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Im Gespräch... - 09/12/05

Regisseur Torsten Wacker

Freitag, 9. Dezember 2005, um 20.40 Uhr: "Süperseks"


Herr Wacker, wie kam es denn eigentlich zu der Idee, einen Spielfilm über eine Telefonsex-Hotline für Türken zu machen? Gab es da etwa reale Vorbilder?

Ich glaube ja. Es ist so, dass die Idee nicht von mir ist, sondern von den beiden Autoren Kerim Pamuk und Daniel Schwarz. Die sind auf die Idee gekommen und haben dafür auch massiv recherchiert. Es gab auch schon eine türkischsprachige Telefonsex-Hotline in Deutschland. Daraus hat sich das entwickelt, ich bin erst deutlich später dazu gekommen.

 

Der Film „Süperseks“ nimmt auf eine liebevoll-witzige Art auch einige Tabus der Türken in Deutschland, vor allem der türkischen Männer in Deutschland aufs Korn, wie z. B. die Rolle der Ehefrauen in der türkischen Familie, die Doppelmoral die es da gibt, usw. Hat die türkische Gemeinde in Hamburg da keinerlei Schwierigkeiten gemacht?

So weit ich weiß, nicht. Das ist eigentlich den Türken hier auch bewusst, dass es so ist, von den Orthodoxen natürlich abgesehen, die haben sich eigentlich gar nicht dazu geäußert. Die Produzenten haben sich aber mal wegen der Moschee-Szene mit dem Imam in Hamburg getroffen und haben ihm von dem Film erzählt. Sie haben ihm auch die Szene gezeigt, in der der Telefonsex über die Moscheelautsprecher eingespielt wird,  und er hat gesagt, dass es da eigentlich kein Problem geben würde. Doppelmoral gebe es eben überall und leider auch im Islam und es wäre kein Problem das zu thematisieren, da müsste man schon darüber stehen. Eine sehr souveräne Reaktion, fand ich.

 

Die Szene, als der Onkel seine eigenen Telefonsex-Gespräche in der Moschee vorgeführt bekommt?

Ja, ganz genau.

 

Da hat der Imam dann so locker reagiert?

Er hat natürlich gesagt, dass er es nicht gut findet – das muss man ihm auch zugestehen, es nicht gut zu finden. Aber er sagte, dass gibt es eben, deswegen wäre es einfach realitätsfern zu sagen, dass akzeptieren wir nicht.

 

Die Deutsch-Türkinnen – ich nehme mal an es sind Türkinnen, die schon sehr lange in Deutschland leben – die in ihrem Film mitgespielt haben und an den Telefonsex-Hotlines saßen und die entsprechenden Gespräche führten, hatten die mit dem Thema auch kein Problem?

Nein, überhaupt nicht. Eine amüsante kurze Nummer gab es, als wir die Moschee-Szene gedreht haben. Unser Imam im Film, der den Vortrag hält, der saß bei den Komparsen im Raum und hat eine Zigarette geraucht, bevor wir gedreht haben und da sind von den Komparsen 10 Leute aufgestanden und sind gegangen. Als sie gefragt wurden, warum sie gehen, sagten sie,  wenn ein heiliger Mann in der Moschee raucht, dann könnten sie nicht dableiben. Die haben dann tatsächlich das Set verlassen und waren damit auch nicht mehr im Film. Aber die Frauen selber, die hatten da kein Problem. Die waren alle in Hamburg aufgewachsen, sehr moderne Frauen, teilweise alleinerziehende Mütter – gar nicht mal so weit weg von den Frauenfiguren, die wir auch im Film haben.

Aber nicht unbedingt Frauen, die auch selbst diese Art von Berufserfahrung hatten?

Nein, die waren nicht dabei. Wir hatten eine Beraterin dabei, die sich da ein bisschen besser auskannte, und die hat dann hier und da die Frauen ein bisschen eingewiesen, wie man mit so etwas umgeht, aber von den Frauen selbst war kein Profi dabei.

 

Haben wir vielleicht manchmal von der türkischen Gemeinde eine zu strenge, eine falsche Vorstellung? Wenn ich höre, dass die das alles relativ locker und mit Selbstironie und Humor genommen haben, dann ist das ja eigentlich überraschend.

Ich glaube, dass man generell nicht pauschalisieren darf – weder in die eine noch in die andere Richtung. Natürlich gibt es extrem Orthodoxe, die das gar nicht gut heißen und bei denen es zu Hause auch anders aussieht als bei den türkischen Familien im Film. Aber es gibt auch eine Gruppe - und ich glaube, das ist die deutliche Mehrheit in Deutschland - die da ganz anders tickt. Ich meine, es ist in Istanbul auch nicht anders: es ist eine moderne Stadt mit aufgeklärten Menschen und da gibt es eben auch sehr orthodoxe Gruppen. So etwas gibt es in Deutschland auch im Katholizismus oder in der Evangelischen Kirche. Es gibt überall Doppelmoral, es gibt ganz unterschiedliche Menschen. Man muss sich davon frei machen, dass alle irgendwie in ein Raster passen. Es gibt nie „alle“ und das ist in diesem Fall auch so.

 

Kann ein Film wie Süperseks, den sie ja bewusst als zugängliche Komödie durchgehalten haben, vielleicht sogar dazu beitragen, hier ein bisschen aufzuklären?

Ich glaube schon. Ich selbst habe vorher noch nie mit Türken gearbeitet, aber ich habe immer einen extrem guten Kontakt zu allen möglichen Ausländergruppen gehabt – zu Persern, Griechen, Oromos also Ethopier, Italiener – mit denen Karten gespielt, einige meiner besten Freunde kommen von da. Nur mit Türken habe ich nie etwas zu tun gehabt, was ja absurd ist, weil sie mit Abstand die größte Gemeinde in Deutschland bilden. Das liegt auch in der Natur der Sache: da sie die größte Gemeinde sind, sind sie auch ein bisschen mehr für sich, d.h. es fällt den Türken und den Deutschen leichter, nichts miteinander zu tun zu haben.

 

Da haben Sie also bei den Dreharbeiten zu „Süperseks“ durchweg positive Erfahrungen gemacht?

Ja, ich habe da positive Erfahrungen gemacht. Es war ganz hervorragend, mit denen zu arbeiten. Ich würde mit den meisten sofort wieder arbeiten, ich arbeite auch mit mit dem Autor Kerim Pamuk schon an einer neuen Geschichte. Der Film ist auch in dieser Hinsicht sehr fruchtbar gewesen.  

 

Interview: Thomas Neuhauser (Dezember 2005)

 

Erstellt: 07-12-05
Letzte Änderung: 09-12-05