Warum drang die Gefahr einer Ernährungskrise erst 2007 in das öffentliche Bewusstsein?
In den vergangenen zehn Jahren fielen die Getreideernten acht Mal zu niedrig aus. Eine Zeit lang konnten die fehlenden Mengen aus den vorhandenen Beständen (seit Jahrzehnten wird ein ca. 60-facher Monatsbedarf vorgehalten) gedeckt und der Getreidepreis damit niedrig gehalten werden. Doch dann zeigte sich ein leichter Getreidemangel. Die 6,5 Milliarden Bewohner unseres Planeten brauchen Getreide, um sich zu ernähren. Deshalb wird die Nachfrage nicht sinken, ganz gleich, wie hoch die Getreidepreise sind. Sie nimmt im Gegenteil um 2 % jährlich zu, weil Getreide auch zur Herstellung von Biokraftstoff und in der Viehzucht verwendet wird (Der Konsum von Fleisch und Milchprodukten steigt, insbesondere in Asiens wachsender Mittelschicht). Während die Ernten im Süden aufgrund unzureichender Transport- und Lagermöglichkeiten vielfach verderben, nimmt der Konsum im Norden besorgniserregende Ausmaße an. 2007 haben sich die strukturellen Wachstumskurven von Nachfrage und wetterabhängigem Angebot gekreuzt.
Wie werden sich Angebot und Nachfrage von Lebensmitteln in den kommenden Jahrzehnten weltweit entwickeln?
Bis 2050 wird die Weltbevölkerung um voraussichtlich ca. 3 Milliarden Menschen zunehmen. Entsprechend steigt die Nachfrage, wenn auch nicht einheitlich auf allen Kontinenten. Um alle Menschen auf unserem Planeten mit ausreichend Nahrung versorgen zu können, müsste man die landwirtschaftliche Produktion insgesamt verdoppeln. Betrachtet man die Lage genauer, müsste allerdings die Produktion in Afrika um den Faktor 5, in Asien um den Faktor 2,3 und in Lateinamerika um den Faktor 1,9 gesteigert werden. Dieses Ziel ist jedoch kaum zu erreichen, obwohl im 20. Jahrhundert gewisse Fortschritte erzielt wurden. Großartig kann man es zwar nicht nennen, aber immerhin ist die Zahl der Hungernden mit 850 Millionen gleich geblieben, während sich die Weltbevölkerung in dem genannten Zeitraum vervierfacht hat. Es standen mehr Ressourcen zur Verfügung und es wurde mehr produziert. Nun müssen wir lernen, mit weniger Ressourcen mehr zu produzieren...
Weniger landwirtschaftlich nutzbare Flächen, weniger Wasser, weniger Energie…
Landwirtschaftlich nutzbare Flächen (1,5 Milliarden Hektar bzw. 12 % der Erdoberfläche) sind nicht beliebig erweiterbar. Obwohl die Abholzung tropischer Wälder in unvernünftigem Tempo vorangetrieben wird, was wiederum die Erderwärmung beschleunigt, gehen mehr Anbauflächen verloren als neue geschaffen werden können. Schuld daran sind die Umweltverschmutzung und die massive Verstädterung. In China, zum Beispiel, verringert sich die landwirtschaftliche Nutzfläche jedes Jahr um 1 Million Hektar! 1960 ernährte ein Hektar zwei Menschen, heute sind es vier und 2050 werden es sechs sein. Hinzu kommen Überschwemmungen als Folge des Klimawandels oder die zunehmende Versteppung aufgrund mangelnder Niederschläge. In Australien, einem der ehemals wichtigsten Getreideexportländer, hat es seit fünf Jahren nicht mehr geregnet. Selbst unter Einsatz größter finanzieller Mittel ist es kaum möglich, zu den derzeit vorhandenen 200 Millionen Hektar bewässerter Anbauflächen mehr als 20 % hinzu zu gewinnen. Zur gleichen Zeit sinkt der Grundwasserspiegel in vielen Regionen der Welt. Für die Produktion von einer Tonne Weizen sind etwa 300 Liter Erdöl erforderlich, zum Betreiben der Maschinen und vor allem für die Herstellung von Düngemitteln und Pestiziden. Die Landwirte müssen sich darauf einstellen, mit weniger Energie auszukommen. Und gleichzeitig fordert man sie auf, ihre Maschinen mit Biokraftstoffen zu betanken. Eine gigantische Herausforderung.
Welche Lösungen schlagen Sie vor?
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Landwirtschaft weitestgehend mit künstlichen Mitteln betrieben. Immer mehr Chemie in Form von Düngemitteln, Fungiziden, Insektiziden und Herbiziden kam zum Einsatz. Diese Produktionsweise ist kostenintensiv, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die Umweltbelastung und die Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Das Zeitalter der chemieorientierten Landwirtschaft ist vorbei. Im 21. Jahrhundert sollten wir uns vor allem in der stark umweltbelastenden Landwirtschaft auf biologische Anbaumethoden rückbesinnen. Man wird Wege finden müssen, um Düngemittel und Pestizide auf natürlichem Wege zu ersetzen, zum Beispiel durch entsprechende Fruchtfolgen, Pflanzengemeinschaften, die sich gegenseitig schützen und nähren und den Einsatz natürlicher “Helfer“: Regenwürmer, die die Erde lockern, Bienen, Insekten, Bakterien, Pilze usw. Außerdem sollten wir, wie in den Tropen, mindestens zwei Ernten pro Jahr einfahren: eine im Winter, um die Böden mit Kohlen- und Stickstoff anzureichern und dadurch Kunstdünger einzusparen, und eine im Sommer, um die Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Für die dringend erforderliche Neuausrichtung der Landwirtschaft sind gigantische Forschungsprogramme nötig. Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass die landwirtschaftlichen Produktionsweisen den jeweiligen Boden- und Klimagegebenheiten anzupassen sind.
Was halten Sie von der Diskussion über genetisch veränderte Organismen (GVOs)?
Diese Diskussion wird verfälscht. Die ersten GVOs sind keine wirkliche Alternative. Außerdem werden sie von einer multinational tätigen US-Firma hergestellt, die ansonsten Herbizide und Insektizide produziert: Monsanto steht unter dem Schutz der US-Regierung, die ihr für die Herstellung genetisch veränderter Organismen Bedingungen garantiert, die ihr ein Monopol, die Privatisierung lebender Materie und Straffreiheit für den Fall sichern, dass einmal etwas schiefgehen sollte.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Getreidesorten zu züchten, für deren Anbau man weniger Wasser braucht, sowie andere Pflanzen mit einem höheren Protein- und Vitamingehalt. Die Entwicklung genetisch veränderter Organismen kann auch in Richtung “Leben“ gehen. Während Europa sich in dieser Frage sperrt, werden schon heute weltweit GVOs auf einer Fläche angebaut, die fünfmal so groß ist wie das gesamte Ackerland Frankreichs. Zunächst müssen wir auf umweltschonende Landwirtschaft setzen, doch parallel dazu müssen wir auch öffentliche GVO-Forschung betreiben. Denn wenn die Landwirte scheitern, kommt der Hunger. Er stellt eine ebenso große Bedrohung dar, denn er provoziert Revolten und Krieg.
Seit zwanzig Jahren heißt es, wir müssen die Subventionen für die Bauern abschaffen und die Grenzen öffnen, damit mehr Wettbewerb entsteht.
Welchen Anteil hat die WTO an der Ernährungskrise?
Seit zwanzig Jahren heißt es, wir müssen die Subventionen für die Bauern abschaffen und die Grenzen öffnen, damit mehr Wettbewerb entsteht. Aus diesem Grund wurde die Zuständigkeit für die weltweite Organisation der Landwirtschaft von der FAO auf die WTO übertragen. Die Handelsexperten der WTO haben den afrikanischen Staaten erklärt, dass es wenig Sinn macht, weiterhin Nahrungsmittel zu produzieren, weil andere Staaten in der Lage sind, dies effizienter zu tun. Unter Hinweis auf die hohe Staatsverschuldung haben Weltbank und Internationaler Währungsfonds Regierungen überzeugt, den Anbau von Nahrungsmitteln nicht mehr zu fördern, sondern das Geld in den Anbau von sog. Cash Crops zu stecken, Devisenbringern wie Erdnüsse, Baumwolle, Kaffee oder Kakao. Diese Politik ist gescheitert. In der Vorstellung der Franzosen ist Hunger in erster Linie ein Problem der Städte. Tatsächlich sterben heute vor allem Menschen in ländlichen Gebieten an Hunger, unbeachtet von der Öffentlichkeit. Wir müssen endlich aufhören, diese Menschen daran zu hindern, Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf anzubauen! Wir brauchen für diese Länder dringend eine Art „Marshall-Plan“ für den Wiederaufbau einer bäuerlich orientierten Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Nur so kann der Weltfrieden gesichert werden.







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