Dienstag, 21. September 2010 um 05.00 Uhr
Wiederholungen:
Keine Wiederholungen
Tracks
(Deutschland, 2010, 52mn)
BR
(1): Laub, Staub, Dreck: Kein Fall für Meister Propper, sondern den nächsten Picasso! (2): Meet The Residents: Die Großväter des Bastard-Pop sind zurück (3): Good Weather Girl: Punk's dead! Antifolk's not ... yet! (4): Headis: Köpfen, bis der Arzt kommt! (5): Lightspeed Champion (6): Tropical Tribal Rave (7): Faithless
(1): Laub, Staub, Dreck: Kein Fall für Meister Propper, sondern den nächsten Picasso!
Farbgraffiti ist so last century: Green Art zeigt mit Skulpturen aus Staub, Graffitis aus Blättern und Straßenkunst durch Saubermachen, dass Öko auch in der Kunst auf dem Vormarsch ist.
Giftiger Farbnebel: Nicht mehr das Synonym für Graffiti, denn bei Green Art versprühen Street Artists heute vor allem eine ökologisch korrekte Lebenshaltung. Mit Hochdruckreinigern oder Moosfetzen bewaffnet schnappen sie sich den öffentlichen Raum und verschönern ihn - biologisch abbaubar, versteht sich. "Tracks" zeigt, wo der Stadtdreck zur Spielwiese wird und was sich mit Blättern so alles anstellen lässt.
Paul Hazelton aus Margate, Anna Garforth aus London und Georg Bitsche aus Salzburg sind keine birkenstocktragenden Weltverbesserer; die Künstler arbeiten vielmehr mit natürlichen, aber für die Kunstszene sehr ungewöhnlichen Materialien.
Anna Garforths grüne Graffitis - kurze prägnante Wörter oder Gedichtstrophen - bestehen entweder aus Blättern, die sie mit Hilfe von Dornen an Pfosten befestigt, oder aus Moos, das sie mit einer Zucker-Joghurt-Mixtur an Wände klebt. Die Künstlerin will die Passanten mit ihren grünen Sprüchen zum Nachdenken anregen. Sehr viel lauter verewigt sich Georg Bitsche mit seinen Reverse Graffitis: Er sprüht mit einem Sandstrahler neue Sprüche in die Farbe alternder Graffitis. Klar, dass die Behörden unter Saubermachen etwas anderes verstehen und Georg auf dem Kieker haben. Der öffentliche Raum aber gehört ihm, sagt der Künstler. An ein Kuriositätenkabinett erinnern die Skulpturen von Paul Hazelton. Sie sind alle aus Staub - Haushaltsstaub, den Paul hingebungsvoll in seiner Wohnung sammelt. Schuld an seiner Staubobsession ist natürlich Mama, die einen obsessiven Sauberkeitswahn hatte.
(2): Meet The Residents: Die Großväter des Bastard-Pop sind zurück
Seit ihrem ersten Album 1972 liefern The Residents musikalische Konzept-Kunst für Fortgeschrittene. Höchste Zeit für einen Blick hinter die Maske der Band. Sie zählen zu den letzten Mysterien der Popmusik - und das seit fast 40 Jahren. Bis heute ist die wahre Identität der Residents ungeklärt. Es gibt nicht ein Interview mit der Band. Und auch die Musik der berüchtigten Avantgarderocker aus San Francisco gibt Musikexperten auf der ganzen Welt Rätsel auf.
Neben experimentellen Konzeptalben über Maulwürfe oder Eskimos zersetzen die Residents regelmäßig die Ikonen der amerikanischen Popkultur in einem Säurebad bizarrer Coverversionen und Collagen. Elvis und James Brown widmen sie ganze Alben. Auf ihrer LP "The Third Reich'N'Roll" drehen sie unzählige Bubblegum-Hits der 60er durch den Studio-Fleischwolf, um die Essenz davon in zwei seitenlangen Endlosstücken zu destillieren. Und Hank Williams' Countryhymne "Kaw-Liga" kreuzten sie schon Mitte der 80er mit "Billie Jean" von Michael Jackson.
Längst sind sie dabei selbst zu Ikonen der Popkultur geworden. Ihre Outfits der 80er und 90er mit Frack und überdimensionalem Augapfel auf dem Kopf zählen neben Elvis' Overall und Madonnas Bustier zum Kostüm-Kanon der Popmusik. Die Videos der Residents gehören zur ständigen Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Und vielleicht taucht die Band demnächst sogar bei den Simpsons auf - Matt Groening ist schließlich einer ihrer größten Fans.
"Tracks" war beim Konzert der legendären Art Rocker und fragt Hardy Fox - Manager der Band von Anfang an - was es bedeutet, fast 40 Jahre lang eine Popikone zu sein.
(3): Good Weather Girl: Punk's dead! Antifolk's not ... yet!
Das Londoner Geschwisterduo Good Weather Girl macht Anti-Folk. Das ist auch kein Wunder, denn Shem und Dion Lucas haben Punk im Blut. Dass sie mal als musikalisches Duo ihr Publikum mit bittersüßen Anti-Folk-Melodien betören werden, haben die Kids aus London nicht kommen sehen. Ein einziger Song im Myspace-Wirr-Warr, mit dem sich Dion die Trauer über den Tod eines Freundes von der Seele sang, brachte ihnen nicht nur erste Fans, sondern auch Interesse von einer Plattenfirma. Einen Album-Release, viele Gigs und eine erste Tour in Deutschland später, ist ihr größter Fan immer noch ihre Mum, Punk-Ikone Soo Catwoman. Die war dabei, als die Szene in den 70ern in London explodierte, prägte den Punk-Look und ging feiern mit den Jungs von den Sex Pistols, Billy Idol und The Clash. Shem und Dion sind also mit Punk aufgewachsen, ihr eigener Sound könnte nicht ferner davon sein. Dion singt mit mädchenhafter und wackeliger Stimme über dunkle Momente und Magie im Alltag, begleitet von Shem auf der Akustikgitarre. Das klingt ehrlich, verträumt, oft traurig und auch niedlich - ein klassischer Fall von Anti-Folk. Bekanntlich auch ein Kind des Punk.
(4): Headis: Köpfen, bis der Arzt kommt!
Headis - zusammengebastelt aus Head und Tennis, bedeutet: Kopfballtischtennis. Die Erfindung - Zufall: Eigentlich will René mit seinen Freunden im Freibad Fußball spielen, aber der Platz ist besetzt. Also köpfen sie den Ball einfach über die Tischtennisplatte. Das war 2006. Heute ist aus dem Freibadspaß ein Sport mit eigener Liga, eigenen Vereinen und sogar einer eigenen Weltmeisterschaft geworden.
Ernst nehmen sich die Headis-Zocker trotzdem nicht: Sie tragen Spielernamen wie: Headi Potter, Headonis, Sensor Schädel, Doc Headiday oder Head Pit. Bei jedem wichtigen Wettbewerb gibt es eine "Best Dress"-Wertung für das scheußlichste Tunieroutfit. Nicht selten: Spieler in Windeln oder Hasenkostümen. Und: Wer einen Satz elf zu null verliert, muss nach derzeitigem Ehrenkodex dem Gegner ein Weizenbier spendieren. Na dann Prost!
(5): Lightspeed Champion
Mit seiner Fellmütze sieht er ein bisschen aus wie ein schwarzer Flat Eric: Dev Hynes, 24 Jahre alt und Ex-Gitarrist der Postpunk-Heroes Test Icicles. Der Amerikaner ist ein genialer Musiker, ein Hip-Hop- und Comicfreak und oft krank. Was ihn nicht davon abgehalten hat, vor zwei Jahren sein Debütalbum, ein poetisch-bizarres, wunderschönes Country-Folk-Pop-Werk rauszubringen: "Falling off the Lavender Bridge". Im Februar 2010 legt er nach mit Album Nummer zwei: "Life is sweet! Nice to meet you." Hier geht's nicht mehr ganz so folkig zu. Stattdessen weicht die Folkgitarre orchestralen Arrangements, die auch in den frühen 70ern nicht schöner hätten erklingen können. Vorbild für seine Hymnen sind das Electric Light Orchestra oder Lee Hazlewood. Schon zweimal wurde der Engländer mit texanischen Wurzeln vom NME unter die coolsten Musiker gewählt. Dev Hynes bleibt britisch freundlich - und anstatt abzuheben, denkt er sich lieber total uncoole Zaubertricks aus. Der croonende Tausendsassa - heute in "Tracks".
(6): Tropical Tribal Rave
Weltmusik wurde von Indie- und Elektrofans lange verachtet und in die Hippieschublade mit Rastazöpfen und Batikblusen gesteckt. Mittlerweile sind die Grenzen gefallen und etliche Bands haben sich für Einflüsse aus der vermeintlichen Pop-Peripherie geöffnet. Neben bekannten Künstlern wie Diplo oder Vampire Weekend schielen viele andere über den geografischen Tellerrand und kreieren einen Sound, der mit Tropical Tribal Rave nur unzureichend zu beschreiben ist. Die Crystal Fighters aus London haben sich gegründet, nachdem Sängerin Mimi im Nachlass ihres verstorbenen Großvaters im Baskenland ein Skript zu einer Oper gefunden hat. Zu seinen Ehren klöppeln sie bei ihren Live-Sets wie wild auf das baskische Instrument Txalaparta ein. Dazu kommen Dubstep-Bässe und dreistimmiger Gesang. Ebenso knallbunt ist der Sound von Rainbow Arabia aus Los Angeles, die mit Hilfe von libanesischen Synthies und allerhand Perkussionsinstrumenten ihren World-Pop-Sound basteln.
(7): Faithless
Sister Bliss, Maxi Jazz und Rollo hätten unterschiedlicher nicht sein können, als sie Mitte der 90er von einem gemeinsamen Freund zusammengebracht wurden. Rollo und Sister Bliss wollten eines Abends eben schnell noch ein, zwei Nummern Eurodance-Trash rausballern, als sie im Computer einen Knopf entdeckten, der das Tempo stufenlos von House-Speed auf Hip-Hop herunterbremste. Der just zur Tür reinspazierte Maxi Jazz - Piraten-Radio-DJ, Gelegenheits-Dichter und damals gerade mal wieder pleite - sollte sich für 250 Pfund ein paar Takte Verzweiflungspoesie dazu überlegen. Heraus kam "Salva Mea", eine Synthie-Symphonie ohne Refrain - dafür mit Irrsinnsfanfare und ordentlicher Überlänge. Während die Single in England zunächst wie Blei im Regal lag, kam das Festland schnell auf den Geschmack. Das Trio nahm mit weiteren Freunden und in nur 17 Tagen das Album "Reverence" auf, das in 22 Ländern Gold holte. Was vor allem am zweiten Hit "Insomnia" lag: einem Rap über Schlaflosigkeit. Die britische Presse hat es Faithless nie ganz verziehen, dass sie ohne ihren Segen und über Umwege zur erfolgreichsten Elektroband des Königreichs wurden. "Nur in England können ein Hippie-Clubber und ein buddhistischer Rapper mit einer philosophischen Tanzkapelle ungestraft davonkommen", giftete ein britisches Fachblatt. "'Stars in Norwegen seid ihr', haben sie uns verlacht", erinnert sich Sister Bliss. "Wir dachten uns: Immerhin ist Norwegen ein ganzes Land, nicht nur ein Club in King's Cross." 15 Jahre und ein Dutzend Hits später sind Faithless die weltweit erfolgreichste Dance-Formation - und eine der besten Livebands noch dazu. Ohne Rollo, der zwar immer noch alles produziert, aber nie mit auf Tour geht. "Er kann nicht singen und nicht tanzen", lästert seine Ex-Freundin Sister Bliss. "Und im Tourbus haben wir keinen Platz für ihn."