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Filmfestival Cannes 2006 - 17/09/08

Résumé



Niveauvoll, aber wenig aufregend
Kino im Kriegszustand

Gibt es eigentlich noch diese mächtigen, zigarrerauchenden und steinreichen Hollywood-Produzenten in Cannes, die in den Luxushotels Hof halten und legendäre Partys veranstalten? Ein Reporter des Fachblatts „Variety“ stellte in einem Stimmungsbericht diese Frage und beantwortete sie auch gleich selbst mit nein. Denn diese Figuren gehören einer Epoche an, in der das Kunst- und Kommerz-Kino noch nicht so weit voneinander entfernt waren, wie es gerade in diesem Festival-Jahr besonders deutlich wurde – und das nicht nur wegen der Sakrileg-Verfilmung.

The Da Vinci Code - Audrey Tautou Tatsächlich zeigte sich in diesem 59. filmisch insgesamt niveauvollen, aber nicht besonders aufregenden Jahr, dass auch Cannes für die Branche längst zu einem Arbeitsfestival geworden ist, wie Berlin oder der American Film Market in Los Angeles – nur mit mehr Glamour, Exklusivität und der schöneren Strandpromenade. Abseits des roten Teppichs laufen jedoch alle - hier wie überall – nur noch den großen Deals hinterher, Zeit für Amüsement oder gar Kontemplation bleibt da kaum, und das wirkt sich irgendwann doch auch auf die wie in einem geschützten Raum präsentierten Festivalfilme aus. Die Film- und Rechtehändler aus aller Welt kümmert es jedenfalls wenig, wenn sich unter den ebenso aus aller Welt kommenden Filmjournalisten in seltener Einmütigkeit keine einzige Hand zum Beifall für den außer Konkurrenz gezeigten Eröffnungsfilm The Da Vinci Code rührt: Sie wissen ja, dass letztlich nicht der künstlerische Wettbewerb und die seriöse Filmkritik, sondern nur die Abstimmung an der Kinokasse zählt. Und die gewinnt auch eine unterirdisch schlechte Dan Brown-Verfilmung gegen jeden Cannes-Preisträger aus dem Stand.

Die Goldene Palme 2006 für Ken Loach und sein politisch korrektes IRA-Drama The Wind That Shakes The Barley ist eine gute, wenn auch keine mutige Entscheidung. Es scheint, als sollte damit auch gleich das engagierte Gesamtwerk des häufigen Cannes-Teilnehmers geehrt werden, aber jeder zusätzliche Kinosaal, in den der Film dadurch seinen Weg findet, ist ein weiterer Gewinn.

Erfreulich auch, dass die Jury mit Flandres von Bruno Dumont, den zweitwichtigsten Festivalpreis, den „Großen Preis“, einem der formal und erzählerisch radikaleren Wettbewerbsbeiträge verlieh, über den – und das war in diesem Jahr eher selten – lebhaft und kontrovers diskutiert wurde. Auch das große, emotionalisierende aber nicht spekulative Unterhaltungskino hat in diesem Wettbewerb seinen berechtigten Platz, besonders wenn es so virtuos gemacht ist wie Babel von Alejandro González Inárritu, der mit dem Regiepreis genau die richtige Auszeichnung erhielt.

VolverUnd eine geradezu salomonische Entscheidung war es, den Preis für die beste weibliche bzw. männliche Schauspielleistung gleich der gesamten Frauenriege in Pedro Almodóvars Volver zu geben, und entsprechend allen vier Darstellern der für Frankreich gegen die Nazis kämpfenden, maghrebinischen Soldaten in Rachid Boucharebs beeindruckendem Kriegsdrama Indigènes. Schade nur, dass Kirsten Dunst mit ihrer frischen und frechen Marie Antoinette-Interpretation der etwas anderen Art, dadurch leer aus ging.

Mit Holger Ernst und seinem von Wim Wenders produzierten und in den USA gedrehten The House Is Burning, mit Stefan Krohmers Sommer ’04 an der Schlei und mit Ping Pong von Matthias Luthardt – der den Drehbuchpreis der Nebenreihe „Semaine de la critique“ bekam – war der deutsche Film in Cannes übrigens gar nicht schlecht vertreten, nur eben nicht im offiziellen Wettbewerb. Viel entscheidender aber ist doch, dass diese und weitere deutschen Filme, wie z. B. Das Leben der anderen, auf diesem wichtigsten internationalen Markt wieder sehr große Beachtung fanden, was auch den deutschen Kultur-Staatsminister Bernd Neumann auf einer entspannten und optimistischen Pressekonferenz sichtlich erfreute.

Aber zurück aus Cannes wird man sowieso wieder einmal ernüchtert feststellen müssen, dass all die aufregenden, schönen oder ärgerlichen Filme, die Diskussionen und Spekulationen um die „Goldene Palme“ und um die Zukunft des Kinos, in den letzten Tagen keineswegs die Schlagzeilen beherrschten, und die Abendnachrichten auch nicht damit aufmachten. Vielleicht wenn der Preis an das allerdings außer Konkurrenz gezeigte Zidane-Portrait gegangen wäre, und er selbst dann statt einer Pressekonferenz gegen die Filmjournalisten gespielt hätte.
Im nächsten Jahr, zum 60. Jubiläum des Filmfestivals von Cannes, werden wir trotzdem wieder zehn Tage lang so tun, als sei das Kino die wichtigste Sache der Welt.

Thomas Neuhauser


The Wind That Shakes The Barley Nach einem 12-tägigen Wettbewerb, in dem vornehmlich Filme mit einer recht chaotischen Vision von dieser Welt vertreten waren, hat die Jury von Wong Kar Wai ihre Preise vergeben. Es verwundert somit nicht, dass Ken Loach, der bislang leer ausgegangen war, nun für ein engagiertes und außergewöhnliches Werk mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden ist. The Wind That Shakes The Barley ist eine Reflexion über einen perfekt organisierten Krieg und die ersten Widerstandskämpfe von 1920 in Irland. Zugute kam dem Film nicht zuletzt die Tatsache, dass er etwas von einer Saga hat und somit auch ein breites Publikum anspricht. So war Ken Loach schon zu Beginn des Festivals einer der großen Favoriten für die Goldene Palme. Als der englische Regisseur seinen Preis auf der Bühne entgegennahm, brachte er die Hoffnung zum Ausdruck, das britische Volk möge sich angesichts dieses Films seiner Vergangenheit als imperialistische Großmacht stellen.

Ähnlich „politisch“ motiviert verlieh die Jury ihren Großen Preis an Flandres von Bruno Dumont. Hier handelt es sich um einen sehr persönlichen Film, der sich anhand des Einzelschicksals des Protagonisten mit der brutalen Gewalt und dem niederträchtigen Krieg in einem unbekannten Land auseinandersetzt. Dumont fühlte sich symbolisch und stellvertretend für das gesamte französische Kino ausgezeichnet und gratulierte dem Filmteam von Indigène um Rachid Bouchareb, das mit dem Preis für die besten männlichen Hauptdarsteller (in dieser Form eine Premiere in Cannes) Jamel Debbouze, Sami Bouajila, Roschdy Zem und Sami Naceri geehrt wurde. Die Schauspieler (außer Sami Naceri, der gestern Abend nicht anwesend war) bedankten sich auf der Bühne mit einer algerischen Einwanderer-Hymne. Trotz des hehren Ziels, das Engagement und die Leiden der für Frankreich gefallenen algerischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg aufzuzeigen, hat Indigènes doch in vielerlei Hinsicht sehr enttäuscht, und nicht zuletzt aufgrund einer sehr unausgewogenen schauspielerischen Leistung. Sicher sah die Jury keine andere Möglichkeit, die noble und verdienstvolle Intention Rachid Boucharebs zu würdigen, als ihm diesen Preis zu verleihen, der wohl zu den umstrittensten des ganzen Festivals gehört.

Die Schauspielerinnen aus dem Film Volver von Pedro Almodóvar wurden ihrerseits als beste Darstellerinnen ausgezeichnet. Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas und Blanca Portillo gelang es, den bislang fehlenden Hauch von Glamour in die Preisverleihung 2006 zu tragen. Gleichzeitig bestätigte diese Auszeichnung indirekt den spanischen Regisseur, der einmal mehr den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Almodóvar, der seine Filme mit großem Unbehagen ins Rennen von Cannes schickte und sich auch im vergangenen Jahr mit La Mala Educación aus allem herauszuhalten versuchte, erzielte mit Volver nun einen schönen Doppelerfolg. Alejandro Gonzalez Iñárritu gewann für „Babel“ den Preis für die beste Inszenierung, die sich in einer sehr künstlich wirkenden Szenerie mit parallelen Ereignissen und Zufallsbegegnungen beschäftigt. Iñárritu hat hier viel Energie darauf verwendet, die Zuschauer ganz in die grotesken Geschichten zu entführen, was ihm sicherlich auch diese Auszeichnung eingebracht hat.
Red Road von Andrea Arnold ist eine Meisterleistung für ein Erstlingswerk und hat sich damit die Goldene Kamera verdient. Auf die Regisseurin darf man noch gespannt sein.

The House Is BurningDennoch vermisst man eine ganze Menge Kandidaten auf der Liste der Preisträger, ganz besonders Pedro Costa mit seinem Film „Juventude Em Marcha“, der auf wundersame Weise für das diesjährige Festival ausgewählt wurde, dessen Thema und Radikalität jedoch von vornherein eine Auszeichnung ausgeschlossen hatten. Des weiteren fehlen auch Regisseure wie Nuri Bilge Ceylan, der nach „Uzak“ mit „Iklimer“ einen glänzenden und tief beeindruckenden Film gedreht hat, Lucas Belvaux mit seinem Film „La raison du plus faible“ oder aber Paolo Sorrentino mit dem besonders bemerkenswerten L’amico della famiglia.

Wie dem auch sei: Cannes, „das Herz der Kinowelt“, wie es Ken Loach gestern Abend nannte, hat ein äußerst lebendiges und oftmals spektakuläres Kino präsentiert. Auch kurz vor seinem 60. Jubiläum stellte das Festival einmal mehr seine gleichbleibende, allerhöchste Qualität unter Beweis.

Olivier Bombarda

Erstellt: 29-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08