ARTE: Philipe Gröning, stimmt es eigentlich, dass Sie schon 1985 im Schweigekloster Grande Chartreuse angefragt haben, ob Sie dort einen Dokumentarfilm drehen könnten und erst vierzehn Jahre später kam dann die Zusage?Philipe Gröning: Ich glaube die aller erste Anfrage war sogar schon ´84, als ich einfach einen Brief hin geschrieben habe, auf den nie eine Antwort kam. ´85 war ich dann das erste Mal ungefähr für eine Stunde in dem Kloster, wo mir gesagt wurde, dass man den Film nicht machen kann. ´99 kam dann dieser Anruf von der Grande Chartreuse, ob ich den Film noch machen wolle. Dazwischen gab es einige sehr periphere Kontakte, bei denen ich auch den jetzigen Prior der Grande Chartreuse besucht habe - und dann kam eben dieser Anruf.
Und das war dann einfach eine schlichte Zusage: Sie können jetzt kommen? So einfach war es nicht. Es war sehr früh morgens, als ein Verwaltungsangestellter des Klosters anrief und fragte, ob ich der und der Philipe Gröning sei, der damals das Kloster besucht hatte, um sich so zu vergewissern, ob ich auch derjenige bin, den er erreichen sollte. Und dann sagte er, ob ich denn noch daran interessiert wäre, einen solchen Film zu machen. Da habe ich dann auch erst mal gesagt, dass müsse ich mir überlegen, ob das in meine Arbeit und Lebensplanung gerade reinpasst.
Dann ist man doch noch zusammengekommen. Sie haben während der Dreharbeiten zu „Die große Stille“ am Klosterleben selbst teilgenommen, sich also auch an das Schweigegebot gehalten, aber manches mussten Sie doch mit den Mönchen auch besprechen. Wie lief das ab?Das war ja der wesentliche Punkt, dass ich an dem Klosterleben teilnehmen wollte, um dabei einen Film entstehen zu lassen. Sonst hätte ich auch nie einen Film machen können, der den Zuschauer so tief mitnimmt in diese Welt. Aber die Karthäuser haben kein absolutes Schweigegelübde. Es gibt keinen Orden auf der Welt, der ein absolutes Schweigegelübde hat. Das heißt, man kann schon zwischendurch mal sagen: Wo gibt es hier in der Küche einen Elektrizitätsanschluss, den ich nutzen kann? Aber die normale Kommunikation lief über kleine Zettel, die ich geschrieben habe und dem Mönch, den ich kontaktieren wollte, in sein Postfach gelegt habe. Und er hat dann wiederum in mein Postfach einen Zettel zurückgelegt. Und so liefen diese ganzen Verabredungen, wann man sich wo trifft, um zu drehen, ob ich überhaupt jemanden filmen darf und so weiter.
Was passiert mit einem selbst, wenn man so lange schweigt? Verlernt man das normale Sprechen? Oder lernt man vielleicht sogar ein „neues“ Sprechen?Das Sprechen verlernt man natürlich nicht. Man verlernt vielleicht das Zuhören bei den üblichen Smalltalk-Unterhaltungen. Das macht mich bis heute extrem ungeduldig, viel ungeduldiger als vorher. Aber hauptsächlich verändert sich die Wahrnehmung der Umgebung, der Wirklichkeit. Was man hört und was man sieht verändert sich, es wird gewissermaßen intensiver, als ob die Dinge einem stärker entgegen kommen und einem auch stärkeren Halt geben. Und auch die anderen Menschen, denen man begegnet. Was sich zum Beispiel sehr verändert hat, das ist der Umgang mit anderen Menschen. Wenn man z. B. einen Mönch im Kreuzgang trifft und dann nur durch ein kleines Lächeln, durch eine kleine Geste sich gegenseitig begrüßt und wahrnimmt. Solche Dinge werden sehr viel intensiver dadurch, dass man nicht spricht.
Auch für den Zuschauer ist das ja eine radikale, ungewohnte Erfahrung. Ihr Film wurde jedoch begeistert aufgenommen, bekam den Europäischen Filmpreis. ARTE zeigt den Film in der vollen Länge von 161 Min. in der Prime-time um 20.40 Uhr. Wird es der Film, auf den man sich doch sehr stark einlassen muss, im Fernsehen nicht schwerer haben als im Kino?Das muss man abwarten. Ich war auch immer sehr skeptisch und habe zunächst gedacht, der ist nur im Kino anzuschauen. Aber in Italien z. B. wurden inzwischen etwa 80.000 DVDs von dem Film verkauft. Und außerdem hat mich auch der spanische Verleiher des Films überzeugt. Der hat sich den Film mit seiner Frau und seiner Tochter auf DVD angeschaut und wollte eigentlich nur die ersten zehn Minuten sehen, um dann nein zu sagen. Der hat sogar nur einen kleinen Fernseher, wie er sagt, und sie haben den Film gebannt bis zum Schluss angeschaut. Und dann hat er sich entschlossen, den Film in Spanien heraus zu bringen. Insofern scheint es auch auf einem kleinen Bildschirm sehr gut zu funktionieren.
Wollten Sie eigentlich selbst sich gezielt der Erfahrung eines solchen Klosterlebens aussetzen? Und was war zuerst da, die Idee einen Film zu machen oder der Gedanke, selbst ins Kloster zu gehen und diese Erfahrung zu machen?Zuerst war tatsächlich der Gedanke da, mich dieser Erfahrung auszusetzen. Damals, 1984, hatte ich diese Idee, nachdem ich einen Kurzfilm gemacht hatte, der auf sehr vielen Festivals gezeigt, wo ich sehr in diesen ganzen Festival-Trubel reingezogen wurde. Ich hatte das Gefühl, wieder zurückfinden zu müssen, zu einer ganz einfachen und stillen, kreativen Arbeit. Und dafür wollte ich in ein Kloster gehen, um für mich selbst wieder zu einer Mitte, zu einer Ruhe zu kommen. Und zu dem, was Wesentlich ist. Also die Arbeit an der Wahrheit ist, wie ich das nenne, und was ich als den Kern von Kreativität sehe verstehe. Und weil eben schon Filmregisseur war, oder gerade dabei war, es zu werden, dachte ich, wenn ich das schon mache, dann mache ich dabei auch einen Film.
Wie würden Sie den Erfolg von „Die große Stille“ eigentlich erklären? Rührt der Film an eine Sehnsucht der Menschen, in einer lärmenden Welt wieder die eigenen Sinneserfahrungen zu schärfen, wieder Authentizität und Intensität zu finden? Ich glaube, da kommt vieles zusammen. Zum einen glaube ich, dass wir als Europäer verlernt haben, dass es eine kontemplative Ebene auch in unserer Kultur gibt. Viele Leute haben sich die Filme angeschaut über tibetische und japanische Mönche, ohne daran zu denken, dass man dieselbe Sehnsucht auch in der eigenen Kultur befriedigen kann. Und das ist natürlich eine Erfahrung, die tiefer geht, wenn es mit deiner eigenen Kindheit, mit deinem eigenen Leben, deiner eigenen Kultur zu tun hat. Man kann sich mit einem christlichen Mönch doch enger verbunden fühlen, weil wir eben aus einer christlichen Kultur kommen. Wir haben hier als Kinder keine Erfahrung mit Buddhismus oder anderen fernöstlichen Religionen, und deshalb kann mein Film den Zuschauer auch intensiver ergreifen und mitnehmen. Und dann glaube ich schon auch, dass die Zuschauer ein großes Bedürfnis nach Ruhe und nach Konzentration und nach einer Art von Entlastung haben. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: dass der Zuschauer im Kino schon auch Erfahrungen machen will, vielleicht sogar auch im Fernsehen. Informationen haben wir überall, davon sind wir vollkommen überflutet. Aber Räume, wo wir unsere eigenen Erfahrungen machen können, die verschwinden immer mehr. Und der Film gibt dem Zuschauer die Möglichkeit seine eigenen Fragen auftauchen zu lassen, sich ihnen zu stellen und zu sich selbst zu kommen. Das ist ganz offensichtlich eine Erfahrung, die heute sehr geschätzt wird.
Philipe Gröning, vielen Dank für das Gespräch. Interview: Thomas Neuhauser (ARTE / Oktober 2007)