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ARTE Journal - 7. September 2010 - 28/09/10

Reisetagebuch: Ankunft in Georgien

Daredjane Meliava ist Musikerin und Drehbuchautorin – das ist auch ihre Rolle in der Karawane von Babel Caucase. Sie gewährt uns Einblicke in ihr Reisetagebuch. Für die Enkelin eines georgischen Exilanten ist die Ankunft in Batumi in Georgien ein emotionaler Moment.

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“…Auf der Straße, die uns dorthin führt, wo mein Großvater und mein Vater begraben liegen, schlägt mein Herz immer heftiger: Bumbum, bumbum, bumbum…

Die Lichter von Batumi

Wir fahren um Mitternacht durch Batumi. Ich bin erstaunt, wie viel sich in drei Jahren verändert hat. Die Stadt wirkt wie ein protziges Emirat, das Öl spielt hier zweifellos eine Rolle. Ich sehe die verschwenderische Fülle der bunten Lichter, die im Bau befindlichen Hochhäuser, unwirkliche Silhouetten. Aber sobald wir den Hof des Hauses betreten, in dem wir unsere erste Nacht verbringen werden, stoße ich auf das wahre Batumi mit seinen schiefen Balkons, die wundersam in der Luft hängen. Zwei Frauen sitzen dort, um ein Uhr morgens, inmitten von Bergen von Tomaten und Zwiebeln, die sie palavernd in Stücke schneiden, und umgeben von Paprika, die wie Schmuckstücke um sie herum hängen. In den Töpfen köchelt es, und der sommerliche Duft der zukünftigen Konserven liegt über allem.

Gaumenfreuden

Da wir noch nicht gegessen haben, läuft uns das Wasser im Munde zusammen, und natürlich bietet man uns einen kleinen Teller und ein Stück Brot an. Ein Moment des Glücks. In der kleinen feuchten Wohnung leuchten die Neonlampen, Spitzendecken liegen auf dem Tisch, Mücken und künstliche Blumen umgeben uns und es herrschen die gleichen Probleme mit der Wasserversorgung wie vor zwanzig Jahren, als ich zum ersten Mal hier war. Nach einigen Träumen, in denen die Geister der Vergangenheit auftauchten, wird uns bei der Benutzung der Waschschüssel kurz vor Augen geführt, wie wertvoll Wasser hier ist.

Eishalle ohne Eis

Unser erster Tag vergeht schnell. Wir entladen die Lkw und bauen unser Lager auf einer riesigen Wiese am Hafen auf, genau neben einer Eishalle aus einer anderen Welt. Das Thermometer zeigt 35 Grad an, und in dem Tragluft-Eispalast läuft das Gebläse rund um die Uhr, die Polizisten bewachen den Eingang, doch drinnen sind weder Eis noch Schlittschuh laufende Kinder. Nur Beton und Schlittschuhe. Eines Tages werden die Bauarbeiten vielleicht beendet.

Kleine bunte Vögel
Die Waisenkinder treffen ein, als ich gerade im Restaurant bin und auf das Essen warte, das ich für alle zum Mitnehmen bestellt habe. Als ich beladen mit Käse-Pfannkuchen und verschiedenen Salaten herauskomme, herrscht Chaos. Alle sind noch damit beschäftigt aufzubauen, Solène und Laure werden unter ihrem Nomadenzelt der bildenden Künste von einem Schwarm Kinder überfallen, deren Sonntagskleidung bereits mit Acrylfarben bekleckert sind und die wie kleine, bunte Vögel wirken... Ich gehe schnell zu Églantine in den Schatten einer Tanne, unter der wir unsere Teppiche ausgebreitet und den Bereich Casting und Drehbuch eingerichtet haben. Etwa 15 jugendliche Kinder warten dort und schauen uns mit ihren großen kaukasischen Augen aufmerksam an. Das Essen können wir vergessen…“

Zum Glück ist Sopiko bei uns, um unsere Gespräche und die Zusammenfassung des Films zu übersetzen, den wir gemeinsam versuchen werden zu drehen: „Babel et les Camionautes“ – wir, die weit entfernten Nachfahren der mythologischen Helden „Jason und die Argonauten“ wandeln in Georgien auf den Spuren unserer Ahnen und weben aus Bildern etappenweise ein Vlies aus Kunst, Sprachen und Kulturen: einen Film, der von einem Austausch handelt, von Solidarität mit den Minderheiten, von dem Glück, zusammen zu sein.

Mythisches

Für unsere erste Episode rekonstruieren wir die Begegnungen von Jason und Orpheus mit den verführerischen Sirenen und den aggressiven Harpyien, die sich als Piraten betätigten. Das Casting ist schnell erledigt, Églantine hat ihre drei Sirenen und ich meine Piraten. Wir lassen sie ein Lied schreiben, in denen sie sich vorstellen und von ihren Träumen erzählen, aber wir haben niemanden mehr, der für uns übersetzt, und so wird es natürlich abenteuerlich. Währenddessen malen die Kleinen das Segel des zukünftigen Lastwagenschiffs, der Mast wird gebaut, die Sirenenkostüme nehmen Gestalt an, und gerade, als wir die erste Strophe des Piraten-Rapsongs haben, hält ein großer Kombi am Gehweg. Wie durch Wunderhand verschwinden die Kinder augenblicklich darin, und wir können nur den nächsten Tag abwarten… und den Abend mit den Vorbereitungen verbringen, denn die schlechte Nachricht lautet: Sie haben übermorgen keine Zeit für den Dreh. Also gut. Kurze Phase der Verwirrung, aber wie immer stellt sich das Anti-Stress-Team der Situation mit einem Lächeln: Das wird schon, wir drehen morgen!“

Erstellt: 07-09-10
Letzte Änderung: 28-09-10