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22/09/05

"Respektieren, um respektiert zu werden"

Erniedrigungen, ständiger Konkurrenzkampf und Stress in der Schule machen Schüler unsicher und tragen zu Aggressionen bei. Die Eselskappe gibt es zwar schon lange nicht mehr, sie scheint aber in den Köpfen vieler Lehrer noch zu existieren. Der französische Soziologe Pierre Merle stellt in seiner aktuellen Studie fest, dass Erniedrigungen für viele Schüler nach wie vor zum Schulalltag gehören.

Pierre Merle ist Universitätsprofessor und Soziologe. In seinem neuesten Buch analysiert er das Problem der Erniedrigung an der Schule.

ARTE: Einer Studie von 1992 zufolge haben sich 49 % aller französischen Schüler bereits durch ihren Lehrer erniedrigt gefühlt. Ist das Problem nach wie vor aktuell?
Das Problem hat leider nichts von seiner Aktualität verloren. Das Ergebnis der Umfrage von 1992 war erschreckend, aber zu ungenau. Hier setzt meine Untersuchung an. Sätze wie "Einen Stift hält man nicht wie eine Mistgabel" und "Du wärst bei Deinen Kühen besser aufgehoben" zeigen z.B., dass Erniedrigungen im Klassenraum nicht selten in direktem Zusammenhang mit der sozialen Klasse der Schüler stehen. Schon aus strategischen Gründen bieten Schüler aus sozial schwachen Familien ein leichteres Angriffsziel, da ihre Eltern sich nur selten beschweren. Auch die Natur der Erniedrigungen war aus der Umfrage von 1992 nicht ersichtlich.

Welche Formen von Erniedrigungen wurden ihnen berichtet ?
Viele der berichteten Erlebnisse muss man meiner Meinung nach als Folge von Missverständnissen zwischen Schüler und Lehrer interpretieren. Ein guter Schüler z.B. schreibt einen nur mittelmäßigen Aufsatz. Der Lehrer gibt ihm seine Arbeit mit den Worten zurück : « das war unter deiner Würde ». Die Bemerkung ist ermutigend gemeint, wurde aber vom Schüler als erniedrigend erlebt. Ein anderer Lehrer organisiert kleine Sketche, um seinen Unterricht interessanter zu gestalten und fordert die Schüler auf, sich zu verkleiden (Pappnase usw). Einige fühlten sich in ihrem Aufzug vor ihren Kameraden lächerlich. Diese Formen von Erniedrigung sind zwar vom Lehrer nicht beabsichtigt, werden aber als nicht minder schmerzhaft erlebt…

Sie berichten leider auch von vielen Fällen absichtlicher Erniedrigungen.
Ich unterscheide zwei Kategorien von Erniedrigung : die des Schülers und die der Person, beides geschieht meistens vor der ganzen Klasse. Die Erniedrigung des Schülers („das ist schlecht, mittelmäßig usw“) finden Sie regelmäßig bei der Rückgabe der Klassenarbeiten. Nicht selten wird mit Kommentaren nicht gespart, es wird eine Rangfolge aufgestellt, oder Beispiele mit Angabe der Verfasser vorgelesen. Diese Form der Erniedrigung kann auch kollektiv sein („Ihr seid eine ganz besonders schlechte Klasse“) oder strukturell organisiert: In Frankreich werden häufig Niveau-Klassen gebildet und mit Buchstaben versehen (6A 6B 6C). Zu den ‚letzten Klassen’ zu gehören, kann für die Schüler zu einer ständigen Quelle der Erniedrigung werden. Beispiele für Herabsetzungen der Person sind Bemerkungen wie „du taugt zu nichts“, „hast nichts im Kopf“, "keiner will sein Freund sein". Derartige Beschimpfungen sind stigmatisierend als klarer Angriff auf die Person zu werten.

Welche Auswirkungen haben diese Erfahrungen ?
Die Erniedrigungen in der Klasse werden schnell zu einem Bestandteil der schulischen und persönlichen Identität der Betroffenen. Schwere Beleidigungen sind zwar sehr selten, hinterlassen aber meistens lebenslange Spuren. Daher darf über dieses Thema nicht geschwiegen werden. Ein öffentlich beschimpfter Schüler wird sich vielleicht nicht beschweren, aber in seinem tiefsten Innern hat er nicht selten mit dem entsprechenden Unterrichtsfach „abgeschlossen“, vielleicht sogar mit der Schule überhaupt. Aber auch regelmäßige „kleinere“ Erniedrigungen haben extrem negative Auswirkungen auf die Motivation. Als pädagogisches Mittel sind Ermutigung und Lob immer wertvoller als Herabsetzung und Kritik. Dieses ABC der Psychologie gilt für Schüler genauso wie für alle anderen menschlichen Beziehungen.

Lehrern wird heute viel abverlangt : sie sollen ein Beispiel geben, eine angenehme Atmosphäre schaffen, auf jeden Schüler eingehen...
Dass Lehrer selber häufig Aggressionen ausgesetzt sind ist bekannt. Verschiedene Studien haben ergeben, dass sie wesentlich häufiger als andere Berufsgruppen unter Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Stress und Erschöpfung leiden. Lehrer werden häufig in aggressive Situationen verwickelt und begehen den großen Fehler, sich auf einen Machtkampf mit einem Schüler oder einer Klasse einzulassen. Viele Lehrer sind sich nicht im Klaren darüber, dass sie von einer Klasse zunächst als Person „getestet“ werden. Respektieren, um respektiert zu werden: Diese Beziehung mit jedem einzelnen in der Klase ist der erste Schritt einer fruchtbaren didaktischen Beziehung.

Das finnische Schulsystem schneidet bei den internationalen Studien immer gut ab. Eines seiner Grundprinzipien ist: jeder kann es schaffen !
Alle Studien im Bereich der Soziologie und Psychologie zeigen, dass das Selbstwertgefühl der Schüler ein Schlüsselfaktor der Motivation ist. Gegenüber schwachen und verhaltensauffälligen Schülern sollte die erste Aufgabe des Lehrers darin bestehen, ihnen zu zeigen, dass Schule Spaß machen kann, dass auch sie es schaffen können. Häufig stehen Lehrer heute vor der schwierigen Aufgabe, ein „schulisches Selbstvertrauen“ ihrer Schüler überhaupt erst aufbauen zu müssen. Anstatt von der Klasse auszugehen, die man als Lehrer gerne hätte, sollte man die Schüler so annehmen wie sie sind, ihnen einfachere Aufgaben geben, sie ermutigen, weiter zu machen.

Welche Auffassung vom Lehrer-Schüler-Verhältnis liegt dem französischen Schulsystem zu Grunde ?
Die „Ideologie der Begabungen“ ist im französischen Lehrbetrieb nach wie vor leider sehr verbreitet. Wenn ein Lehrer glaubt, dass es Schüler gibt, die „von Natur aus“ begabt bzw. weniger begabt sind, ist es leider nur relativ logisch, jemanden als „dumme Kuh“ oder „Dummkopf“ zu bezeichnen. Wenn man hingegen davon überzeugt ist, dass alle Schüler in der Lage sind zu lernen, können Erniedrigungen gar nicht zum pädagogischen Repertoire gehören. Man sagt sich eher, dass derjenige schlecht ist, weil er nicht gelernt hat oder die pädagogische Beziehung nicht anregend genug für ihn war. Ein neues Bild vom Schüler ist wichtigste Bedingung für eine positivere Lernatmosphäre.

Ist die Schule ein „rechtsfreier“ Raum? Kennen Schüler ihre Rechte?
Schüler sind leider sehr wenig über ihre Rechte informiert: Sie haben das Gefühl, nur wenig Rechte zu haben, und diese auch nur außerhalb des Klassenraums. Auch die jungen Lehrer kennen die Rechte der Schüler nicht genau genug. Seit 1890 ist es zum Beispiel in Frankreich verboten, den Schüler zur Strafe 10/ 20 Mal die gleichen Sätze schreiben zu lassen, dennoch ist diese Praxis noch weit verbreitet. Im Jahre 2000 veranlasste ein Rundbrief die Überprüfung sämtlicher Hausordnungen in Schulen. Ich habe damals eine Studie über Schülerrechte gemacht und festgestellt, dass die meisten dieser Regelwerke kaum umgeschrieben worden waren und viele nicht der aktuellen Gesetzeslage entsprachen.

Sind Lehrer heute überfordert?
Ich glaube, dass man eine globale, soziologische Erklärung für die Probleme suchen muss. Der psychologische Faktor kann in Einzelfällen seine Gültigkeit haben, aber nicht erklären, warum sich jeder zweite Schüler erniedrigt fühlt. Ich interpretiere die Erniedrigung als eine besondere Art von Sanktion, deren Ursprung in dem Verlust der Autorität des Lehrers und der Institution Schule zu suchen ist. Wir verlangen von unseren Schülern heutzutage, länger die Schulbank zu drücken, bieten Ihnen aber dafür keinerlei gesellschaftliche Anerkennung. Der Lehrer hat nicht mehr die Macht, seinen Schülern durch gute Noten einen Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zu sichern. Daher wird er auch weniger respektiert, es entsteht ein Teufelskreis.
Letztendlich hat jede Gesellschaft die Schule, die sie verdient hat. Auf lange Sicht wird erst eine Politik, die Arbeitsplätze schafft und das Abitur belohnt, den Schülern auch wieder mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten geben. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass sich die Konzentration von bessergestellten und sozial schwachen Familien in den Vierteln unserer Städte in der Zusammenstellung der Schulklassen wiederfindet. Angesichts mancher Klassen ist es nur verständlich, dass dem Lehrer in einer schwierigen Situation ein unglückliches Wort herausrutscht.

Wie kann man konkret die Schülerrechte stärken?
Die Schüler und ihre Eltern müssten ein echtes Mitspracherecht in der Schule haben. Eine wirkliche Gegengewalt zum Allmachtsgefühl und zur Wilkür vieler Lehrer ist in Frankreich leider im Moment nicht existent, viele Schüler und ihre Eltern wagen es nach wie vor nicht, sich zu beschweren. In einigen Schulen hat man Mediatoren eingestellt, die bei Konflikten eingreifen. An vielen Unis haben die Studenten seit einiger Zeit das Recht, am Ende des Jahres eine Bewertung ihrer Lehrer abzugeben. Diese Ansätze gehen in die richtige Richtung. Bereits das Wissen um die Existenz einer solchen Bewertung kann die Atmosphäre in der Klasse positiv beeinflussen.

Gibt es Sanktionen für „auffällige“ Lehrer?
Lehrer müssen so gut wie nie mit Sanktionen rechnen, in Frankreich ist dieses Thema nach wie vor Tabu. Die Schulen verschließen die Augen, häufig wird das Kollegium zur verschworenen Gemeinschaft, wenn Vorwürfe gegen einen Lehrer erhoben werden. Wenn ein Lehrer mehrere Male auffällt, kann er versetzt werden : eine schwere und unbefriedigende Strafe, die das Problem nur verschiebt. Wenn jemand mehrere Male zu schnell fährt, riskiert er seinen Führerschein. Einem inkompetenten Lehrer, der eine Gefahr für seine Schüler darstellt, wird nicht die Lehrerlaubnis entzogen. Ich weiß nicht, ob eine Sanktion so weit gehen sollte, aber dieses Problem muss dringend öffentlich diskutiert werden.

Das Interview führte Nicola Hellmann

Erstellt: 19-09-05
Letzte Änderung: 22-09-05