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Tanzträume

Jugendliche tanzen "Kontakthof" - Ein Stück von Pina Bausch

Tanzträume

19/06/12

Pina Bausch - Bewegung, Tanz, Poesie

Pina Bausch hat mit dem Tanztheater Wuppertal die Welt des Tanzes revolutioniert. Kontakthof ist ein legendäres Stück, das die Choreografin kurz vor ihrem Tod zweimal wieder aufnahm: einmal mit „Damen und Herren ab 65“ und einmal mit Teenagern.

In Pina Bausch hat das Kabarett der menschlichen Leidenschaften eine hervorragende Revueleiterin gefunden. Niemand vor ihr hatte das menschliche Wesen auf der Bühne so schonungslos dargestellt und dem Publikum eine Kunst der Bewegung geschenkt, die „zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft bei niemandem beginnt und bei allen endet.“ Dies ist der Nährboden eines Werkes, das über den Einzelnen hinausgeht und eine Fülle von Handlungselementen auf die Bühne bringt – ohne Rollen und „Geschichte“ im klassischen Sinne, aber mit leitmotivischen Situationen, die oft extravagant erscheinen und sich doch auf universelle Themen beziehen. Anders als die mehr oder weniger inspirierten Ästheten, die sich – um es mit dem argentinischen Dichter Roberto Juarroz zu sagen – den „skandalösen Scheinraum der Gesten, die es gar nicht gibt“ teilen, stürzte sich Pina Bausch furchtlos in das Getümmel der menschlichen Körper und Existenzen.

EIN KOLLEKTIVER KÖRPER

Pina Bausch wurde 1940 geboren. Ihre Eltern hatten eine Gastwirtschaft, wo Pina bereits als Kind ihre Zeitgenossen beobachtete. Diese Beobachtungen bildeten später die Grundlage für das Tanztheater, das sie erfunden und berühmt gemacht hat. Bei der Analyse menschlicher Gefühle, bei der Arbeit mit den vielfältigen Formen des Bedürfnisses nach Liebe (z.B. der Zärtlichkeit in Kontakthof) beschränkte sich die Choreografin nicht auf die Inszenierung virtuoser Tänzer, sondern setzte den Menschen selbst in Szene und hielt ihm im bizarren Reigen des Lebens einen Spiegel vor, in dem Eitelkeit und Verletzlichkeit sichtbar wurden. Damit revolutionierte sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt des Tanzes und beeinflusste zugleich viele Theaterregisseure.
Jedes Stück, das Pina Bausch mit dem Tanztheater Wuppertal auf die Bühne brachte, zeigte ihr unermüdliches Bestreben, einzelne Persönlichkeiten zu einem kollektiven Körper zu verweben. Unter dem unerbittlichen Blick der Choreografin wurden selbst banalste gesellschaftliche Verhaltensweisen angeprangert, bis ins Kleinste analysiert und karikiert.
Das legendäre Stück Kontakthof wurde 1978 uraufgeführt, und zwar in dem rekonstruierten Dekor der Lichtburg, einem ehemaligen Kino, das zum Probenstudio des Tanztheaters Wuppertal geworden war. Mit seinem leicht angestaubten Ballsaal-Ambiente, den hüftenschwingenden Tänzern und deren vielfältigen Annäherungen und Berührungen (hier ein Biss ins Ohr, dort ein Pokneifer, man sehnt sich nach Zärtlichkeit und bietet Gewalt) zeigt Kontakthof die Fragilität der menschlichen Beziehungen und das oft schäbige Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Ein Varieté unbeholfener Verführungsversuche, das Unbehagen und Beklemmung weckt. Kontakthof ist ein altersloses Stück, das Generationen überdauert.

IN SACHEN LIEBE

Kurz vor ihrem Tod nahm Pina Bausch das Stück wieder auf, und zwar erst mit „Damen und Herren ab 65“ und anschließend mit Teenagern, die so auf ihre Weise in die Geschichte der Kontakthof-Interpretationen eingingen. Der Film „Tanzträume“, von Anne Linsel und Rainer Hoffmann gibt Einblick in die Proben zu dem Stück. Unter der Leitung von Josephine Ann Endicott und Bénédicte Billet stellten die 40 Jugendlichen ohne Bühnenerfahrung fest, dass es ganz schön schwierig sein kann „einfach hin und her zu gehen“ oder ihr Lachen und ihre Blicke gezielt einzusetzen. „Tanzträume“ ist nicht nur eine Dokumentation über Pina Bauschs Tanzkunst, sondern zeichnet auch ein einfühlsames Porträt der jungen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund (u.a. ein Mädchen aus dem Kosovo und ein junger Rom, der sich selbst als „muslimischen Zigeuner“ bezeichnet), die in Sachen Liebe noch Anfänger sind und sich vorsichtig an das Thema herantasten. Der Film beleuchtet die Lebensgeschichten der Teenager und ist daher auch ein Film über sie.
Pina Bauschs tänzerischer Ansatz bestand darin, durch Bewegung auszudrücken, „was die Menschen bewegt“. In einem Gespräch (1) in Wuppertal kurz vor ihrem Tod, erklärte sie, als sie das gesagt habe, habe sie nicht an Bewegungen gedacht, sondern an das, was die Menschen innerlich bewegt. Doch unabhängig davon spiele die Welt der Bewegung, des Tanzes und der Poesie eine überaus wichtige Rolle und dürfe nie erstarren.

Ein Text von Jean-Marc Adolphe


Im Februar 2008 hat uns Pina Bausch im Palais Garnier in Paris einen seltenen Moment gewährt: Ein Gespräch. (ARTE France/Bel Air Media)



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Erstellt: 29-05-12
Letzte Änderung: 19-06-12