Das fängt mit ganz simplen Dingen an: vorhin bin ich zum Briefkasten gegangen, habe meinen Bankauszug heraus geholt und da steht dann „Soll und Haben, Girokonto“ drauf. Also vieles, was das moderne Bankwesen, den Geldverkehr und das Handelswesen ausmacht, sind Erfindungen, die schon im Mittelalter gemacht worden sind, vornehmlich in den oberitalienischen Handelsstädten wie Venedig und Genua. Deshalb haben auch all diese Bankbegriffe eine italienische Wurzel, also „Banko“ kommt vom italienischen Tisch, wo die Geldhändler ihre Geschäfte getätigt haben. „Giro“ das heißt, das Geld bewegt sich im Kreise. Es fasziniert mich, dass so vieles auf das Mittelalter zurückgeht, z.B. auch die Zeitmessung, in dieser Zeit sind schon die ersten mechanischen Uhren entstanden. Fast alle unsere Städte in Europa sind Gründungen des Mittelalters, mit Ausnahme der wenigen Städte, die die Römer uns hinterlassen haben. Ebenso hat sich das wissenschaftliche Denken im Mittelalter entwickelt. Und nicht zu vergessen, der europäische Gedanke: Europa ist nach dem Zerfall des römischen Reiches im Mittelalter entstanden.Ehe Universitäten gegründet wurden, waren die Klöster die Wissenschaftszentren Europas. Welche Impulse für Innovationen gingen vom Mönchstum aus?
Sehr vielfältige. Das hat auch etwas damit zu tun, dass es nach dem Untergang des römischen Reiches keine zentralistische Organisation mehr gegeben hat. Mit einer Ausnahme: der Kirche. Und da spielen die Klöster eine ganz, ganz wichtige Rolle: man hatte ja eine gemeinsame Sprache, die Sprache der Liturgie, das Latein. Und die hat man gesprochen von Portugal bis Lettland, von Sizilien bis Schottland. Und in den Klöstern wurde das Wissen der Antike rezipiert. Man hat sich damit auseinander gesetzt was Aristoteles und Platon, was die antiken Wissenschaftler gedacht haben. Das tat man, weil es noch keinen Buchdruck gab. Man musste also alles abschreiben und hat sich auf diese Weise intensiv mit den Wissenschaften beschäftigt.
Und sind die Wissenschaften in den Klöstern auch weiterentwickelt worden?Ja, indem man sich damit auseinandersetzte. Das kann man sehr schön auch in unserem Film sehen, wenn wir alte Handschriften zeigen. Man schreibt Aristoteles ab, und man macht seine eigenen Kommentare dazu: die Mönche dachten das antike Wissen weiter, überprüften es und kamen zu eigenen Ansichten. Unsere rationalistische Art zu Denken, die ihre Wurzeln in Europa hat, kommt aus der Scholastik der Mönche. Das ist der eine Aspekt. Zum anderen ist zu bedenken, dass Europa ja - mit wenigen Ausnahmen der antiken Städte - eine Urwaldfläche war, zumindest Nord- und Osteuropa. Es waren die Klöster, die den Landausbau betrieben haben, die Pioniere in der Landwirtschaft waren, den Wein- und Obst anbauten und die Destillation, die man von den Arabern gelernt hatte, angewandt haben. Deswegen haben wir heute ja immer noch so schöne Biere aus den Brauereien von Mönchen.
Viele als Neuerungen gefeierte Techniken – gerade in der Landwirtschaft – waren z.T. seit der Römerzeit bekannt. Zum Beispiel Wassermühlen. Was waren die Voraussetzungen dafür, das sie sich verbreiteten und damit Bedeutung für das ganze Wirtschaftsleben gewannen?
Natürlich hatten die Römer schon Wassermühlen, aber sie waren auf diese Technik nicht so angewiesen. Eine Voraussetzung der antiken Welt fiel im Mittelalter weg: es gab keine Sklaven mehr und somit war die Arbeitskraft teuer. Außerdem wurden im Mittelalter als Folge der Agrarrevolution sehr, sehr viel Überschüsse erzeugt, die verarbeitet werden mussten. Dafür kamen Wassermühlen zum Einsatz und wurden weiterentwickelt, genauso wie die Windmühlen, die man von den Arabern bekam. Mühlen waren nicht nur zur Verarbeitung des Korns geeignet. Entscheidend war, dass sie dann auch in den frühen Industrien eingesetzt wurden. Bis zur Erfindung der Dampfmaschine hat man ja alles mit Wind und Wasserenergie, also mit Mühlen betrieben: die Bergwerke wurden damit entwässert usw. Heute sprechen Historiker in diesem Zusammenhang sogar davon, dass die erste industrielle Revolution, die wir immer mit dem 19. Jahrhundert verbinden, schon im Mittelalter stattgefunden hat.Inwiefern wurde im Mittelalter die Keimzelle für das moderne Europa gelegt?
Im Zusammenhang mit dem Mittelalter wird immer davon gesprochen, dass in diese Zeit die Geburt Europas fiel. Und in der Tat ist es so, dass sich vieles, was unser Erbgut ausmacht, im Mittelalter herausgebildet hat. Nach dem Zerfall des römischen Reiches haben sich die verschiedenen europäischen Nationen in Keimformen herausgebildet: Spanien, Frankreich, das Deutsche Reich oder auch England. Andererseits hat es eine einheitliche Sprache gegeben und gemeinsame Grundwerte, dadurch auch ein einheitliches Bewusstsein, nämlich Europäer zu sein. Und das Fundament dieses Europas, also die Menschenrechte und die Menschenwürde, sind ja nicht erst eine Erfindung der Aufklärung.
Kann man wirklich davon sprechen, dass der Gedanke der Menschenrechte schon im Mittelalter entstanden ist?Menschenrechte wäre vielleicht ein bisschen zu weit gegriffen, aber die Menschenwürde. Die Antike hat ja immer unterschieden zwischen Menschen, die Bürgerrechte hatten und Menschen, die man als Sachen betrachtet hat, sprich die Sklaven, die von allen anderen Rechten ausgeschlossen worden sind. Diese Unterscheidung hat das Christentum im Mittelalter aufgehoben und allen Menschen dieselbe Würde zugesprochen. Und das ist ja ein Fundament Europas geworden.
Ich danke Ihnen für das Gespräch Herr Feyerabend.
Das Interview führte Angelika Schindler, ARTE
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