EIN KOLLEKTIVER KÖRPER
Pina Bausch wurde 1940 geboren. Ihre Eltern hatten eine Gastwirtschaft, wo Pina bereits als Kind ihre Zeitgenossen beobachtete. Diese Beobachtungen bildeten später die Grundlage für das Tanztheater, das sie erfunden und berühmt gemacht hat. Bei der Analyse menschlicher Gefühle, bei der Arbeit mit den vielfältigen Formen des Bedürfnisses nach Liebe (z.B. der Zärtlichkeit in Kontakthof) beschränkte sich die Choreografin nicht auf die Inszenierung virtuoser Tänzer, sondern setzte den Menschen selbst in Szene und hielt ihm im bizarren Reigen des Lebens einen Spiegel vor, in dem Eitelkeit und Verletzlichkeit sichtbar wurden. Damit revolutionierte sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt des Tanzes und beeinflusste zugleich viele Theaterregisseure.
Jedes Stück, das Pina Bausch mit dem Tanztheater Wuppertal auf die Bühne brachte, zeigte ihr unermüdliches Bestreben, einzelne Persönlichkeiten zu einem kollektiven Körper zu verweben. Unter dem unerbittlichen Blick der Choreografin wurden selbst banalste gesellschaftliche Verhaltensweisen angeprangert, bis ins Kleinste analysiert und karikiert.
Das legendäre Stück Kontakthof wurde 1978 uraufgeführt, und zwar in dem rekonstruierten Dekor der Lichtburg, einem ehemaligen Kino, das zum Probenstudio des Tanztheaters Wuppertal geworden war. Mit seinem leicht angestaubten Ballsaal-Ambiente, den hüftenschwingenden Tänzern und deren vielfältigen Annäherungen und Berührungen (hier ein Biss ins Ohr, dort ein Pokneifer, man sehnt sich nach Zärtlichkeit und bietet Gewalt) zeigt Kontakthof die Fragilität der menschlichen Beziehungen und das oft schäbige Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Ein Varieté unbeholfener Verführungsversuche, das Unbehagen und Beklemmung weckt. Kontakthof ist ein altersloses Stück, das Generationen überdauert.
IN SACHEN LIEBE
Kurz vor ihrem Tod nahm Pina Bausch das Stück wieder auf, und zwar erst mit „Damen und Herren ab 65“ und anschließend mit Teenagern, die so auf ihre Weise in die Geschichte der Kontakthof-Interpretationen eingingen. Der Film „Tanzträume“, von Anne Linsel und Rainer Hoffmann gibt Einblick in die Proben zu dem Stück. Unter der Leitung von Josephine Ann Endicott und Bénédicte Billet stellten die 40 Jugendlichen ohne Bühnenerfahrung fest, dass es ganz schön schwierig sein kann „einfach hin und her zu gehen“ oder ihr Lachen und ihre Blicke gezielt einzusetzen. „Tanzträume“ ist nicht nur eine Dokumentation über Pina Bauschs Tanzkunst, sondern zeichnet auch ein einfühlsames Porträt der jungen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund (u.a. ein Mädchen aus dem Kosovo und ein junger Rom, der sich selbst als „muslimischen Zigeuner“ bezeichnet), die in Sachen Liebe noch Anfänger sind und sich vorsichtig an das Thema herantasten. Der Film beleuchtet die Lebensgeschichten der Teenager und ist daher auch ein Film über sie.
Pina Bauschs tänzerischer Ansatz bestand darin, durch Bewegung auszudrücken, „was die Menschen bewegt“. In einem Gespräch (1) in Wuppertal kurz vor ihrem Tod, erklärte sie, als sie das gesagt habe, habe sie nicht an Bewegungen gedacht, sondern an das, was die Menschen innerlich bewegt. Doch unabhängig davon spiele die Welt der Bewegung, des Tanzes und der Poesie eine überaus wichtige Rolle und dürfe nie erstarren.
Ein Text von Jean-Marc Adolphe
Im Februar 2008 hat uns Pina Bausch im Palais Garnier in Paris einen seltenen Moment gewährt: Ein Gespräch. (ARTE France/Bel Air Media)





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