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US-Wahlen 2008

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US-Wahlen 2008

13/10/08

Macht und Glaube

Die Rolle der Religion im US-Wahlkampf


Nach zwei religiös aufgeladenen Wahlkämpfen und Amtsperioden Bushs hat sich die Rolle der Religion in der Politik radikal verändert.

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Noch vor vier Jahren in den USA war Gott Wahl entscheidend. 80 Prozent der weißen Evangelikalen stimmten 2004 für George W. Bush und sicherten ihm damit die Wiederwahl ins höchste Amt der Vereinigten Staaten. Denn Bush präsentierte für sie den gottesfürchtigen Präsidenten, der aus Glaube und Moral Politik machen wird. Bush selbst bekannte in seiner ersten Amtszeit, dass er vor politischen Entscheidungen immer direkte Rücksprache mit dem Herrn halte und gewann so die Sympathie der christlichen Rechte: Dieses Mal allerdings kandidiert Bush nicht mehr, und bei vielen Evangelikalen steht er eh auf der Abschussliste. Nur noch die Hälfte seiner evangelikalen Anhängerschaft von damals würde ihn heute wählen. Und überhaupt: nach zwei religiös aufgeladenen Wahlkämpfen und Amtsperioden Bushs hat sich die Rolle der Religion in der Politik radikal verändert.

Zwar ist der öffentliche Diskurs über Religion und Glaube auch bei der derzeitigen Vorwahlen präsent. Aber wie Beobachter prophezeien, eben nur bei den Vorwahlen - um wie immer die Basis der Wählerschaft vor allem in den traditionsbewussten Südstaaten zu mobilisieren. So spricht denn auch Barack Obama von seiner Begegnung mit „jemanden, den man Jesus Christus nennt“ und bezeichnet sich als „Instrument Gottes“, die Methodistin Hillary Clinton bekennt, jeden Tag zu beten, wofür, das hänge von der Tageszeit ab. Aber anders als in den vergangenen Jahren scheint das Verhältnis der Politiker zur Religion, wir Europäer würden sagen „normalisiert“, und die Glaubensbekenntnisse sind in erster Linie persönliche.

Politischer Kampf um Glaube und Moral
Dabei haben religiöse Werte seit jeher die US-amerikanische Politik bestimmt: ob in der Innenpolitik, mit Themen wie die Ehe zwischen Homosexuellen oder Abtreibung, oder in der Außenpolitik: Die USA sehen sich als „God’s own country“ und die Mission des George W. Bushs, gewaltsam den Irak von Saddam Hussein zu befreien, gehört zu dieser Weltverbesserungsfrömmigkeit. Vor allem seit den Anschlägen auf das World Trade Center: „Der 11. September“, schreibt Politikwissenschaftler und Berater im US-Außenministerium Samuel P. Huntington in dem Politik-Magazin Cicero, „hat auf dramatische Weise das Ende des 20. Jahrhunderts der Ideologien und ideologischen Konflikte angezeigt und den Beginn einer neuen Ära markiert, in der die Menschen sich in erster Linie in den Begriffen von Kultur und Religion definieren.“
Die religiöse Rechte spielt dabei eine entscheidende Rolle: Die mitgliederstärkste religiöse Vereinigung, die Southern Baptist Convention, hat allein 16 Million Mitglieder, um deren Gunst die Präsidentschaftskandidaten bei jeder Wahl buhlen. Die traditionsbewussten Evangelikalen – also Protestanten, die sich auf die Irrtumsfreiheit der Bibel berufen - hielten sich dabei nicht immer an Parteizugehörigkeit. Gewählt wurde, wer einen tiefen Glauben verkörperte: Bezeichnenderweise haben sich die christlichen Konservativen allerdings von dem Demokraten und strenggläubigen Baptisten Jimmy Carter abgewendet, als der die Abtreibung legalisierte. Seitdem kann die konservative Partei der Republikaner auf die Unterstützung der Evangelikalen bauen. „Es gab eine Zeit“, schreibt Marvin Olasky, Redakteur beim evangelikalen Magazin World, „da waren evangelikale Kirchen so etwas wie die republikanische Partei beim Gebet.“

„Die Republikaner haben es vermasselt“
Doch diesmal bröckelt der rechte Machtblock: Viele fühlen sich von Bush für seine Irak-Gelüste missbraucht. Und dessen Umweltpolitik im Dienste der Energiewirtschaft hat das Ihrige getan. Die christlichen Konservativen laufen den Republikanern in Scharen davon und selbst die Southern Baptist Convention überdenkt ihre Beziehung zu der Bush-Partei. „Jetzt sieht es so aus,“ so Marvin, „als hätten es die Republikaner vermasselt.“ Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist die Identifikation der weißen Evangelikalen mit der republikanischen Partei unter 50 Prozent gesunken, bei den unter 30-jährigen ist der Vertrauensverlust noch höher.
Im jetzigen Wahlkampf vermag denn auch kein republikanischer Kandidat die Evangelikalen so recht zu überzeugen: Mitt Romney hat es nicht geschafft, weil sein mormonischer Glaube vielen suspekt ist. Und auch John McCain, der aller Voraussicht nach für die Republikaner gegen Barack Obama oder Hillary Clinton antreten wird, kann bei manch Evangelikalem nicht punkten, weil er ankündigt, den Irakkrieg mit aller Macht bis zu Ende zu führen - „notfalls hundert Jahre“.
Stattdessen werden innerhalb der christlichen Rechte immer deutlicher andere Stimmen laut: Die evangelikale Zeitschrift Christianity Today fragte jüngst in ihrer Ausgabe, ob es nicht an der Zeit sei, dass Evangelikale Buße tun sollten, weil sie so vorschnell die Invasion in den Irak unterstützten.

Neue Politik der irdischen Werte
Und auch das Weltbild im traditionell evangelikalen Denken verändert sich derzeit radikal. Nicht zuletzt hat auch eine jüngere Generation an evangelikalen Pfarrern dazu beigetragen. Statt den Glauben zu propagieren, dass das wahre Reich erst nach der Apokalypse kommt, und man sich dem irdischen Leben nicht weiter widmen muss um seine Seele zu retten, bekennt sich nun eine Reihe von einflussreichen Pfarrern dazu, die sozialen Probleme in der Welt anzugehen. Frieden, Armutsbekämpfung, soziale Umverteilung, Gesundheit sind Themen, die vor allem während der Amtszeit George W. Bushs weder auf der politischen Agenda standen noch von den Kirchen eingefordert wurden.
So zitiert David Kirkpatrick, Washington-Korrespondent der New York Times, in einem ausführlichen Artikel über die evangelikale Bewegung einen jungen Pfarrer. „Viele Evangelikale wollen die Demokraten wählen,“ sagt dieser, „denn es gibt 40 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung und ein Demokrat wird dagegen etwas tun.“ Die Zeiten stehen gut für Barack Obama und Hillary Clinton. Die haben ihre Chance bereits gewittert und werden alles daran setzen, die evangelikale Wählerschaft für sich zu gewinnen – und sei es nur als Gegenpol zu George W. Bush.

Artikel von Grit Weirauch

Erstellt: 27-02-08
Letzte Änderung: 13-10-08