02/01/02
Reise nach Kandahar
Kinostart 03.Januar 2002
REISE NACH KANDAHAR
Ein Film von Mohsen Makhmalbaf
Iran/ Frankreich 2001
Inhalt
Journalistin Nafas reist durch die kargen Landschaften Afghanistans, um ihre Schwester in Kandahar zu besuchen, die Selbstmord begehen will. Sie wird mit Leid und Unterdrückung durch das Taliban-Regime in der Bevölkerung konfrontiert. So sieht sie, wie bei einem Roten-Kreuz-Lager Beinprothesen mit Fallschirmen abgeworfen werden.
Biographie Mohsen Makhmalbaf
Mohsen Makhmalbaf wurde am 29. Mai 1957 in einem Armenviertel im Süden Teherans geboren. Hier wird er später die Themen für seine Filme finden. Kurz nach seiner Geburt verlässt der Vater die Familie und die Mutter ist gezwungen, die Familie allein zu ernähren. Die Erziehung übernimmt Mohsen Makhmalbafs Grossmutter, eine sehr fromme, gläubige Frau.
Im Alter von fünfzehn Jahren ist Mohsen Makhmalbaf für den Unterhalt der Familie verantwortlich. Er verlässt das Gymnasium und sucht Arbeit. Unter dem Einfluss seines Stiefvaters beginnt er, sich politisch gegen das Schahregime zu engagieren. 1974 greift er als 17jähriger einen Polizisten an, um ihn zu entwaffnen. Er wird verhaftet und für mehrere Jahren gefangengehalten.
Erst zum Zeitpunkt der islamischen Revolution im Jahr 1979 wird er freigelassen. Nach 1980 wendet er sich von der Politik ab und konzentriert sich auf die Kunst. Er veröffentlicht Theaterstücke, Novellen und einen Roman. Gleichzeitig beginnt er, sich fürs Kino zu interessieren.
1982 realisiert er seinen ersten Film "Nassuhs Reue". Zu diesem Zeitpunkt hat er noch nie einen Fuss in ein Kino gesetzt. Seither begleitet Moshen Mahkmalbaf mit seinem Filmschaffen kontinuierlich die gesellschaftliche Entwicklung im Iran. Intuitiv und mutig (mehrere seiner Filme fallen der Zensur zum Opfer) kommentiert er die Gegenwart mit konstruktiver Schärfe. Sowohl modern und einfallsreich, als auch poetisch und fabulierend kreisen seine Filme um Wahrheit und Legende, Aufrichtigkeit und Intrige und entlarven die Beziehungen zwischen den Menschen, die Macht ergreifen, und jenen, die sich unterwerfen.
Mohsen Makhmalbafs Filme sind beim iranischen Publikum (das prinzipiell sehr kinofreudig ist) sehr beliebt.
Der Regisseur Abbas Kiarostami hat sogar seinen Film "Close-up" auf der Person Makhmalbafs aufgebaut: ein arbeitsloser Filmliebhaber gibt sich als Mohsen Makhmalbaf aus und verschafft sich unter dem Vorwand, einen Film zu drehen, Zugang zu einer bürgerlichen Familie im Norden Teherans. Heute gilt Mohsen Makhmalbaf als einer der bedeutendsten und populärsten iranischen Regisseure, der auch international bekannt und anerkannt ist. Das "Cinéma Utopia" in Paris und das "Festival International de La Rochelle" widmeten ihm 1992 und 1993 eine Hommage. 1994 war Mohsen Makhmalbaf Mitglied der Jury beim Filmfestival in Locarno.
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Kommentar
Als der renommierte iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf 1999 seinen Film REISE NACH KANDAHAR drehte, ahnte er nicht, daß sein Film zwei Jahre später von solch aktueller und politischer Brisanz sein würde. Im Mai letzten Jahres erhielt er in Cannes den Preis der Ökumenischen Jury für sein Werk. Auch da mußte er sich noch Fragen nach der Aktualität seines Themas gefallen lassen.
Die Ereignisse nach dem 11. September vergangenen Jahres machen REISE NACH KANDAHAR nun zu einer ‚heißen Ware'. Die Welt verlangt nach Informationen über ein Land, das jahrelang von fast allen vergessen wurde. Sein Film versorgt diesen Wunsch nach Information jenseits der Nachrichten.
Die fiktive Dokumentation führt den Zuschauer ins Herz des Talibanregimes, nach ‚Talibanistan'. In Afghanistan selbst zu drehen war allerdings zu gefährlich. Makhmalbaf wich auf die Landschaft an der iranisch-afghanischen Grenze aus.
Der Trick, den Makhmalbaf verwendet, funktioniert gut. Wir reisen gemeinsam mit der Journalistin Nafas nach Kandahar, unter ihrer Burka. Der Blick, den das Baumwollgefängnis freigibt ist nach allen Seiten stark begrenzt. Aber er reicht aus für den Schrecken, der ob der gezeigten Realität einsetzt.
Die Frauen Afghanistans sind völlig entrechtet. Sie dürfen sich nirgendwohin alleine bewegen, sind total auf männliche Hilfe angewiesen. In der Koranschule lernen die kleinen Jungs in ihren weißen, unbeschmutzten Gewändern, was der Koran ist, und wie eine Kalaschnikow funktioniert.
Beständig bespricht Nafas ihren einzigen treuen Begleiter, ein Aufnahmegerät. Bald wird ihr zu eng unter der selbstgewählten Burka. Kein Wunder, Nafas ist afghanisch und meint ‚Atmung'. Die Luft zum Atmen wird immer dünner, je weiter Nafas ins Land der Taliban eindringt.
Leider überreizt Makhmalbaf die Off-Kommentare Nafas ein wenig. Auf die Dauer wirken sie zu belehrend. Da wäre weniger mehr gewesen. Doch lebt der Film vor allem von der Diskrepanz der wunderschönen Bilder, und der darin enthaltenen, schrecklichen Realität. Das Sehen lohnt sich schon alleine wegen einer Szene; der einzigen Szene, die von Musik begleitet wird:
Die Weite der Wüste. Vom Himmel fallen – in Zeitlupe, an kleinen Fallschirmen – von UNO-Flugzeugen abgeworfene einzelne Beinprothesen. Etwa zwei Dutzend einbeinige Männer – Tretminenopfer – hüpfen auf ihren Stelzen durch die Weite der Wüste den vom Himmel regnenden Beinen entgegen. Ein großartiges, surrealistisches und realistisches Bild zugleich. Ein Bild, das man nie vergessen wird.
Nana A.T. Rebhan
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 02-01-02