

ARTE : Seit 1988 organisiert die Deutsch-Chinesische Akademie für Psychotherapie Trainingsprogramme in China. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Prof. Senf : Die Zusammenarbeit ist aus einer privaten Initiative meiner Kollegin Frau Haas-Wiesegart in China kurz nach dem Tod von Mao-Tse-tung erwachsen. Sie hat Chinesisch studiert und wollte mit den chinesischen Psychiatern darüber sprechen, wie sich Psychiatrie und Psychotherapie in China entwickeln können. Sie hat es geschafft, sehr renommierte Kollegen dazu zu bringen, dort regelmäßig zu unterrichten und erste Arbeitsgruppen zu organisieren. Für die ersten Pioniere war dies ein richtiges Abenteuer, und vor allem im Rückblick eine große Leistung.
Wie erklären Sie sich dieses Interesse an Psychoanalyse?
Ohne ein besonderer Freund der chinesischen Politik zu sein, muss man anerkennen, dass die Chinesen insofern immer eine kluge Politik gemacht haben, als sie aus Fehlern gelernt haben – und begriffen haben, dass über gesellschaftliche Veränderungen auch ökonomische und kulturelle Veränderungen möglich sind. In diesem gesellschaftlichen Prozess der Öffnung hatte auch die Psychotherapie letztlich eine Chance zu greifen. Bei der Eröffnung unserer Partnerklinik in Wuhan wurde explizit betont, dass diese Klinik wichtig ist, weil Fehlverhalten nicht unbedingt als kriminell einzustufen ist, sondern eine Krankheit darstellen und behandelt werden kann. Meine Kollegin hat insofern mit ihrer Initiative einen guten « historischen Riecher » gehabt.
Die Psychoanalyse – eine « kleine Revolution » auf privater Ebene?
Bestimmte Elemente der Psychoanalyse waren immer revolutionär, etwa in Russland nach der Perestroika, oder in der ehemaligen DDR kurz nach dem Fall der Mauer. Sie ermöglicht es, über Dinge zu sprechen, die man in dem politischen System eigentlich nicht hätten sagen dürfen. Insofern kann man die Psychoanalyse schon als befreiende tabubrechende Wissenschaft ansehen. Klinisch gesehen ist sie aber zu kompliziert und zu aufwändig, um in Notsituationen Abhilfe zu schaffen. Hier sind andere Therapieverfahren sehr viel leichter umsetzbar.
Was können die Chinesen mit Behandlungstechnologien anfangen, die auf dem Hintergrund eines europäischen Menschenbildes entwickelt wurden?
Wenn Sie Psychotherapie ausüben, sind Sie immer normativ gesellschaftlich gebunden. Hintergrund der Psychoanalyse ist die aufgeklärte mitteleuropäische Gesellschaft, die das Individuum und seine Autonomie in den Mittelpunkt stellt. Der Chinese ist traditionell eher kollektiv orientiert. Natürlich müssen wir uns fragen, was sie dort mit unserer Denktradition anfangen können. Durch den intensiven Kontakt im Rahmen unseres Projektes können wir diesen Fragen überhaupt erst nachgehen, und dieser Prozess ist für beide Seiten sehr spannend. Irritierende Momente - etwa wenn chinesische Kollegen, mit denen wir sehr eng vertraut sind, Mao verehren - zeigen, dass unsere Wahrnehmung gesellschaftlicher Positionen sich deutlich unterscheiden, und das müssen wir berücksichtigen. Bei allem gilt : "Vive la différence" - wir können es natürlich versuchen, die Welt in den Blick der demokratisierten Gesellschaft zu bringen, ob das die Wahrheit der Chinesen trifft, wissen wir letztendlich nicht.
Wie werden diese Therapieangebote von den Chinesen angenommen?
Klinisch gesehen finden Sie in China ähnliche Probleme wie bei uns, Zwangs-, Angst- und Persönlichkeitsstörungen. Durch Verwestlichung und die Veränderung der Nahrungsgewohnheiten fassen natürlich auch psychosomatische Zivilisationskrankheiten in China Fuß. Im Rahmen eines unserer Projekte haben wir festgestellt, dass Bulimie momentan rasant zunimmt. Paar- und Eltern-Konflikte sind aufgrund der verschiedenen kulturellen Unterschiede eine besondere Herausforderung für unseren « westlichen » Denkansatz: So kann ein Therapeut im Rahmen eines Adoleszenten-Konfliktes nicht einfach fördern, dass das Kind die Ansprüche der Eltern überwindet und sich loslöst, das ist in China sehr viel komplizierter als bei uns.
Ich habe gelernt, dass wir mit der westlichen Zivilisation nicht das Maß aller Dinge sind
Anlässlich des Erdbebens wurde zum ersten Mal von offizieller Seite psychologische Hilfe angefordert. Wie interpretieren Sie diesen Schritt?
Angesichts dieser Katastrophe können wir nur von Glück sprechen, dass einige Psychologen und Ärzte bereits gut vorgebildet waren. Es besteht momentan eine sehr große Bereitschaft, weitere Hilfe anzunehmen. Parallel dazu kann man beobachten, dass die chinesische Regierung « Durchhalteparolen » ausgibt – sie sind zwar Teil des politischen Systems Chinas, aber gleichzeitig als eine Form traditioneller sozialer Unterstützung interpretierbar, die vor Psychotraumatisierung schützt. Indem man Gruppen bildet und ihnen eine Identität gibt, zeigt man den Individuen, dass sie mit ihrem Schock und Verlust nicht alleine dastehen. Den Umgang mit unseren neueren Technologien in der Psychotraumatologie haben die Kollegen erst jetzt gelernt, sie nehmen brauchbare Konzepte dankbar an und verwenden sie, wo es möglich ist.
Vor allem die Kulturrevolution hat viele seelische Narben hinterlassen. Gibt es Ansätze, dieses « Trauma » gesamtgesellschaftlich zu untersuchen?
Das Thema ist nach wie vor extrem sensibel und nur mit viel Respekt und Feingefühl überhaupt von einem Außenstehenden ansprechbar. Erschwerend ist zudem die Tatsache, dass in China Täter und Opfer noch zusammen leben. Wir haben an unserer Klinik mit dem « Essener Trauma-Inventar » ein Instrument entwickelt, mit dem sich die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung ziemlich sicher messen lassen. Mit Hilfe einer chinesischen Kollegin werden wir anfangen, die « Durchseuchung » mit schweren Traumatisierungen auch in China zu evaluieren. Anhand der Ergebnisse könnten wir auch eventuelle Psychotraumatisierung angehen, die mit der Kulturrevolution zusammenhängen.
Was haben Sie von China gelernt?
Offenheit und Toleranz Menschen gegenüber, die wirklich ein ganz anderes Menschenbild haben, und mich auf diese Menschen ohne die Brille meiner kulturellen Vorurteile einzulassen. Ich habe gelernt, dass wir mit der westlichen Zivilisation nicht das Maß aller Dinge sind. Gleichzeitig habe ich unsere Kultur und Gesellschaft vermehrt lieben gelernt: Ich bin Europäer und nicht Chinese, auch wenn ich meine chinesischen Freunde liebe.





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