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ARTE Journal - 20/08/12

Punk gegen Putin

Es wird ernst für die drei Punk-Frauen von Pussy Riot. Nach fünf Monaten in Untersuchungshaft beginnt heute der Prozess gegen die kremlkritischen Musikerinnen. Im Februar hatten sie in der Moskauer Erlöserkathedrale dafür gebetet, dass Russland von Präsident Putin erlöst werden möge, nun sind sie wegen Rowdytums angeklagt. Menschenrechtler kritisieren das Verfahren als politischen "Schauprozess" zur Einschüchterung der Opposition.

Es ist ein aufsehenerregender Prozess: die Hauptverhandlung gegen Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marina Alechina wird begleitet von einem Großaufgebot der Polizei, vor dem Gericht riefen Unterstützer "Freiheit für Pussy Riot". Auch internationale Künstler wie Sting und die Red Hot Chili Peppers erklärten sich solidarisch mit den Frauen, die von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene anerkannt sind. Menschenrechtler aus dem In- und Ausland kritisieren den Prozess als beispiellosen Justizskandal, der politisch motiviert und gesteuert sei.

Gefahr für die Gesellschaft?

Der Saal des Bezirksgerichts ist voll besetzt, wegen des großen öffentlichen Interesses an dem Prozess, in dessen Vorfeld auch mehrere Unterstützer der Künstlerinnen festgenommen wurden, wird er vom Justizministerium live im Internet übertragen. Die Musikerinnen sind wegen Rowdytums und Aufwiegelns zu religiösem Hass angeklagt. Mit ihrem Punk-Gebet gegen Putin und den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill in der Erlöserkathedrale in Moskau sollen sie die Gefühle von Gläubigen grob verletzt an den Grundfesten der russisch-orthodoxen Kirche gerüttelt haben. Dafür drohen ihnen nun sieben Jahre Straflager. Die Staatsanwaltschaft sieht in den früheren Philosophie- und Journalistikstudentinnen eine Gefahr für die Gesellschaft.

Skandal-Band entschuldigt sich bei Christen

Die Anwälte der Musikerinnen im Alter zwischen 22 und 29 Jahren sehen hingegen höchstens eine Ordnungswidrigkeit. Es habe sich um einen Protest gegen die zunehmend autoritären und anti-feministischen Tendenzen im Land gehandelt. Außerdem wollten sie die enge Verzahnung von Staat und Kirche vor der Präsidentenwahl am 4. März kritisieren. Pussy Riot sei eine politische Band, die ihr Recht auf freie Meinungsäusserung nutze, so die Verteidigung. Es sei nicht Ziel gewesen, religiöse Gefühle zu verletzen, die Anklage sei absurd. "Das ist politische Vergeltung und Rache", so der frühere Vizeregierungschef und Regierungskritiker Boris Nemzow. Die Staatsanwaltschaft wies Vorwürfe eines politischen Prozesses hingegen strikt zurück.

Putins Rache?

Die in einen Kasten aus Plexiglas eingesperrten Frauen beantragten mehr Zeit, um sich mit den 3000 Seiten Ermittlungsakten vertraut zu machen – das Video mit der Protest-Performance dauert knappe zwei Minuten. Nach seiner Wiederwahl im März hatte Putin die Aktion scharf kritisiert, viele erwarten daher, dass an den Frauen nun ein Exempel statuiert werden soll. Die Frauen bereiteten sich deshalb schon innerlich auf eine Straflagerhaft vor. Ihre Untersuchungshaft ist bis Januar 2013 angesetzt.

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Beate BADER / ARTE Journal

Erstellt: 30-07-12
Letzte Änderung: 20-08-12