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Im Gespräch... - 05/07/07

Regisseur Samir Nasr

ARTE zeigt am Dienstag, den 17. Mai 2005 um 22.45 Uhr die Fernsehfilm-Premiere "Folgeschäden" von Samir Nasr

Herr Nasr, in ihrem Film „Folgeschäden“ erzählen sie die Ehegeschichte zwischen einer Deutschen und einem algerischen Wissenschaftler. Der Mann gerät plötzlich in den Verdacht, Kontakt zu islamistisch-terroristischen Kreisen zu haben. Zwischen den bisher glücklichen Ehepartnern wächst das Misstrauen wie ein schleichendes Gift. Was hat sie an dieser Geschichte von Florian Hanig interessiert?
Es hat mich vor allem interessiert, dass es eine Geschichte ist, die heutzutage passiert. Sie beruht bis zu einem gewissen Grad auf einer wahren Begebenheit. Ich finde, dass wir in einer Zeit leben, in der sich ein Verdacht sehr schnell verselbstständigen kann. Nach dem 11. September hat sich das Leben für sehr viele Menschen arabischer oder islamischer Herkunft in Europa sehr stark verändert. Es geht wirklich sehr schnell, dass jemand unter Verdacht gerät. Es reicht manchmal schon die kleinste Ungereimtheit aus. Es kann auch Leuten passieren, einem solchen Verdacht aufzusitzen, die es besser wissen müssten, weil sie ihren Partner schon lange kennen. Doch das perfide an der Stimmung, in der wir leben, ist ja gerade, dass man sagt: „Einen Schläfer erkennt man nicht. Ein Schläfer zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man nicht ahnt, dass er ein Schläfer ist.“. Das ist eine Debatte, die auch von der Politik angestoßen wurde. Das ist natürlich ein ganz gefährlicher Mechanismus, weil die Beweislast umgekehrt wird und man beweisen muss, dass man es nicht ist. Das ist es, was ich an dieser Geschichte so spannend finde.

Glauben sie wirklich, dass Angst und Misstrauen seit dem 11. September bis in interkulturelle Ehen und Freundschaften vorgedrungen ist, so dass manche Menschen wirklich befürchten, an der Seite eines Schläfers zu leben, ohne es zu wissen?
Ich glaube, dass es auf jeden Fall sehr stark zugenommen hat, gerade in den Beziehungen, in denen Religion bis dahin kein großes Thema war. Gerade bei der Geschichte, die wir erzählen: Tariq ist ein sehr weltoffener Mensch, jemand der überhaupt nicht strenggläubig ist. Er ist Moslem und achtet auf seine Religion, aber er ist nicht strenggläubig. Ich habe auch öfters im Bekanntenkreis gesehen, dass es eigentlich erst nach dem 11. September relevant geworden ist, denn es war kein großes Thema gerade in Ehen, wo zwei Religionen gleichberechtigt nebeneinander leben. Dadurch dass es nach dem 11. September eine Phase gab, wo man in vielen Beziehungen anfing darüber zu diskutieren. Wo man sagte: Wieso machen die das? Was sind das für Leute? In den Medien war dann eine große antiislamische Stimmung. Das hat sich natürlich in die Beziehungen geschleppt und zu verhärteten Fronten zwischen den Partner geführt.

Tatsache ist auf jeden Fall, dass der in den Medien im Vordergrund stehende fundamentalistische Islam den Menschen Angst macht. Manchmal muss man vor radikalen Islamisten auch tatsächlich Angst haben, genauso wie vor radikalisierten Christen oder Juden. Kann da ein Film wie „Folgeschäden“ vielleicht zu einer Aufklärung beitragen und zu mehr Gelassenheit führen? War das eine Intention von ihnen?
Ich weiß nicht, ob ein Film in diesem Sinn aufklären kann. Es war nicht die Intention, ein Film zu machen, der belehrend ist, bzw. Standpunkte ausdiskutiert und gegeneinander abwägt. Mir war sehr wichtig, diese Geschichte zu erzählen und für den Zuschauer nachvollziehbar zu machen, wie schnell so etwas gehen kann und wohin es führen kann. Wenn der Film in diesem Sinn eine Botschaft hat, dann macht er sich nicht an einer Aussage fest. Was der Film möchte, ist die Menschen zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, dass man hingucken sollte, sich selbst hinterfragen sollte und vor allem miteinander reden. Es ist ein ganz großes Problem, dass ab einem bestimmten Punkt, wo die Angst größer wird auch immer weniger geredet wird.
Natürlich hat sehr viel von dieser Angst mit Unkenntnis zu tun. Ich finde es ganz schlimm, wenn Filme, die ein aktuelles Thema behandeln, am Ende eine simple Botschaft haben. Das ist ganz klar, dass wir das nicht wollten. Es gibt in dem Film daher kaum Erklärungen. Es gibt aber einen Mechanismus, den wir aufzeigen. Ein Mechanismus, wie sich eine Beziehung fast selbst zerlegt. Es geht sehr stark darum zu zeigen, wie in einer Beziehung Vertrauensverlust einsetzt und wie das dann immer weiter geht.

Aber der Grund, dass der Vertrauensverlust sofort in Richtung Verdacht auf islamistisch-terroristische Aktivitäten geht, das ist doch sicher auch durch das derzeitige Medienumfeld geprägt, weil wir ständig mit diesen Ängsten leben, oder?
Ganz klar durch das Medienumfeld und durch die Charaktere im Film, die auf eine gewisse Art das Establishment repräsentieren. Durch den Kommissar vom Bundeskriminalamt, der auf seine Art seinen Job macht und natürlich zunächst einmal davon ausgeht, dass er auf der richtigen Fährte ist. Diese Zerstörung, die er anrichtet, begreift er erst viel später. Für mich liegt das Politische in diesem Film, wie er funktioniert. Die Zuschauer sehen die Geschichte mit Majas Augen. Maja ist die Hauptfigur und dadurch die Identifikationsfigur, das ist von uns so gewählt worden. Die Intention ist, dass man ihr bei dem Verdacht folgt, es ihrem Mann also zutraut, und dabei an seine eigenen Klischees und Vorurteile erinnert wird.

Wie ist ihre eigene Einschätzung zu dieser Bedrohung und den Ängsten? Halten sie selbst diesen aggressiven Fundamentalismus bestimmter Islamisten, der ja wirklich zugenommen hat, für eine ernsthafte Bedrohung des Westens?
Ich glaube, dass es eine Bedrohung gibt, doch diese ist sehr viel kleiner, als es in den Medien dargestellt wird. Ich glaube, dass es auch viele andere Gruppen gibt, die ähnlich zerstörerische Ziele verfolgen. Ich denke, dass sich sehr viel an Terrorismus und Fundamentalismus zurückdrängen ließe, wenn es ein bisschen mehr Gerechtigkeit in der Welt herrschen würde. Viele von diesen radikalisierten Leuten kommen aus sehr schlimmen gesellschaftlichen und politischen Situationen, aus permanenten Krisenherden. Der Ansatz, den Terrorismus zu bekämpfen, als etwas das losgelöst von den Ursachen das Böse ist, das ist vollkommener Quatsch.
Denn der Terrorismus ist eine Strömung, die sich nährt aus Leuten, die jede Perspektive verloren haben. Das sollte man sich immer überlegen, ohne es hier verteidigen zu wollen. In dem Moment in dem jemand seinen Körper als Waffe einsetzt, ist es nicht nur eine Form von Radikalisierung, sondern auch eine Form von totaler Hoffnungslosigkeit. Man sollte sich überlegen, wie weit jemand kommen muss und wie verzweifelt jemand sein muss, um das zu tun.
Ich glaube, dass diese Bedrohung benutzt und instrumentalisiert wird, von verschiedenen Gruppen, von Politikern und Medien, dass es also auch sehr übertrieben wird. Durch die ständige Beschwörung und das ständige Aufwärmen dieser Angst, wird die Bedrohung sehr viel größer gemacht wird, als sie eigentlich ist.

Interview: Thomas Neuhauser (ARTE), Mai 2005

Erstellt: 13-05-05
Letzte Änderung: 05-07-07