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Prager Chroniken

Jeden Dienstag: Erleben Sie die tschechische EU-Ratspräsidentschaft, so wie sie von den Tschechen selbst gesehen wird. Humor inklusive.

> Nr.24 „Domov“, das letzte Wort

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Jeden Dienstag: Erleben Sie die tschechische EU-Ratspräsidentschaft, so wie sie von den Tschechen selbst gesehen wird. Humor inklusive.

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WEBMAGAZIN - 25/06/09

„Domov“, das letzte Wort

Im Laufe der letzten sechs Monate haben wir versucht, Ihnen dieses eigenartige Land vorzustellen, das die Tschechische Republik ist – mit seiner barock anmutenden Politik, seinem besonderen Humor und seiner Kultur der Subversion. Nun ist es Ende Juni und die tschechische EU-Ratspräsidentschaft neigt sich (zum Glück für Europa) ihrem Ende zu. Doch diese Reise, welche wir in all den Wochen gemeinsam unternommen haben, könnte nicht vollständig sein, ohne dass die tschechische Sprache ein Wörtchen mitzureden hat. Dieses Wörtchen ist "domov". "Domov", das ist das Zuhause, die Heimat. Deswegen begleitet mich dieses Wort überallhin, seitdem ich denken kann. In Frankreich, in Europa und auf allen anderen Kontinenten der Welt. Es ist wohl das tschechischste aller Wörter. Ein Beweis: Die Nationalhymne Tschechiens heißt "Kde domov muj", "Wo ist mein Zuhause"…


In diesem Ausschnitt aus dem Film Pelíšky (1999), welcher auf tragikomische Weise die bewegten Monate des Prager Frühlings schildert, stimmt der Protagonist auf seinem Klavier die Klänge von "Kde domov muj" an, während die sowjetischen Panzer und Flugzeuge sich dazu aufmachen, dem "Kommunismus mit menschlichem Antlitz" den Garaus zu machen. Er verwendet dadurch das Wort "domov" auf sehr tschechische Weise: Das Zuhause ist kein physischer Ort mehr, sondern es wird zu einem Konzept, zu einem Wert an dem man sich festhalten kann, wenn man kein Zuhause mehr hat. Deswegen spukt das Wort "domov" in meinem Inneren – und das seit meinen Schultagen in Österreich. Es ist präsent, wenn ich in Paris die Metro nehme oder wenn ich in einem Auto die gelben und trockenen Hochebenen Kastiliens durchquere. Auch muss ich daran denken, wenn ich in einem kleinen Fischerboot ganz aus Holz im Morgengrauen den Fluss Niger heruntergleite oder auf einem Motorrad die Karstlandschaften Südchinas unter einem schweren und grauen Himmel entdecke.

Warum? Weil das Wort "domov" bedeutet, sich zu Hause zu fühlen, auch wenn man weit weg ist. Weit von Europa, weit von der Welt. Dadurch bleibt dieses Wort auch unübersetzbar. Das französische "chez soi" ist ein viel zu konkreter Ort, es übersetzt den "domov" nur sehr lückenhaft. Denn es hat viel mehr von einer kleinen möblierten Wohnung in der Pariser Vorstadt. Ebenso wie das italienische "a casa", welches für mich immer ein hinter Zypressen verstecktes Häuschen in der Toskana darstellt. Doch diese bukolische Ruhe ist weit von der Melancholie meines "domovs" entfernt. Vielleicht kommt das deutsche Zuhause diesem symbolischen Ort dann doch am nächsten, gerade deshalb weil die Deutschen genauso wie die Tschechen diese Nostalgie jenes Zuhauses besitzen, das ihnen schwerfällt, geografisch zu definieren. Das ist wohl auch den britischen Abenteurern passiert, deren "home" manchmal ein verlorenes Paradies darstellt, welches es eines Tages wiederzufinden gilt. Oder den spanischen Seefahrern, die ihr "hogar" oft in der Ferne gesucht haben. Doch an eben diesen entfernten Orten wurde ich häufig enttäuscht: Der russische "домов" hat zwar die gleiche slawische Wurzel wie der tschechische "domov", doch seine direkte Ableitung vom Wort "дом" (Haus) ist sehr konkret und lässt mich an ein reales Häuschen mit rosa Geranien denken, die von einem schmucken kleinen Balkon herunterhängen. Und auch in China bin ich nicht fündig geworden, da das Konzept "zàijiā“ ebenfalls den physischen Haushalt repräsentiert, also jenen Ort, an dem die ganze Familie lebt.

Aber was spielt das schon für eine Rolle. Denn das Wort "domov" mag tschechisch sein, seine Bedeutung ist universell. Nachdem Sie diese letzte Chronik gelesen haben, schließen Sie die Augen. Und denken Sie an jene Leute, die Sie kennen und die Ihr "domov" sind. Denken Sie an die Begegnungen, die Ihr Dasein verändert haben. Denken Sie an die Reisen, die Sie gemacht haben und an jene, von denen Sie träumen. So viele Welten, die man niemals wird in ein einziges Wort fassen können.

Alexander Knetig
In Zusammenarbeit mit

Erstellt: 11-04-09
Letzte Änderung: 25-06-09


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