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Stanley Kubrick

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Stanley Kubrick

Stanley Kubrick - Reihe - 01/03/03

Filmen, was noch niemand sah: Stanley Kubricks Kino der Grenzüberschreitungen

von Georg Seeßlen


Die Grenze unserer Welt ist, frei nach Ludwig Wittgenstein, die Grenze unserer Sprache. Wofür wir keine Wörter haben, und was wir nicht beschreiben können, das scheint uns außerhalb. Aber wir erzählen und beschreiben nicht nur. Wir machen uns auch Bilder. Im Bildermachen entwickelt sich unsere Kultur immer schneller, reicher, gefährlicher auch. Bilder gehen über die Grenze der Sprache hinaus. Manchmal. Man sieht das gelegentlich an Gemälden. Oder in Filmen. In denen von Stanley Kubrick zum Beispiel. Die Grenze unserer Welt ist die Grenze unserer Bilder. Große Filmemacher verändern sie.

Drei Dinge waren es, die den jungen New Yorker Stanley Kubrick begeisterten: die Fotografie, der Jazz, das Schachspiel. Von alledem steckt etwas in seinen Filmen. Die Präzision beim Einfangen eines visuellen Moments, das Sichtbarmachen des Verborgenen. Die Fähigkeit, immer neue und überraschende Variationen zu Motiven zu finden, die zunächst ganz einfach und vertraut erscheinen mögen. Strategisches Vorausdenken, das auf das Gegenüber und seine Impulse eingehen kann: Stanley Kubricks Filme sind auch gewaltige Bilderfallen. Er lockt uns immer wieder an einen Ort, wo es keinen rationalen Ausweg mehr gibt. Keine einfachen Erklärungen, schon gar nicht den Notausgang eines Happyends. Schachmatt für die Alltagslogik. Wir sind geschlagen. Aber was haben wir gelernt in dieser Niederlage! Wo sind wir gewesen, zwischen Traum und Realität, die Augen weit geschlossen oder tief geöffnet!

Wenn ein Stanley-Kubrick-Film zu Ende ist, wissen wir, dass wir eine Grenze überschritten haben. Etwas Unmögliches ist uns geschehen: Wir haben die Welt so gesehen, wie sie ein Mensch im 18. Jahrhundert gesehen hat, in „Barry Lyndon“; wir haben gesehen, wie ein Mensch sieht, der seinen Verstand, seine Sprache verliert in „Shining“; wie jemand sich über seinen eigenen Tod hinaus empfindet in „2001“; wie Menschen fühlen, die einem brutalen Eingriff in die eigene Persönlichkeit ausgesetzt sind, in „Uhrwerk Orange“ oder „Full Metal Jacket“; wie sich Sexualität in Angst auflöst in „Eyes Wide Shut“.

In jedem Film von Stanley Kubrick gibt es den Punkt, an dem wir spüren können, wie die Bilder über die Sprache, über das Beschreibliche der Welt hinausgehen. In der metaphysischen Fortsetzung der Weltraumreise in „2001“, in den tranceartigen Szenen von Verführung und Maskierung im Kerzenlicht von „Barry Lyndon“, in den Erfahrungen von Gewalt („Uhrwerk Orange“), Krieg („Full Metal Jacket“) oder Wahn („Shining“). Stanley Kubrick erzählt von Menschen, die über das hinausgelangen, was sie von sich selbst wissen. Die Revolte treibt sie, wie in „Spartacus“, die Anmaßung, wie in „Dr. Seltsam“, das Begehren, wie in „Lolita“, und man kann wohl sagen, dass jeder Kubrick-Film mit einer Katastrophe endet, für einen einzelnen, für eine Gesellschaft oder sogar für die ganze Welt. Aber tief im Inneren dieses Endes ist immer ein neuer Anfang verborgen.

Nicht jeder und nicht jede mag die Filme von Stanley Kubrick. Und nicht alle Bewunderer dieses Regisseurs mögen alle seine Filme. Aber einem Kubrick-Film, einer Kubrick-Einstellung, einer Kubrick-Montage gegenüber gleichgültig zu bleiben, sich davon nicht heftig herausgefordert, verärgert oder beglückt zu fühlen, das gelingt wohl wirklich nur wenigen Menschen. Filme eignen sich im Allgemeinen dazu, für zwei, drei Stunden möglichst zu vergessen, was sonst noch so auf der Welt vor sich geht. Die „Wirklichkeit“, das kleine Elend des Alltäglichen, das hat man auch in einem Kubrick-Film schnell vergessen. Aber wenn man herauskommt, hat man das Gefühl, diese Wirklichkeit jetzt vielleicht etwas anders zu sehen, manche Dinge so nahe, wie man sich’s vorher nie getraut hätte, andere Dinge so distanziert, wie es nur das Kino kann.

Die Filme von Stanley Kubrick sind im Wesentlichen philosophische Versuche, in Bildern zu denken. Und ihre ungeheure ästhetische und dramatische Kraft, die uns gewiss auch zu überwältigen droht, die sich, um ehrlich zu sein, ziemlich rücksichtslos verhalten kann, kommt aus dem Impuls, jedes Mal etwas wirklich Neues zu erreichen, Grenzen von Wahrnehmung und Verständnis zu überschreiten. In Bildern gedacht hat Stanley Kubrick über alle menschlichen Grenzsituationen, den Krieg, die Liebe, den Wahn oder das Verbrechen. Und jeder Film hat einen völlig neuen Weg zu seinem Thema gefunden. Aber zur gleichen Zeit haben die Filme von Stanley Kubrick auch immer übereinander „nachgedacht“, und sie haben über andere Filme, über Bücher und über Menschen nachgedacht. Und was Kubricks Filme dabei herausgefunden haben, das ist – egal, ob wir nun versuchen, das wieder in Worte zu übersetzen oder nicht – immer höchst grandios, aber nie besonders ermutigend. Wer die Schönheit von Stanley Kubricks Filmen genießen will, muss sich darauf gefasst machen, nicht mit Optimismus gehätschelt zu werden.

Aber es gibt viel zu lernen in seinen Filmen.
Stanley Kubrick ist kein Zauberer und kein Spieler, und schon gar nicht ist er einer, der eine „Meinung“ in seinen Filmen verpackt. Er lässt die Bilder nachdenken, und er lässt uns dabei sehr genau zusehen, wie sie das tun. Deshalb ist jeder Kubrick-Film auch ein Lehrstück über das Kino.

Stanley Kubricks Filme, das gehört zur Legende des Künstlers, sind das Werk eines radikalen Außenseiters. Kubrick hat nicht versucht, den Lauf der Kinogeschichte zu verändern und so viel gerade die Generation der Filmemacherinnen und Filmemacher der „Nouvelle Vague“ und des „New Hollywood“ von ihm gelernt haben (auch wenn man nebenbei diesen eigensinnigen „Monolithen“ verflucht hat), so hat doch kaum jemand riskiert, so etwas wie einen „Kubrick-Film“ zu drehen. Auch Steven Spielberg, der Kubricks letztes Projekt nach seinem Tod verwirklicht hat, bleibt dabei in respektvoller Distanz. „Wir alle“, hat Martin Scorsese gesagt, „sind Kinder von David W. Griffith und Stanley Kubrick“. Das sind zwei von den Künstlern, die das Kino neu erfunden haben, jeder in seiner Zeit. Und es sind die Künstler, die die beiden Fähigkeiten des Films am meisten entwickelt haben: Die Fähigkeit, die Wirklichkeit des menschlichen Lebens zu erforschen, und die Fähigkeit, darüber hinaus zur Vision zu gelangen.

Aber dies entspricht nicht der Erhöhung eines über jeden Zweifel erhabenen cineastischen „Genies“. Es entsteht aus den radikalen Fragen, die Kubrick an die Welt stellt, an den Ort, die Zeit, die Person, die Gesellschaft und die Geschichte. Mit durchaus modernen Mitteln – jeder Kubrick-Film ist auch eine technische Neuerung – schuf er Filme, die es in dem Kino, das wir kennen, eigentlich gar nicht geben dürfte. Sie scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen. Es ist nicht die Märchen-Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat. Es ist die vergangene und vielleicht unmögliche Zeit, in der die Menschen mehr über sich selbst wissen wollen, als sie in ihrer gewöhnlichen Wirklichkeit aushalten. Niemand hat das Kino als Erfahrungsraum so ausgedehnt wie Stanley Kubrick.


Gastautor Georg Seeßlen arbeitet als freier Autor für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Er hat rund 20 Filmbücher geschrieben, darunter auch „Stanley Kubrick und seine Filme“, erschienen in der ARTE EDITION

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 01-03-03