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Tracks

Spezial Mystery

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Dienstag, 14. Dezember 2010 um 05.00 Uhr

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Tracks
(Deutschland, 2010, 52mn)
BR

16:9 (Breitbildformat)

Spezial Mystery

(1): Diamond Rings
Früher hat der Kanadier John O'Regan hauptberuflich in der Post-Punk-Jungs-Band The D'Urbervilles gespielt. Die wurden in Kanada schon als das "Next Big Thing" gehandelt, doch John O'Regan reichte das nicht mehr. Und so transformierte er sich letzten Sommer vom Kassengestellbrillenträger zum Zebraleggins tragenden DIY-Popwunderkind "Diamond Rings".
Seitdem führt er ein Doppelleben zwischen Indieband und Einmann-Glamourshow. Sein Casio-Keyboard muss er jetzt zwar alleine schleppen, darf dafür aber Nagellack tragen und mit den Genderrollen spielen. Und klingt dabei ein bisschen nach Patrick Wolf, ein bisschen nach Grace Jones und ein bisschen nach Kindergeburtstag.
Mit selbst gedrehten YouTube-Clips wie "All Yr Song" und "Wait and See" hatte er letztes Jahr sein Glam-Pop-Coming-out, jetzt erscheint sein Debütalbum "Special Affections". "Tracks" besuchte das Popwunderkind auf Tour in London und ging mit ihm shoppen und aufs Jungsklo - zum Schminken.

(2): Backstage: Nightmare Pop
Schaurige Musik, alptraumhafte Texte, düstere Performances - das ist Nightmare Pop. Erfunden haben den Begriff die Mitglieder von Esben & The Witch aus Brighton: zwei Jungs, ein Mädchen, zweimal Gitarre, einmal Bass, dazu Elektrobeats aus dem Laptop. Ihr Bandname ist inspiriert von einem dänischen Märchen. Statt Fakten zur Band-Bio erzählen die Nightmare-Popper lieber geheimnisvolle Märchen; erklären auf ihrer Homepage, wie der Aderlass funktioniert, dazu gibt's Bilder von ausgestopften Eulen und Gespenstern.
Gänsehaut garantiert, ist auch bei der britisch-französischen Band O. Children, wenn Sänger Tobias O'Kandi beispielsweise mit trauriger Bassstimme den Tod des "Disco Dancer" beklagt oder im Video zu "Ruins" gebückt durch ein düsteres Fabrikgebäude schlurft, in dem zwar nicht Nosferatu auf ihn wartet, dafür aber jede Menge Kakerlaken. Eigens für O. Children kreierte die britische Presse sogar den Begriff "New Grave".
Noch ein bisschen gruseliger geben sich Salem, zwei Musiker aus Michigan. Zumindest munkelt man von dieser Bandbeschreibung, denn mehr ist über "Salem" nicht bekannt. Was wiederum Teil ihres unheimlichen Images ist. 2009 veröffentlichten sie ihre EP: "Yes I Smoke Crack". Und im Video zu "Dirt" zeigen sie, was Frauen nachts allein im Auto so passieren kann. Auftritte von Salem sind rar, manchmal stehen auch einfach nur zwei Gestalten auf der Bühne, während im Hintergrund blutige Bilder laufen. Auch bei Salem gibt es poppige Elektrobeats, die gemeinsam mit fieser Axtmordatmosphäre und verzerrten Frauenstimmen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Zeit für "Tracks", den langen schwarzen Mantel rauszuholen und alles über den Grusel in Vinylform herauszufinden.

(3): Suck - Der schmale Grat zwischen Rockstar und Blutsauger
Moby, Alice Cooper, Iggy Pop und Henry Rollins - nein, diese Künstler haben nicht gerade eine neue Supergroup auf die Beine gestellt. Die Musiker gehören alle zur Crew des Vampirfilms "Suck" - ein Independentfilm, der die Machtspielchen und Stereotypen im Musikbusiness äußerst blutrünstig aufs Korn nimmt. Die Idee dazu hatte der kanadische Filmemacher Rob Stefaniuk.
Vor ein paar Jahren hat er die halbe US-Musikbranche mit E-Mails bombardiert, in denen er den Musikern seinen Vampirstreifen schmackhaft machte. Und hat damit offenbar die langgehegten Vampirträume der Stars erwachen lassen.
Der Film erzählt die Geschichte der erfolglosen Band "The Winners", die durch Amerika tourt und vergebens versucht einen Plattenvertrag zu bekommen. Erst als die Mitglieder der Band sich in Vampire verwandeln, liegen ihnen Fans und Plattenbosse zu Füßen. Der alte Spruch des "Rock 'n' Roll will never die", so wahr wie hier war er wohl noch nie.

(4): Urban Explorers
Sie suchen das Wertvolle im Wertlosen: Urban Explorers erkunden Orte, Orte, die der Rest der Welt längst aufgegeben hat: verwaiste und verfallene Fabriken, Hotels oder Kliniken, aber auch Katakomben oder Kanalisationen. Meist wissen die Urban Explorers nicht, was sie erwartet: Sie dringen in Gebäude ein und dokumentieren die Räumlichkeiten mit Hilfe von Film- oder Fotokameras. Viele posten ihre Filme oder Fotos dann auf eigenen Seiten, bei YouTube oder in speziellen Foren.
Die meisten sind keine Vandalen. Sie dringen nur in Gebäude ein, wenn sie dabei nichts kaputtmachen. Ihre Grundphilosophie lautet: "Take nothing but pictures, leave nothing but footprints". Urban Explorers haben dabei die unterschiedlichsten Motive: Abenteuer, geschichtliches Interesse, Ästhetik.
Der Kieler Urban Explorer Björn war schon oft im Ausland unterwegs. Ihn interessiert nicht das Abenteuer, sondern die romantische Aura der verlassenen Orte. Die beiden Berliner Maik und Karsten von spreeufer.com hingegen setzen ganz auf den Nervenkitzel. Mittels selbstgedrehter Filme, die sie auf ihren Websites posten, lassen sie andere an ihren abenteuerlichen Erkundungen teilhaben.

(5): Zola Jesus: Neues aus der Gruft
Nika Roza Danilova alias Zola Jesus ist das neue Gothic-It-Girl. Mit ihrer Mischung aus Wave, Elektro, Gothic und Synthie-Pop macht sie die schwarze Szene wieder populär. Statt bleich geschminkt im dunklen Ledermantel den Teufel anzubeten, singt sie mit elfengleichem Sehnsuchtsblick von Liebe, dem dunkelsten und mächtigsten aller Gefühle.
Die 21-jährige Zola Jesus wuchs als Tochter eines russischen Jägers im amerikanischen Wisconsin auf. Neben Hirschen und anderem vom Vater erlegten und gehäutetem Wildgetier gab es dort eine kleine Szene für Drone- und Noisemusik. Zola Jesus' Bruder war Teil der Szene und legte den Grundstein für die musikalische Erziehung der kleinen Schwester: Er spielte ihr Throbbing Gristle und The Residents vor.
Parallel dazu bekam sie Unterricht in Operngesang. Spätestens in der High School war also klar, dass Nika Roza Danilova keine Lust auf das typische All-American-Girl-Gehabe hat.
Um ihren Mitschülern zuvorzukommen, stilisierte sie sich gleich selbst als Außenseiterin und legte sich den Künstlernamen Zola Jesus zu. Heute gilt sie als die neue Hohepriesterin des Düsterpops. Für "Tracks" zelebriert sie heute ihre Messe.

(6): Überleben, wenn's darauf ankommt: Post-Mortale Lebensformen
Zombies existieren ... vielleicht, aber wenn dann mitten unter uns! Täglich werden die seelenlosen Untoten mehr, heißt es. Jetzt sagt eine Gruppe von Zombiejägern mit dem Namen Post-Mortale Lebensformen den Untoten den Kampf an. Das ist Endzeit-Survival-Training und Zombienahkampf in einem.
Die Trainer: die beiden Kölner Performer Maik Giesbert und Ully Fleischer. Beide sind Zombie- und Horrorfilmfans aus Passion. Deswegen mutieren sie regelmäßig zu den Zombiejägern Till Rigmor und Frank Hartmann und zeigen ihren Seminarteilnehmern, wie sie den unweigerlich drohenden Zombieangriff überstehen. Alles zum Mitschreiben versteht sich.
Ihre wichtigsten Tipps: Erstens - Überwinde Deine Angst. Zweitens - Zerstöre das Gehirn. Da schrecken dunkle Winternächte in einsamen Gegenden bald niemanden mehr. Klar, dass "Tracks" sich das Spezialtraining nicht entgehen lässt.

(7): Junip - Dark-Pop aus der Mittsommernacht
Manche brauchen für ihr Debüt zehn Tage, andere über zehn Jahre. Trotzdem sind die langsamen Schweden von Junip keine Schluffis - sie haben lediglich ein Bandmitglied in ihren Reihen, das auch solo sehr beschäftigt ist. Sänger José González leiht seine samtige, an alten Bossa-Nova-Klassikern geschulte Stimme nämlich auch gerne anderen Projekten, und ist deshalb oft allein auf Tour. Die anderen beiden Junip-Mitglieder, Drummer Elias und Keyboarder Jonas sind trotzdem nicht böse - dann feilen sie eben ohne José im heimatlichen Göteborg an ihren Klängen.
Und obwohl der Ausdruck "Hypnotisch" im Musikfeuilleton oft inflationär gebraucht wird, kommt man im Fall von Junip nicht drum herum. Ihr filigraner Dark Pop, repetitiv und mit warmen Moogklängen angereichert, ist genau das. Er verbindet die Leichtigkeit von José González Stimme mit düsteren, möglicherweise im eher lichtlosen schwedischen Winter aufgeklaubten Stimmungen.
Auch innerhalb der Band wird es niemals laut, im Gegenteil: Kommt es zum Konflikt, schweigen sich die Bandmitglieder erstmal an. Je minimaler der Konsens, desto lauter das Schweigen. Das muss man erstmal hinkriegen! Junip sind vielleicht die zurückhaltendste Indierockband der Stunde, mit Songs, die auch nach dem Hören hängenbleiben.