Lang, lang ist’s her, dass Paul Breitner noch unverblümt politische Reden schwang, der Brasilianer Socrates in seinem heimischen Verein die "Democracia Corinthiana" einführte und der Algerier Rachid Mekhloufi während des Unabhängigkeitskrieges inkognito in sein Land zurückkehrte, um bei der Parteimannschaft der FLN zu kicken. Dass ein Spieler wie der Spanier Javi Poves seine Profikarriere aus Protest gegen das "kapitalistische Fußballsystem" aufgibt, ist heute ein Einzelfall – die meisten Profis folgen dem traurigen Vorbild eines Eto’o oder Nicolas Anelka und vermarkten ihr Talent ungeniert, ohne sich um die politischen Bedingungen in ihrem Gastland zu kümmern.
Im Jahr 1995 läutete ein einschneidendes Ereignis ein neues Fußballzeitalter ein. Mit dem Bosman-Urteil gab der Europäische Gerichtshof grünes Licht für die Liberalisierung des Profisports: Die Spieler hatten ab sofort keine Sonderstellung mehr, sondern galten als ganz normale Arbeitnehmer und durften ihren Arbeitsplatz innerhalb der EU frei wählen. Daraufhin erreichten die Ablösesummen schwindelerregende Höhen, und mit ihnen explodierten auch die Gehälter der Profis. Als Frankreich drei Jahre später im eigenen Land Weltmeister wurde, führte die Mannschaft ihrem Volk vor Augen, was einen Fußballstar des 21. Jahrhunderts ausmacht: Dieser ist nicht nur gut bezahlt, sondern hat nun auch Zutritt zu Promikreisen, agiert im Showbusiness, prangt auf den Titelseiten der Yellow Press und unterschreibt hochdotierte Werbeverträge. Von seinen Fans trennen ihn Welten. Das Ende einer Fußballära.
"Außergewöhnliche Wesen"
"Früher gingen die Spieler in die Kneipen und sprachen dort mit ihren Anhängern", erinnert sich der Soziologe Christian Bromberger. "Sie kamen vom Fußballplatz an der Ecke, hatten ganz akzeptablen Erfolg, und man konnte sich mit ihnen identifizieren. Das ist heute unmöglich. Um die Spieler hat sich eine künstliche Welt gesponnen, und in ihrem Umfeld werden alle Unebenheiten ausgeschliffen." Sein Kollege Patrick Vassort fügt hinzu: "Die Spieler werden schon als Kinder verpflichtet, aber man bringt ihnen nicht bei, Verantwortung zu übernehmen. Sie wissen nichts über das echte Leben und über ihre Pflichten, und meinen, sie hätten immer nur Rechte."
Die Spieler leben in einer Seifenblase und können die Gefühle ihrer Fans nicht verstehen. "Arschawin wurde bei seiner Rückkehr nach Russland etwa hart kritisiert, weil er die Trauer der Fans nach dem Ausscheiden aus der Europameisterschaft nicht hatte ermessen können", erklärt Yvan Gastaut, Experte für Identitätsfragen im Fußballsport. "Die Spieler sind außergewöhnliche Wesen im wahrsten Sinne des Wortes, aber ihr Leben ist alles andere als mustergültig", fährt Christian Bromberger fort. "Das einzige, was für sie zählt, ist ihre Selbstverwirklichung."
So erklärt sich auch die Entscheidung des deutschen Nationalspielers Mesut Özil, der die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt und lieber in der deutschen als in der türkischen Elf antreten wollte – dort kann er einfach besser glänzen. Aus ähnlichem Grund protestierten in Frankreich viele Erstligaprofis gegen die Entscheidung des Präsidenten François Hollande, die Superreichen mit 75 % zu besteuern: Sie denken in erster Linie ans Geld.
Wohltätigkeit: Engagement ohne Risiko
Im Grunde ist ein Profifußballer nichts als ein Staatsbürger mit verdrehtem Weltbild. Er ist in einer wettbewerbsbetonten Welt aufgewachsen, in der vor allem der Individualismus gefördert wird. Kaum erstaunlich, dass sein Bürgerbewusstsein nur unzureichend ausgebildet ist: "Man projiziert in diese Jugendlichen, die intellektuell noch nicht ausgereift sind, sehr viel hinein. Die ständige Fragerei zur nationalen Identität, Hymne und Flagge übersteigt sie einfach", bekennt Yvan Gastaut. "Und warum sollten sie sich überhaupt angesprochen fühlen?", fragt Christian Bromberger. "Soweit ich weiß, werden derlei Dinge von Wissenschaftlern, die ins Ausland reisen, auch nicht verlangt."
Der einzige Bereich, in dem sich Profifußballer heute gefahrlos engagieren können, ist die Wohltätigkeit. "Unbestreitbar und unbestritten gute Taten, unpolitisch und neutral", erklärt Yvan Gastaut. Bayern München und Borussia Dortmund organisieren ein Benefizspiel zugunsten des gebeutelten Japans, die italienische Squadra Azzurra stiftet Teile ihrer EM-Prämien den heimischen Erdbebenopfern, Cristiano Ronaldo spendiert einem krebskranken kleinen Fan eine neuartige Therapie und Zinedine Zidane wird ELA-Botschafter.
Das alles macht diese Stars weder zu Helden noch zu Rebellen. Aber es beweist, dass manche Fußballer trotz ihres außergewöhnlichen Lebens ihren letzten Bezug zur normalen Welt nicht verlieren wollen.





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