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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Kinostart 02. März 2006 - 01/03/06

Requiem

Ein Film von Hans-Christian Schmid


Wo sich ländlich-spießige Kleinbürgerlichkeit und religiöser Irrationalismus treffen, ist der Rückfall in mittelalterliche Rituale nicht weit.

Die Geschichte einer Teufelsaustreibung
in einem erzkatholischen Umfeld

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Externe Links

(Deutschland 2006, 93 Min.)
Mit: Sandra Hüller, Burghart Klaußner, Imogen Kogge, Jens Harzer, Anna Blomeier
Berlinale 2006 - Offizieller Wettbewerb

Im Gespräch mit...
Hans-Christian Schmid (Windows Media)


Synopsis: Inspiriert von einer wahren Begebenheit, erzählt der Film die Geschichte von Michaela Klingler, einer jungen Frau. Zerrissen zwischen Familie, Glaube und Krankheit, wird sie noch Anfang der 70er Jahre Opfer eines Exorzismus. In einem streng katholischen Elternhaus aufgewachsen, zieht sie mit 21 Jahren nach Tübingen, um dort Pädagogik zu studieren. Während sie in ihrem Vater einen Verbündeten hat, der ihr den Rücken stärkt, sieht die besorgte Mutter, die ihre an Epilepsie erkrankte Tochter in einen engen Kokon aus Verboten und Vorsichtsmaßnahmen einzuspinnen versucht, dem Studium mit gemischten Gefühlen entgegen.

Der Trailer zum Film

Biografie: Geboren 1965 in Altötting, Bayern. Studierte 1985-92 Dokumentarfilm an der HFF in München. Stipendiat der Drehbuch werk statt München, dann Drehbuchstudium an der University of Southern California in Los Angeles. Spielfilm debüt 1996 mit der Generationenkomödie NACH FÜNF IM URWALD, in der Hauptrolle Franka Potente, die er ebenso für den Film entdeckte wie später August Diehl und Tom Schilling. Für die folgenden Spiel filme 23, CRAZY und LICHTER erhielt er jeweils einen Deutschen Filmpreis in Silber.

Kritik: Man kennt diese tristen Dörfer irgendwo auf dem Land, mit ordentlichen, kleinen Einfamilienhäusern, blickdichten Gardinen und schweigsamen Menschen, für die der Pfarrer noch immer die höchste Autorität ist. Regisseur Hans-Christian Schmid („Crazy“, „23“, „Lichter“) und sein Kameramann Bogumił Godfrejow haben diese dumpfe, kleinbürgerliche Enge geradezu schmerzhaft authentisch eingefangen, selbst die Wiesen und der Himmel sind deprimierend grau und gleichgültig. Das alles und vor allem die schwierige Beziehung zu ihrer spießig-verklemmten Mutter nimmt Michaela mit nach Tübingen zum Studium, und sie hätte auch gar nicht weit genug wegfahren können, als dass ihre Veranlagung zu Epilepsie und Anstzuständen nicht zwangsläufig schlimmer werden musste. Sandra Hüller spielt diese junge Frau, hin und her gerissen zwischen anerzogenem Selbsthass, Freiheitsdrang, tiefstem Katholizismus und verzweifelter Sinnsuche so gut, dass sie auch für die beste weiblich Hauptrolle in die engere Wahl gehört.

Der Film ist inspiriert von einem wahren Exorzismus-Fall in den siebziger Jahren, bei dem tatsächlich eine junge Frau starb, aber „Requiem“ ist eigentlich kein Film über Exorzismus.
Es ist vielmehr ein Film über eine andere Art von Parallelgesellschaft, über ein Milieu in unserer unmittelbaren Nähe, in dem über zweihundert Jahre Aufklärung, Humanismus und mündige Individualität nicht angekommen sind, und gefährlich-gütige Satan-Theoretiker, wie der von Jens Harzer hervorragend gespielte junge Pfarrer, den hilflosen und überforderten Menschen immer noch religiös verbrämte Horrorgeschichten erzählen können.

Die immer etwas übertrieben wirkenden eigentlichen Exorzismus-Szenen hätte es dazu auch gar nicht gebraucht, der Film hinterlässt auch so den nachhaltigen Eindruck, dass diesem schrecklichen Gebräu aus Angst, lebenslanger Geducktheit und Irrationalität kaum jemand geistig gesund entkommen kann. So endet „Requiem“ auch genau im richtigen Moment, nämlich nicht mit Michaelas qualvollem Erschöpfungstod nach weiteren „Exorzismen“, sondern an dem Punkt, an dem ihr n nicht mehr zu helfen ist, weil sie glaubt, wieder nach Hause gehen zu müssen.

Dem im bayerischen Wallfahrtsort Altötting geborenen Hans-Christian Schmid ist ein düster-beeindruckender Film gelungen, wahrscheinlich weil er sehr genau weiß, wovon er hier erzählt.

Thomas Neuhauser


Kritik: Hans-Christian Schmids Film „Requiem“, der auf wahren Begebenheiten beruht, hinterlässt beim Zuschauer nicht nur Erschütterung, sondern auch eine gewisse Unschlüssigkeit. Die herausragenden Schauspieler, wie Sandra Hüller als Michaela oder Imogen Kogge in der Rolle der Mutter, die detailgetreue Ausstattung im Stil der 70er-Jahre und die gelungene, niemals unpassend wirkende Musikauswahl gehören zu den vielen Stärken des Films. Hans-Christian Schmid beschreibt geradezu detailversessen die Auswirkungen der alles beherrschenden, alles erdrückenden erzkatholischen Prägung eines kleinen Dorfes bei Tübingen.

Michaela, eine junge, instabile und strenggläubige junge Frau, weiß, dass das Studium in Tübingen es ihr ermöglichen wird, sich mit ihren 21 Jahren endlich von der vereinnahmenden Mutter zu lösen und erstmals ein wenig Freiheit zu erleben. Obwohl sich ihre „Krankheit“ durch zunehmende Anfälle immer stärker manifestiert, bleibt deren Ursache unklar. Ist es Epilepsie, eine psychische Störung oder ist Michaela besessen? Hans-Christian Schmid lässt diese Frage bewusst offen. Michaela glaubt Stimmen zu hören, sie traut sich nicht, das Kruzifix in ihrem Zimmer zu berühren und wälzt sich schreiend, zitternd und wie von Sinnen auf dem Boden.

Sie vertraut sich einem Pfarrer an, der sie nach einem Meinungsumschwung auch ernst nimmt. Als die junge Frau nach einigen Monaten in die familiäre Enge zurückkehrt, eskaliert die Situation. Michaela verübt Rache an ihrer Mutter und überzeugt ihr Umfeld schließlich von der Notwendigkeit einer Teufelsaustreibung. Schmid kann hier Anklänge an den Film „The Exorcist“ von William Friedkin (1973), zumindest an dessen Spezialeffekte, nicht vermeiden. Die unklare Positionierung des Regisseurs in diesen ungewöhnlichen Szenen ist jedoch verstörend. So sehr sich der Film jeder Auseinandersetzung mit Glaubensfragen verschließt, so schädlich erscheint es angesichts Michaelas unheimlichen Verhaltens, dass die Frage nach ihrer Besessenheit oder Nichtbesessenheit völlig ausgeklammert wird. Jedenfalls vertraut der Regisseur für seine Beschreibung jener reumütigen katholischen Familie darauf, dass der Zuschauer die Maßlosigkeit des Exorzismus widerstandslos anerkennt. Damit erreicht „Requiem“ sein Ziel und kann sich der Zustimmung sicher sein.

Olivier Bombarda

Erstellt: 28-02-06
Letzte Änderung: 01-03-06