Philippe Noiret hatte etwas von einem Bären, konnte wie dieser mal gutmütig, mal gefährlich wirken. Seine imposante Statur, seine tiefe Stimme und sein Hedonismus verliehen Noiret die erhabene Ausstrahlung eines „grand seigneur“, wie es sein Schauspielerkollege Jean Rochefort bei Noirets Beisetzung formulierte. Philippe Noiret prägte das französische Kino des 20. Jahrhunderts; seine Landsleute assoziieren ihn unweigerlich mit anderen Schauspielern seiner Generation, wie Michel Piccoli, Jean-Claude Brialy, Jean Rochefort und Jean-Pierre Marielle. Mehr als 140 Rollen verkörperte er in den über 50 Jahren seiner Filmkarriere.
Doch die erste Leidenschaft des Schauspielers war das Theater, dem er immer treu blieb. Obwohl der bekennende Faulpelz dreimal durchs Abitur fiel, fand er seinen Weg: 1950 bestieg er an der Seite von Schauspielerlegende Gérard Philippe und unter der Regie von Roger Blin erstmals die Bretter, die die Welt bedeuten. Zwischen 1953 und 1960 gehörte er der Truppe des Pariser TNP an und interpretierte unter Jean Vilar über vierzig Rollen. Im Theater lernte er auch seine spätere Frau, die Schauspielerin Monique Chaumette, kennen. Sie heirateten 1962, und erst Noirets Tod trennte die beiden. Zwei Jahre zuvor hatte Noiret seinen ersten Kinoerfolg mit „Zazie“ von Louis Malle, in dem er einen hinreißenden Onkel Gabriel spielte. Ebenfalls 1962 verkörperte er in „Die Tat der Thérèse D.“ von Georges Franju eine ganz andere, dunkle und böse Figur. Vier Jahre später spielte er zum ersten Mal (aber aufgrund seines an Rabelais erinnernden Aussehens nicht zum letzten Mal!) einen Schlossherrn in „Leben
im Schloss“ von Jean-Paul Rappeneau. Während Frankreichs Studenten 1968 das Land auf den Kopf stellten, gelang Noiret mit „Alexander der Lebenskünstler“ von Yves Robert der wahre Durchbruch. In dieser Ode an einen ganz dem Zeitgeist entsprechenden dionysischen Müßiggang spielte Philippe Noiret einen besinnlich-verträumten Bauern, der sein Leben - fast wie ein Hippie - an dem aktuellen Motto „Unter dem Pflaster – der Strand!“ ausrichtete. Dieser Film machte Philippe Noiret zum Star.
Allerdings setzte Philippe Noiret nicht nur auf leichte, erfolgsträchtige Produktionen: Der subversive, riskante Autorenfilm schreckte ihn keineswegs ab. So spielte er in den 60er-Jahren in „Mr. Freedom“ und „Wer sind Sie, Polly Magoo?“ von William Klein und 2003 in Bertrand Bliers verpöntem „Les Côtelettes“ . Den größten Skandal erntete er 1973 mit seiner Rolle in Marco Ferreris „Das große Fressen“, was ihn nicht davon abhielt, ein Jahr später erneut mit dem Filmemacher zu drehen (Berühre nicht die weiße Frau). Er spielte in vielen Filmen großer italienischer Regisseure: „Die Tatarenwüste“ (Valerio Zurlini), Drei Brüder und Palermo vergessen (Francesco Rosi), „Die Familie“ (Ettore Scola). In „Les Lunettes d'or“ (Guillermo Montaldo) verkörperte er einen homosexuellen Arzt, der im faschistischen Italien verfolgt wird. Auch internationale Anerkennung errang Noiret zunächst mit italienischen Produktionen: 1988 spielte er in „Cinema Paradiso“ von Giuseppe Tornatore den alten Filmvorführer Alfredo, der einen kinobegeisterten Jungen unter seine Fittiche nimmt. Und 1994 verkörperte er in Michael Radfords Film „Der Postmann“ den im italienischen Exil lebenden chilenischen Dichter Pablo Neruda.
Die 70er-Jahre brachten dem Schauspieler viele Erfolge in Frankreich. Seine bissigen, anspruchsvollen Filme aus dieser Zeit beleuchten die dunkle Seite der menschlichen Seele. 1974 begegnete Noiret Bertrand Tavernier und unterstützte ihn bei der Produktion eines seiner ersten Filme: „Der Uhrmacher von St. Paul“. Aus der beruflichen Zusammenarbeit wurde eine private Freundschaft (Noiret war Trauzeuge von Tavernier). Gemeinsam drehten sie neun Filme, darunter „Wenn das Fest beginnt“ (1975), „Der Richter und der Mörder“ 1976), „Saustall“ (1981) und „Das Leben und nichts anderes“ (1990), für den Noiret zum zweiten Mal den César des besten männlichen Hauptdarstellers erhielt. Den ersten hatte er 1976 für seine Rolle in Robert Enricos „Das alte Gewehr“ bekommen. In diesem Film spielte er den Chirurgen Julien Dandieu, der den Tod seiner Frau, seiner Tochter und das Massaker an einem ganzen Dorf in den letzten Stunden des Zweiten Weltkriegs rächt. In dem zu Unrecht weniger bekannten Film „Das malvenfarbene Taxi“ von Yves Boisset (1977) liefern sich Philippe Noiret und Charlotte Rampling vor der atemberaubenden Landschaft des Connemara ein großartiges Face-à-face.
Doch nicht nur mit seinen Filmen hat sich Philippe Noiret in die Herzen der Franzosen gespielt. Der im November 2006 verstorbene Schauspieler wird auch wegen seiner Persönlichkeit geliebt, die im Übrigen auch in einigen seiner schönsten Rollen zum Tragen kommt: Noiret liebte das Landleben, Hunde und Pferde über alles, er war ein Genießer, einer guten Zigarre nie abgetan. Die perfekte Verkörperung des Edelmannes und einer kaum noch anzutreffenden Lebensart.Delphine Valloire
------------------------------
Hommage an Philippe Noiret:
Das große Fressen
Donnerstag, 12/07/2007 à 20:45
Montag, 23/07/2007 00:30:18
Der Uhrmacher von St. Paul
Donnerstag, 19/07/2007 à 20:45
Freitag, 20/07/2007 à 03:00
Montag, 30/07/2007 à 00:30
Wenn das Fest beginnt...
Donnerstag, 26/07/2007 à 20:45:00
Freitag, 27/07/2007 à 03:00:00
Montag, 30/07/2007 à 14:56:00
Montag, 06/08/2007 à 00:19
Der Saustall
Donnerstag, 02/08/2007 à 20:45
Montag, 13/08/2007 à 23:55
Mardi 21/08/2007 à 14:45
------------------------------






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

