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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Paul Valéry (Frankreich)

„Wer also ist Europäer?“


Erschüttert von den verheerenden Folgen des Ersten Weltkriegs fragt sich der französische Schriftsteller Paul Valéry (Sète, 1871 – Paris, 1945), welches Schicksal den Zivilisationen bevorsteht. „Wird Europa zu dem, was es in Wirklichkeit ist, d. h. ein kleines Kap des asiatischen Kontinents?“ Er führt diesen Gedanken 1922 vor Studenten der Universität Zürich wie folgt weiter aus.

„Ich wage hier mit vielen Vorbehalten und unendlich vielen Skrupeln, die man haben muss, wenn man provisorisch etwas präzisieren möchte, das nicht wirklich genau präzisiert werden kann – ich wage den Versuch einer Definition. [...] Es ist eine Meinung, ein Standpunkt und es gibt selbstverständlich zahlreiche andere, die weder mehr noch weniger legitim sind.

„Nun gut, ich werde als Europäer alle Völker betrachten, die im Laufe der Geschichte den drei Einflüssen ausgesetzt waren, die ich gleich benennen werde.

„Der erste Einfluss ist der Roms. Überall dort, wo das römische Reich herrschte, wo seine Macht spürbar war, wo das Reich gefürchtet, bewundert und beneidet wurde, wo das römische Schwert zu spüren, wo die Hoheit der Institutionen und Gesetze sowie der Apparat und die Würde der Justiz anerkannt, kopiert und manchmal sogar seltsam nachgeäfft wurden – überall dort gibt es etwas Europäisches. Rom ist das ewige Modell der organisierten und dauerhaften Macht. […]

„Als Nächstes folgt das Christentum. Sie wissen, wie es sich nach und nach im von den Römern eroberten Gebiet ausgebreitet hat.[...] Aber während sich die Eroberung durch die Römer nur auf den politischen Menschen auswirkte und die Köpfe der Menschen nur in Bezug auf ihre äußeren Gewohnheiten bestimmte, zielte die christliche Eroberung auf das Bewusstsein ab und erreichte auch nach und nach seine tiefste Ebene. [...]

„Dennoch sind wir noch keine vollkommenen Europäer. An unserem Bild fehlt noch etwas. Es fehlt diese wundervolle Veränderung, der wir keineswegs das Gefühl der öffentlichen Ordnung sowie die Verehrung der Stadt und der irdischen Gerechtigkeit verdanken sowie keineswegs die Tiefe unserer Seelen, die absolute Idealität und den Sinn für eine ewige Gerechtigkeit, sondern es fehlt uns dieses subtile und mächtige Handeln, dem wir das Beste unserer Intelligenz, die Feinheit und die Zuverlässigkeit unseres Wissen verdanken – wie wir ihm auch die Klarheit, die Reinheit und die Vornehmheit unserer Künste und unserer Literatur verdanken. Diese Tugenden kamen aus Griechenland zu uns. […]

„Wir verdanken Griechenland vielleicht das, was uns am meisten vom Rest der Menschheit unterscheidet. Wir verdanken ihm die Lehre des Geistes [...]. Wir verdanken ihm eine Denkweise, die tendenziell alles zum Menschen, dem vollständigen Menschen, in Beziehung setzt [...].

„Aus dieser Lehre sollte die Wissenschaft hervorgehen, unsere Wissenschaft, d. h. das charakteristischste Produkt, der sicherste und persönlichste Ruhm unseres Geistes. Europa ist vor allem der Ursprung der Wissenschaft. Es gab in allen Ländern Künste, aber wirkliche Wissenschaften gab es nur in Europa. [...]

„Im Großen und Ganzen gibt es eine Region in der Welt, die sich aus menschlicher Sicht grundlegend von allen anderen unterscheidet. In Bezug auf die Macht und die genauen Kenntnisse hat Europa auch heute noch viel mehr Einfluss als der Rest der Welt. Ich täusche mich, es ist nicht Europa, das den Sieg davon trägt, sondern der europäische Geist, dessen großartige Schöpfung Amerika ist.“

Auszüge aus Essais quasi politiques, La crise de l’esprit, Deuxième Lettre.
Paul Valéry
Variété
Œuvres I
Bibliothèque de la Pléiade
NRF Gallimard, 1975, Paris
ISBN 2070105776

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08