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ARTE Journal - 22. Spetember 2010 - 28/09/10

Reisetagebuch von Roger des Prés

Roger des Prés ist Schauspieler, Regisseur und liebt die Natur. Er sieht sich selbst als „Bauer von Theatern“. Seit 20 Jahren leitet er die „Ferme du Bonheur – den Bauernhof des Glücks“ in Nanterre, einem Vorort von Paris. Der „Bauernhof des Glücks“ ist ein Ort voller Leben, der Gemeinsamkeit und der Kreativität. Es gibt dort auch viele Tiere, und einen Gemüsegarten. An seinem Tisch hat er immer viele Gäste. Bei der Babel-Kaukasus Karawane leitet Roger des Prés Schreibworkshops und Workshops zur Inszenierung von Theaterstücken.

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Endlich, ich habe es geschafft!
Ich bin da. Bei Babel Kaukasus 2010 in Kharagauli.

Samstag 11. September
Eingeladen hat uns Tsisso, eine Frau, die hier ein Familienzentrum betreibt, das verschiedene Aktivitäten anbietet: Eine Bibliothek, mit einem beachtlichen französischsprachigen Bestand (Ah! „Abenteuer in Kaukasien von Alexandre Dumas!), einem Vertrieb von Schulbüchern und Kursen in medizinischer Pflege und Hygiene. Tsisso, diese, kleine energiegeladene Frau, arbeitet aber auch mit Waisenhäusern zusammen, in denen auch Kinder aufgenommen werden, deren Eltern sich nicht mehr um sie kümmern können.


Jetzt sind wir also hier, im „Kulturissa da Dasvenebis Parki“, dem „Park für Kultur und Entspannung“, der sich übrigens in einem ziemlich desolaten Zustand befindet, wie alle Einrichtungen, die ich im Laufe meiner Reisen durch die ehemaligen kommunistischen Länder gesehen habe. Auf einem kleinen Hügel am Ende des Parks thront eines dieser architektonischen Gebilde, wie die Partei sie so geliebt hat: Ein riesiger Pavillon, der für verschiedene Zwecke, wie Aufführungen, benutzt werden konnte. Wir haben dort unsere Küche eingerichtet, nachdem wir Türen und Fenster mit Müllsäcken, Kartons und Klebeband notdürftig verschlossen haben.

Dann stellt sich das Team vor, das mit den Kindern hier schon für die Aufnahmen zum Film „Babel und die Autonauten“ geprobt hat. Die Kinder haben übrigens auch bei den Kulissen und Kostümen mitgearbeitet. Danach gehe ich mit Laure in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Heute Abend zeigen wir, wie bei jeder Etappe, den Dokumentarfilm „Babel Kaukasus für immer“. Es sind viele Zuschauer gekommen, junge und alte. Man merkt, dass sonst hier nicht viel geboten wird.

Später am Abend, als nur noch das Team vor Ort ist, stoßen fünf Georgier zu uns. Sie bringen Essiggurken, eingelegte Tomaten, Brot.... und Chacha mit. Den legendären einheimischen Schnaps. Und sie singen für uns, ihre wundervollen polyphonen georgischen Gesänge. Die Stunden vergehen und irgendwann traue ich mich sogar, den „Basso continuo“, den einfachen Grundton zu singen, gefolgt von weiteren Mutigen aus dem Team. David, der Georgier, nimmt es lächelnd zur Kenntnis und gibt uns jedes Mal den Einsatz, wenn sich der Ton ändert... Vergessen sind die Grenzen, das Elend, alles, was uns trennt. Die Gesänge sind universell, die Musik verbindet uns, jung und alt, Frau und Mann.. normalerweise durch etwa 4000 Kilometer getrennt, nun aber vereint durch die Magie des Augenblicks.



Sonntag, 12. September 2010

Am Nachmittag sind einige von uns zum Tchxerinela-Fluss gegangen, am Fuße des Theaters. An einer Stelle ist eine ziemlich große Vertiefung, in der man ins Kühle Nass tauchen kann – normalerweise ist der Fluss gerade mal 30 Zentimeter tief. Einige Jugendliche beobachten uns vom Ufer aus... und gesellen sich kurzentschlossen zu uns. Wir springen und schwimmen um die Wette... Wieder etwas, das uns verbindet... das uns verbindet... das uns verbindet!!!

Abends, nach dem Filmen der letzten Szenen und einem Marathon-Schnitt des gesamten Bildmaterials, das hier gedreht wurde, findet der große Abschluss-Abend statt. Jeder bereitet sich vor. In der Küche bereiten wir einige typische Gerichte von zu Hause zu, vor allem eine ganze Reihe von flachen Apfelkuchen, denn Nachtisch ist in Georgien eher selten. (Zu meinem Leidwesen. Ich erinnere mich noch an den Schock, als ich vor 25 Jahren nach Paris kam und feststellen musste, dass man im Restaurant wählen musste zwischen „Vorspeise-Hauptspeise“ ODER „Hauptspeise-Dessert“). Die georgischen Frauen bringen große Mengen an Kababis, Fleischbällchen, allen Sorten von Salaten mit Mayonnaise, Maisfladen, gefüllten Paprika... und zwei riesige Cremetorten!


Das Programm beginnt: Mit Jérômes Klavier, dem Mittelpunkt aller Festlichkeiten. Junge Sängerinnen, Nachwuchs-Pianisten, Lehrerin und Chor und schließlich Jérôme selbst. Es folgen einige Kurzfilme, perfekt begleitet von Jérôme am Klavier und schließlich: der Film! Die Kinder sind begeistert, die Eltern voller Stolz. Zum Schluss gibt es tosenden Beifall. Und dann - das Büffet! Alles ist, nach georgischer Art, nebeneinander aufgereiht, französischer Wein neben georgischem. Das Essen ist äußerst lebhaft, es wird geschwatzt, gesungen, getanzt... bis um drei Uhr morgens. Die Jugendlichen haben uns ein paar Schritte der traditionellen Tänze beigebracht, bei denen die Männer super männlich und die Frauen ganz lieblich zu sein haben. Das Ganze begleitet von „Worldmusic“, Rock’n Roll, Techno und anderem...

Und morgen brechen wir auf...

Das Erwachen und Aufstehen am Dienstagmorgen geht also eher zäh vonstatten. Dazu kommt, dass das Gewitter, das gestern Nacht endlich gekommen ist, sich in einen nicht endenden wollenden Regen verwandelt hat. Wir bilden eine Kette, um schnell aufzuräumen. Nur ich laufe hin und her, trage irgendwelche Einzelteile durch die Gegend, mein Gepäck bringt die Ordnung in den Lastwagen durcheinander. Dann heißt es Abschied nehmen, so schnell wie möglich, von Tsisso, den Jugendlichen, den alten Sängern, die uns einen letzten Chacha aufdrängen möchten. Den lehnen wir ab. Wir müssen schließlich fahren... und brechen außerdem mit drei Stunden Verspätung auf.


Die Lastwagen laufen heiß, wir verfahren uns, verfehlen den Treffpunkt und treffen schließlich doch Yulia. Eine unglaubliche Frau – noch eine! – die im Ministerium für Flüchtlinge arbeitet, aber auch für eine Hilfsorganisation zur Ausbildung von „weiblichen Führungskräften“, die in den Lagern der Tschetschenen, Osseten, Abchasen aktiv ist. Es wird schon fast dunkel, als wir das Lager Schaschwebi erreichen, in der Nähe von Gori gelegen, einer großen Militärbasis, Geburtsstadt Stalins und historisches Zentrum der Region Schida Kartlien.

Das Lager ist eine Art Wohnsiedlung mit 178 identischen Häusern, die sich entlang von vier unasphaltierten Straßen reihen. Seit Ende 2008 leben hier die Familien, die vor dem Konflikt zwischen Georgien und Südossetien geflohen sind. Eigentlich verrückt, sage ich mir, nein, es ist ein wahrer Skandal, wo doch Osseten, Russen und Georgier so lange friedlich zusammen gelebt haben. So ist das wohl mit den politischen Entscheidungen, die wir nicht nachvollziehen können.

Wir beschließen, unser Lager oberhalb des Dorfes aufzuschlagen, bei verrosteten Containern, die uns als Küche, Esszimmer, Atelier für Kostüme, Kulisse, Proben und Vorführraum dienen. Mit einer gewissen Erleichterung nehmen wir die Einladung einiger Familien an, die uns Schlafplätze anbieten. Nach einer Nacht auf dem Betonboden des Theaters von Kharagauli und einer anderen im Lastwagen von Jérôme, freut sich meine Wirbelsäule über ein Bett... auch wenn die Matratze alles anders als weich und kuschelig ist... denn sie besteht einfach aus mehreren Schichten von UNHCR-Decken...


Am nächsten Tag beginnt unser Programm von vorne. Es gilt, die vier Tage, die Dreharbeiten, den Abschlussabend zu organisieren. Mylène und Antoine werden ihren Bericht für Arte drehen, wir werden auf die Suche nach den Kindern gehen. Man spürt, dass das Leben hart ist hier. Die Häuser sind zwar sauber, aber es gibt kaum Wasser, nur an öffentlichen Wasserstellen, zwei bis drei Mal täglich. Die Toiletten sind Plumpsklos im Garten. Die Menschen bewirtschaften etwa 200 Quadratmeter Erde, haben ein Schwein (neben den Toiletten), Hühner, Hasen... Die Leute sind eher zurückhaltend, auch die Kinder. Aber unsere Trommeln und unsere gute Laune locken sie an. Sie folgen uns und als wir bei unseren Containern ankommen, haben wir an die hundert ausgelassene Kinder dabei.

Wir zeigen ihnen die ersten Sequenzen des Babel-Films und erklären ihnen, dass sie den Film weiter machen werden. Wir hören, was sie uns erzählen und verteilen sie dann auf die verschiedenen Bereiche: Kostüme, Kulisse, Dreharbeiten... für drei Tage, denn der vierte Tag ist dem Filmschnitt und der Vorführung vorbehalten.


Das ist die Devise von Babel Kaukasus 2010“: Alles dreht sich ums Kino. Um die Entstehung eines Films „Babel und die Autonauten“, eine spielerische Adaptation von „Jason und die Argonauten“ -dessen Geschichte nach der Mythologie im Kaukasus spielt –, und um ausgewählte Filmvorführungen. Jeden Abend, oder fast jeden Abend. Animationsfilme, Dokumentationen, Spielfilme... Spannend, nicht wahr? So unterschiedliche künstlerische Formen in so unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen! Und immer wieder erleben wir Überraschungen. Der Film heute Abend für Kinder wird auf jeden Fall ein voller Erfolg. Das ganze Abenteuer hat vier Tage gedauert, bei unserer Ankunft waren die Menschen hier eher misstrauisch, aber das gemeinsame Leben und die gemeinsame Arbeit haben uns verbunden und schließlich waren sie glücklich und dankbar unser – gemeinsames! – Werk zu begutachten.


Das ist auch das Wort, mit dem ich meinen Bericht beenden möchte. Bevor Mylène mich anschnauzt, weil ich zu spät komme und bevor ich irgendwo einen Internetanschluss gefunden habe, um diesen Text auf den Arte-Blog zu schicken:

GEMEINSAM
Das ist das, was uns hier antreibt, was unser Denken beherrscht. Die einzige Hoffnung auf eine friedvolle Welt!
Sie meinen, wir träumen? Nein, wir arbeiten!


Erstellt: Tue Sep 07 00:00:00 CEST 2010
Letzte Änderung: Tue Sep 28 16:36:05 CEST 2010