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Dokumentation: Los Angeles weit hinter Disneys Märchenschlössern

Im Teufelskreis von Drogen, Gewalt und Kriminalität: Das gefährliche Leben in einer Frauengang.

> Interview mit der Regisseurin

Dokumentation: Los Angeles weit hinter Disneys Märchenschlössern

Im Teufelskreis von Drogen, Gewalt und Kriminalität: Das gefährliche Leben in einer Frauengang.

Dokumentation: Los Angeles weit hinter Disneys Märchenschlössern

16/04/12

Reise ans Ende der Gewalt - Interview mit Stéphanie Lamorré

Die Mädchenbanden von L.A.


Die Dokumentarfilmerin Stéphanie Lamorré ist bis ins Zentrum der härtesten Mädchenbanden von Los Angeles vorgedrungen. Sie hat ergreifende und ungeschönte Aussagen von Frauen gesammelt, deren Leben keinerlei Wert mehr zu besitzen scheint – abgesehen von dem extremer Gewalt. Gespräch mit der Regisseurin.


  • Wie ist es Ihnen gelungen, an diese Mädchenbanden heranzukommen?
    Ein Freund hat mir die Adresse eines Dealers in Los Angeles verschafft, der mich dann mit anderen Leuten in Kontakt gebracht hat. Innerhalb von sieben Monaten habe ich fast zweihundert Mädchen getroffen. Die erste Begegnung verlief jeweils gut, doch dann verschwanden sie. Es war sehr schwer, sie dazu zu bringen, sich filmen zu lassen. Sie wollten nicht, dass ich in ihrem Viertel drehe oder sie beim Drogenhandel aufnehme.

  • Einige haben sich dennoch bereit erklärt, zu sprechen…
    Ich habe sehr viel Zeit mit ihnen verbracht und wir haben uns wirklich kennengelernt, bevor ich die Kamera hervorholte. In South Central hatte ich einen lokalen Kontakt, der sie davon überzeugen konnte, dass es eine gute Sache ist, von ihrem Leben zu erzählen. So gewann ich beispielsweise das Vertrauen von Itza, die Mitglied der V.N.E., einer wichtigen Latino-Bande, ist.

  • Haben Sie sich bedroht gefühlt?
    In diesen Vierteln weiß man nie, was passieren wird. An einer Tankstelle wurde aus heiterem Himmel auf eines der Mädchen, die ich gefilmt habe, geschossen. Ich habe auch an der Beerdigung zweier Jugendlicher teilgenommen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren. Sie bastelten eines Sonntagvormittags gerade in ihrer Garage herum, als ein Mann auftauchte und sie ermordete. Um in eine Bande aufgenommen zu werden, muss man irgendjemanden wahllos umbringen. Eine Viertelstunde nachdem ich gegangen war, wurde mit Maschinengewehren auf den Leichenzug geschossen und dabei kamen sechs Personen ums Leben. In jenen Vierteln schwelt ein ständiger Krieg, der täglich Tote fordert. Mit zwölf treten die Mädchen in die Banden ein, ihre Lebenserwartung liegt bei 24 Jahren. Als Aufnahmeritual werden sie entweder durchgeprügelt oder von den Männern der Bande vergewaltigt. Mit 24 gelten sie schon als „alte Gangster“, denn wenn jemand dieses Alter erreicht, hat er einige Jahre Gefängnis hinter sich, wo er vor dem Viertel gewissermaßen „geschützt“ war.

Es geht um fehlende Liebe und eine verzweifelte Suche nach Liebe. Die einzige Liebe, auf die sie hoffen können, ist die der Kinder, die sie vielleicht haben werden...
Wie kamen Sie darauf, sich mit diesen Banden zu beschäftigen?
Frauen werden meist als Opfer dargestellt. Auf meinen Reisen bin ich auch äußerst gewalttätigen Frauen begegnet, immer mehr Morde werden von Frauen begangen. Ich wollte verstehen, was sich hinter dieser Gewalt verbirgt. Warum werden Frauen, die doch eigentlich für Familie und Mutterschaft stehen sollten, immer gewalttätiger? Was hat sich verändert? Ich habe mich für Mädchenbanden interessiert, die gemeinsame Aktionen durchziehen. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und zu den Ursachen vordringen.

  • Was haben Sie gelernt?
    In jenen Vierteln sind soziales Elend und Brutalität so verbreitet, dass Gewalt das einzige Mittel ist, um zu überleben, sich zu behaupten, zu existieren. Es ist erschreckend, wie das als unausweichliches Schicksal hingenommen wird. Die Frauen wissen, dass ihr Viertel gefährlich ist, doch selbst wenn sie die nötigen Mittel hätten, würden sie es nicht verlassen. Sie sehen es als ihren vorherbestimmten Platz an, und die territoriale Bindung ist sehr ausgeprägt. Sie stammen oft aus zerrütteten Familien und die Bande gibt ihnen Rückhalt, obwohl sie auch den Tod bedeutet. Doch die Einsamkeit ist noch schrecklicher. Diese Frauen sind unter sehr harten Bedingungen aufgewachsen, sie kennen kein Mitleid, keine Liebe und keine Gemeinsamkeit, nur Angst und Gewalt. Darauf lässt sich kein normales Leben aufbauen! Sie vertrauen niemandem. Hier denkt jeder nur an sich, auch im Familienkreis. Bei meiner Ankunft in Los Angeles sagte eines der Mädchen zu mir: „It’s all about love.“ Der Satz ist hängen geblieben, weil ich ihn nicht verstand. Ich konnte in ihrer Welt nirgends Liebe entdecken. Doch irgendwann habe ich verstanden: Es geht um fehlende Liebe und eine verzweifelte Suche nach Liebe. Das bringt ihr Leben ziemlich gut auf den Punkt. Die einzige Liebe, auf die sie hoffen können, ist die der Kinder, die sie vielleicht haben werden. Doch das wird sie nicht weniger gewalttätig machen.
Ein Interview von Laure Naimski

Erstellt: 22-03-12
Letzte Änderung: 16-04-12