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Philosophie

Raphaël Enthoven empfängt Caterina Zanfi - 11/01/11

Philosophie – Technik

Jeden Sonntag lädt ARTE zum Philosophieren ein. Der junge Philosoph und Moderator Raphaël Enthoven zieht eine Linie von der Vergangenheit zur Gegenwart und verbindet die vermeintlich trockene Literatur der großen Philosophen mit aktuellem Zeitgeschehen. Jede Woche zu einem neuen Thema. Heute: Technik


Wie kann man zum Sklaven der Technik werden? Wie kommt es, dass sich die vom Menschen erfundenen Hilfsmittel zur Beherrschung der Natur gegen ihn richten? Und warum geht technischer Fortschritt heute nicht mehr wie zur Zeit der Aufklärung mit moralischem Fortschritt einher?

Diese und weitere Fragen diskutiert Raphaël Enthoven mit der jungen Doktorandin Caterina Zanfi. Ausgangspunkt ist die These des französischen Philosophen Henri Bergson, derzufolge der Mensch ein technisches Wesen sei, ein "Homo Faber" also, um Max Frisch zu zitieren. So galt die Benutzung von Werkzeug lange Zeit als sicherer Intelligenzindikator und zugleich als Domäne des Menschen. Unvergessen bleibt der oft zitierte Bildausschnitt von Stanley Kubricks Science-Fiction "2001: Odyssee im Weltraum", in dem ein als Affe gezeigter Vormensch einen Knochen in die Luft hebt und damit die Evolution einläutet. Langsam wird der Knochen zu einem primitiven Werkzeug, zur Waffe, zu einer unabdingbaren Notwendigkeit, die bis heute besteht.


Philosophie
Dokumentationsreihe, Frankreich 2009, ARTE F, Synchronfassung, Stereo
Regie: Philippe Truffault
Der Mensch schafft sich künstliche Hilfsmittel, die ihm das Leben erleichtern sollen. Seien es Messer oder Gabel zur Aufnahme der Nahrung, sei es die Heizung zur Erzeugung von Wärme oder, wie im Fall des Sprinters Oscar Pistorius, speziell angefertigte Prothesen zur Fortbewegung. Der 24-jährige Südafrikaner leidet seit seiner Geburt an einem Gendefekt, weshalb ihm beide Beine fehlen. Dennoch gehört er mittlerweile zu den schnellsten Läufern seiner Klasse und hat sich 2008 um eine Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Peking beworben, da er sich selbst nicht als gehandicapt betrachtet. Erst als es schon zu spät war, wurde ihm der Start bewilligt. Denn das Komitee stand vor einer schwierigen Frage: Ermöglichen die Prothesen dem Träger einen unfairen Vorteil oder sind sie Teil des menschlichen Organismus? Hier scheinen Mensch und Maschine verschmolzen zu sein.

Wer nun aber die Oberhand behält, bleibt fraglich. Denn künstlich geschaffene Wesen wie der Golem, Frankenstein oder der legendäre Schachcomputer Deep Blue zeigen, dass der Mensch zum Sklaven seiner eigens geschaffenen Maschinen werden kann. Eine beängstigende Vorstellung, wenn man bedenkt, dass sich der hochgelobte Fortschritt in sein Gegenteil verkehrt und gegen den Menschen richtet. Grausamer Höhepunkt des 20. Jahrhunderts sind das Konzentrationslager von Auschwitz sowie der Bau der Atombombe.

Der heutige Gast der Sendung ist Caterina Zanfi, Doktorandin am deutsch-französischen Forschungszentrum für Sozialwissenschaften (Centre Marc-Bloch) der Humboldt-Universität Berlin. Derzeit bereitet sie ihre Promotion in Philosophie vor (Bologna, Lille). Ihre Forschungsschwerpunkte sind die philosophische Anthropologie des späten Bergson sowie dessen Verhältnis zur Technik und zu den deutschen Philosophen seiner Zeit (Max Scheler, Georg Simmel). Sie befasst sich ferner mit der Rezeption Bergsons in der zeitgenössischen Anthropologie.

Veröffentlichungen: "Bergson, la tecnica, la guerra", Bolonia University Press, 2009. Außerdem Übersetzung der Madrider Vorlesungen Henri Bergsons ins Italienische.

Zitat:

„Könnten wir uns allen Stolzes entkleiden, hielten wir uns bei
Definition unserer Art streng nur an das was Geschichte und
Vorgeschichte als bleibenden Charakter von Mensch und Intellekt
zeigen – es hieße vielleicht nicht mehr Homo sapiens sondern
Homo faber – der menschliche Handwerker. Kurz: Der Intellekt
auf das hin angesehen, was seine ursprüngliche Haltung zu sein
scheint, ist ein Vermögen, künstliche Gegenstände, insbesondere
Werkzeuge herstellende Werkzeuge zu verfertigen und diese
Anfertigung ins Unendliche zu vermannigfaltigen.“
Mit anderen Worten: Der Mensch ist – so Henri Bergson in
„Schöpferische Entwicklung“

LITERATUR ZUR SENDUNG:


Henri Bergson, Schöpferische Entwicklung, Adamant Media Corporation 1991 oder antiquarisch in älteren Ausgaben
Jean-Jacques Rousseau, Schriften zur Kulturkritik
Über Kunst und Wissenschaft (1750). Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen (1755)
Discours sur les Sciences et les Arts – Discours sur l'Origine de l'Inégalité parmi les Hommes
Französisch-deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Kurt Weigand.
PhB 243. 5. Auflage 1995. F. Meiner Verlag
Caterina Zanfi, Bergson, la tecnica e la guerra, Bolonia University Press, Bologna 2009
Nur auf Italienisch erhältlich
Georg Simmel, Die Ruine. Ein ästhetischer Versuch

Oswald A. G. Spengler, Der Mensch und die Technik, Voltmedia Verlag, Paderborn 2008
Martin Heidegger, Die Frage nach der Technik, In: Gesamtausgabe, Bd.7, Vorträge und Aufsätze (1936-1953), Klostermann Verlag
Einzelausgabe bei Günther Neske / Klett-Cotta, Stuttgart
Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Beltz Athäneum Verlag, Weinheim. 2000

Philosophie
Freitag 1. Oktober 2010 um 07.30 Uhr
Keine Wiederholungen
(Frankreich, 2009, 26mn)
ARTE F

Erstellt: 29-06-09
Letzte Änderung: 11-01-11