganz interessant findet, das ihn aber gar nicht wahrnimmt.
Drei Milieus vor allem treffen in dem Roman aufeinander: Junge Farbige, die in elenden Wohnsilos hausen, keinen Job haben und also Gangster werden; kleine und mittlere Angestellte, wie Cash, wie die ihn umgebende Kellnerschar, wie der Vater des Ermordeten; und die Polizisten, die mit ihrer aufreibenden Arbeit auch nicht reich werden. Und im Fall von Matty ihrer Familie so entfremdet sind, dass sie die Söhne im Stillen nur "der Große" und "der Andere" nennen.
Schon als Drehbuchautor der im Baltimore Police Department spielenden, vielfach ausgezeichneten Fernsehserie "The Wire" soll Richard Price heftigst und lange bei der Polizei und im Milieu ihrer "Kunden" recherchiert haben. "Cash" ist sicher auch darum ein Roman, der sich durch und durch realistisch anfühlt - obwohl man irgendwann durchschaut, wie sorgfältig er gebaut ist. Das Leid der Angehörigen des Toten, das Mitleid und gleichzeitig die beruflich bedingte Rücksichtslosigkeit der Ermittler: Genau wie von Price erzählt , ist es vermutlich, wenn ein Mensch gewaltsam zu Tode kommt und andere "aufklären" sollen.
Und immer geht bei Price auch das ganz normale Leben weiter in New York. Cash jedoch lässt sich zum Romanende von seinem Chef die Verantwortung für ein Restaurant in Atlantic City übertragen.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 17.6.10
KrimiWelt-Bestenliste Juli 2010







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