Schriftgröße: + -
Home > Maestro > Carlos Kleiber

Klicken Sie hier, um zum Dossier zu gelangen.

Maestro - 10/06/11

Prominente Stimmen zur Arbeit mit Carlos Kleiber

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigt am Sonntag, den 19. 6. 2011, um 19.15 Uhr ein Wiedersehen mit dem Ausnahmedirigenten Carlos Kleiber (1930 - 2004): "Carlos Kleiber dirigiert Brahms"
Am Montag, den 20. 6. 2011 um 21.50 Uhr, folgt das Portrait von Eric Schulz: "Carlos Kleiber - Spuren ins Nichts"
Lesen Sie hier eine Zusammenstellung prominenter Stimmen zur Arbeit mit Carlos Kleiber: Michael Gielen, Edita Gruberova und Elisabeth Schweeger

Previous imageNext image

Michael Gielen - Dirigent:

Ich kannte Carlos Kleiber schon seit Buenos Aires.  Sein Vater Erich Kleiber und Fritz Busch waren am Teatro Colón in Buenos Aires engagiert und hatten 1938 meinen Vater als Regisseur geholt. Wir, meine Mutter, meine Schwester und ich kamen im Januar 1940 aus Europa nach. Damals hörte ich seinen Vater. Unvergesslich. Später arbeitete ich als Korrepetitor am Colón - auch unter Carlos’ Vater Erich Kleiber. Es heißt, er sei sehr streng gewesen, sein Sohn hat es sicher nicht leicht gehabt mit ihm. ‚Ein Kleiber ist genug’, soll der Vater angeblich dem Sohn gesagt haben, als dieser ihn offenbarte, er wolle Dirigent werden.

Jedenfalls musste Carlos in Zürich Chemie studieren. Irgendwann dürfte der Vater wohl nachgegeben haben, denn  Carlos ging nach Buenos Aires zurück zu dem hervorragenden Theorielehrer Erwin Leuchter, der auch mich unterrichtet hatte. Dort lernte er die Grundlagen, die ihn eigentlich nicht interessierten. Denn er verstand intuitiv, wie Musik organisiert ist.

Als Carlos dann später nach Wien kam sahen wir uns oft. Er lernte meine damalige Freundin und spätere Frau kennen, wurde unser Trauzeuge und war oft zum Tee oder Kaffee bei uns. Oft fachsimpelten wir darüber, wie wir das oder jenes dirigieren würden. Er war so begabt! Aber auch sehr empfindlich. Wenn es nicht nach seinem Kopf ging, dann war er gleich weg. Es musste nicht viel passieren, dass er verschwand. Er ging dann an die Deutsche Oper am Rhein. Unsere Wege trennten sich. 

1959 waren meine Frau und ich dabei, als er in Salzburg 1959 seine erste ‚Bohème’ dirigierte. Jahre später, als ich Operndirektor in Frankfurt wurde, fuhr ich nach Stuttgart, wo Carlos damals engagiert war. Ich wollte ihn für eine Einstudierung haben. Er war wenig interessiert, sagte, dass er lieber mit seinem Sohn im Wald spazieren ginge, als ein neues Stück zu lernen.

Carlos dirigierte ja nur Stücke, von denen er irgendein Dokument vom Vater besaß, sei es das ganze Orchestermaterial, eine Aufnahme oder eine Partitur, die vom Vater eingerichtet worden war. Ich glaube, das war der Grund, weshalb sein Repertoire so klein blieb.  Einmal spielte er mir seine Stuttgarter Rundfunk-Aufnahme der Fledermaus-Ouvertüre vor. Und dann sagte er: ‚Und jetzt spiele ich dir etwas vor, das ist noch besser’ und nahm die Aufnahme, die sein Vater 1928 mit dem Orchester der Staatsoper Berlin gemacht hatte. Er muss seinen Vater abgöttisch verehrt haben. Doch für mich war Carlos selbst ein Genie:  Dieses Stilempfinden, diese Eleganz! Mit welcher Selbstverständlichkeit der mit Musik umging! Das hatte mit Intellekt nichts zu tun.  Das alles war einmalig."

 

Edita Gruberova - Sängerin

Carlos Kleiber hat mich sehr beeinflusst als Interpretin, ich würde sogar sagen, er hat mich geprägt, besonders in der Partie der Violetta in Verdis ‚La Traviata’  1985 hatten wir die ersten Aufführungen in München, 1989 habe ich mit ihm die Rolle gründlich gelernt für eine Neuproduktion an der Met. Es war noch in einer Zeit meiner Laufbahn wo ich versuchte herauszufinden, was mir möglich ist. Da ich selbst Violettas Seelenzustände in dieser Fülle nicht erlebt hatte habe ich gefragt und gefragt.

Carlos Kleiber hatte eine unglaubliche, ja phänomenale Fantasie, die er in Worten nicht immer fassen konnte, doch er wusste immer, wo der neuralgische Punkt ist. Er behalf sich mit Assoziationen, Bildern und Vergleichen, um etwa Violettas Verzweiflung und Einsamkeit begreifbar zu machen. Vieles geschah ohne Worte. Oft brachte er Dinge ins Spiel, auf die man in diesem Kontext nie gekommen wäre, sprach etwa über die unglaubliche Einsamkeit der Polarbären, die Art, mit der diese sich bewegen.

Sofort sang man die Phrase anders, hörte eine Passage, die man viele Male bereits gesungen hatte, plötzlich ganz neu.  Als Sängerin musste man alle stimmlichen Mittel, Ausdrucksnuancen und Techniken perfekt beherrschen, denn es konnte sein, dass er sehr spontan in die Garderobe kam und plötzlich sagte: „Versuchen wir es doch mal so!“

 

Elisabeth Schweeger - Kulturmanagerin und Intendantin

 Carlos Kleiber war eine unglaubliche Figur. Ich kannte ihn nicht persönlich, ich habe ihn nur sehr oft gesehen. Der ist verschmolzen mit den Musikern,  machte kaum etwas und dennoch wusste jeder, welchen Ton er zu spielen hat. Er war unglaublich präzise.

Meinen Schauspielern zeige ich immer das Video, das ich irgendwann mal geschenkt bekommen habe. Damit sie von ihm lernen. Denn das müsste einfach ein Schauspieler können:  mit einem minimalen Gestus einen totalen Ausdruck formulieren und dabei ganz präzise sein. Das konnte man von Carlos Kleiber lernen. 

Doch die wirkliche Arbeit findet ja vorher statt. Er hat immer  so viele Proben gefordert und lange mit den Leuten probiert. Das hat auch einigen nicht gefallen. Er hasste es Interviews zu geben und deshalb weiß man nicht so viel über ihn.  

 

©2011 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 24-05-11
Letzte Änderung: 10-06-11