Montag- 2 Tage später
Wir sind in Kenia. Wir fahren durch Täler, die Menschen durch den Müll gegraben haben. Dandora. Die größte Müllhalde des Landes. Unser Fahrer lacht. Gibt es so etwas in Deutschland? Ich schüttle mit dem Kopf.- „ Fast wie Safari am Mount Kenia“ lachen die 2 Zivilpolizisten auf der Rückbank. Unsere Beschützer. Ohne sie wären wir „Msungus“ – die Weißen - hier nicht lange am Leben. Hunger kann töten. Nicht nur diejenigen, die nichts haben.
10.000 Menschen sammeln hier jeden Tag verfaulte Nahrungsreste oder Dinge, die sich für wenige Cent verkaufen lassen. 250 Kinder sind in den letzten 2 Wochen dazu gekommen. Sie sind 6, 8 oder 9 Jahre alt. Sie haben Hunger und keine Schuhe. Viele von Ihnen kommen vom Land. Ihre Eltern haben in den vergangenen Monaten durch die Krise ihre Jobs verloren.
Ja. Es gibt die Auswirkungen der Krise. Klar, eindeutig, politisch und menschlich. Die Bäuche der Kinder schmerzen vor Hunger, ihre Augen tränen wegen des Gestanks und der schwelenden Brände auf Dandora. Ihre Herzen sind leer vor Scham. Sie sind keine Kinder mehr. Sie essen den Abfall der Stadt.
Nachts schlafen einige von Ihnen unter einer Brücke. Wer kein Glück auf der Müllkippe hatte, leidet Hunger. 50 Jungen zwischen 6 und 11 sitzen um einen brennenden Autoreifen. Die einzige Möglichkeit, Licht und Wärme zu bekommen. Die Dämpfe verätzen Augen und Lungen. Und dann der Klebstoff. Pausenlos schnüffeln sie. Ihre Augen sind leer. Die Kleidung dreckig und vom Ruß der Autoreifen pechschwarz. 100.000 Straßenkinder soll es mittlerweile allein in Nairobi geben. Ihre Zahl hat sich im letzten Jahr fast verdoppelt. Von der Finanzkrise haben diese Kinder noch nie etwas gehört. Und doch sind sie mittendrin.
Mittwoch
Wir wollen zu Carolyn Otieno. Sie und ihre Kinder leben in Kibera. Einem der größten Slums der Welt. Über eine Million Menschen. Keine Müllabfuhr, kaum Kanalisation. Es riecht nach Kot und Urin. Wir sind unterwegs mit Salome, einer Sozialarbeiterin der UNDUGU Gesellschaft – einer nicht staatlichen Hilfsorganisation. Jugendliche grüßen uns. Zuerst noch freundlich.
Dann beginnen sie zu tuscheln. Salome wird nervös. Sie sagt, wir sollen weiter gehen. Die Stimmung ist gekippt. Wir haben es nicht bemerkt. Wir verstehen ihre Sprache nicht. Wir sind nicht willkommen. Wir sind weiß. Wir sind reich. „Unsere“ Polizisten greifen in ihre Taschen. So, dass es die Jugendlichen sehen. Jetzt wissen sie, dass wir bewaffneten Schutz haben. Sie lassen uns in Ruhe. Wir gehen tiefer in den Slum.
Carolyn Otieno kocht. Sie bringt das Essen in die Stadt und verkauft es an Bauarbeiter. Es ist illegal. Wird sie aufgegriffen, kommt sie in den Knast. Sie hat 3 Kinder.
Ihr ältester Sohn ist 9. Der Mittlere 5, die Tochter 11 Monate. Auch sie kommen vom Land. Erst starb der Mann. Nach der Finanzkrise verlor sie ihren Job. Wie tausende andere auch. Jetzt leben Sie in einer Bretter-Baracke. Kein Strom - kein Wasser. Keine Toilette. Doch sie muss Miete zahlen. 7 Euro im Monat. Für die Mutter mit drei Kindern ein kleines Vermögen. Die Miete bekommt der Staat Kenia. Ganz offiziell. Der Slum wurde auf Staatseigentum errichtet. Auch wer nichts mehr hat, bekommt nichts geschenkt. Hoffentlich kaufen viele Arbeiter ihr Essen. Sonst werden Carolyn und ihre Kinder aus der Baracke geworfen. In diesem Monat konnte sie Miete noch nicht bezahlen. Carolyn geht mit dem gekochten Essen in die Stadt.
Sie muss sich beeilen.Zeit ist etwas, dass Carolyn nicht mehr hat. Sie ist HIV positiv. Carolyn wird noch 2 – 3 Jahre leben. Ihr Sohn Derek spielt Fußball vor der Hütte und will Pilot werden.
Salome spielt noch etwas mit den Kindern. Dann muss sie weiter. Zur nächsten Familie. Auch sie kommen vom Land. Der Vater hat auf einer Blumenfarm gearbeitet. Doch nach der Krise wollte in Europa niemand mehr Rosen aus Kenia. Die gab es billiger aus Äthiopien. Der Vater verlor seinen Job. Der letzte Ausweg. Die Slums von Nairobi.
Früher hat die Sozialarbeiterin Salome auf dem Weg nach Hause geweint. Heute nicht mehr. Geld gibt sie keines. Sie versucht zu helfen, baut Brücken zu anderen Hilfsorganisationen, gründet Selbsthilfegruppen und macht trotzdem Mut - auch wenn es manchmal keine Hoffnung mehr gibt.
Samstag
Wir fahren in den Süden nach Mombasa. Dort, wo Afrika-Touristen in eingezäunten 5 Sterne Clubanlagen bisher gerne die Seele haben baumeln lassen. Doch nach der Krise kamen nur noch wenige. Seitdem herrscht ein Kampf um die wenigen Touristen. Tagsüber durch günstige All-Inclusive-Angebote. Nachts durch billigen Sex. Durch die Arbeitslosigkeit auf dem Land kommen die Mädchen. Sie haben Hunger und einen jungen Körper. Der Traum vieler: Einen Msungu zu bekommen, der sie heiratet. Nachts gehe ich mit Lucy, einer Prostituierten, in die Bars der Stadt. Ich trage eine versteckte Kamera. Lucy hat angeboten, mir die Mädchen zu zeigen, die seit der Krise anschaffen müssen. 20.000 Neueinsteigerinnen gibt es inzwischen um Mombasa herum. Fast alle sind minderjährig.
Mit 24 Jahren ist Lucy schon alt. Weiße Männer wollen sie nicht mehr. Sie verkauft sich jede Nacht an Einheimische. Auch ohne Kondom. Wenn es dafür mehr Geld gibt. Lucy hat 2 Kinder. Ihr tun die Neueinsteigerinnen leid. Manche sind nur 13 Jahre alt. Sie sprechen kein Englisch. Sie verkaufen sich für 50 Cent. Genug, um satt zu werden. Lucy stellt mir ein Mädchen vor. Sie ist seit der Krise im letzten Jahr hier. Damals war sie 15. Ihre Eltern sind tot. Ihre Tante hat sie vom Land nach Mombasa geschickt. Mombasa sei ein einziger Supermarkt. Nimm dir alles was du willst, hat sie dem Mädchen noch gesagt. Als sie ankam, musste sie anschaffen. Der Zuhälter hat nur gelacht. Supermarkt? Ja du hast einen eigenen. Er ist zwischen deinen Schenkeln. Benutz ihn.
Nach 3 Stunden verabschiede ich mich von den beiden. Ich habe mit der versteckten Kamera alles aufnehmen können. Ich bedanke mich und gebe ihnen für ihre Hilfe und Informationen jeweils 40 Euro. Das Doppelte, das sie normalerweise für eine ganze Nacht verlangen.
Sie folgen mir zu meinem Taxi. Ich frage warum. Sie wollen die Nacht mit mir im Hotel verbringen. Ich bin fassungslos. Das Geld ist für die Informationen. Nicht für ihre Körper, erkläre ich ihnen.
Die beiden sehen mich mit großen Augen an. Ich habe bezahlt. Ich kann sie beide haben, meint Lucy. Dass ich als Weißer keinen Sex mit ihnen will, können sie nicht verstehen.
Ich steige in mein Taxi. Kopfschüttelnd sehen die beiden Mädchen mir nach.
Es ist der letzte Abend vor dem Rückflug.
Die Krise ist nicht nur in Kenia angekommen. Auch bei mir. Ich will nach Hause und diese Geschichte erzählen….







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