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07/11/13

Patrick Modiano: Ein Stammbaum

Nach vierzig Jahren imaginärer Herkunftserforschung legt Patrick Modiano die Karten auf den Tisch und beendet ein Leben, das das Seine nicht war.

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Ein Stammbaum gibt den 21 ersten Lebensjahren des Autors sozusagen ein amtliches Siegel. Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich Patrick Modiano mit der dokumentarisch-administrativen Seite seiner Herkunft. Bereits die Geburt seiner ersten Tochter Zina 1974 hatte sein Interesse für offizielle Dokumente, Diplome, Stammbäume und ähnliches geweckt. Doch der so entstandene Familienstammbaum führte zu einer Lücke, einer Leerstelle: das Feld „Sohn von“ blieb unausgefüllt. Stattdessen ein meerblaues, doppelt gefaltetes Blatt, die Heiratsurkunde seiner Eltern. Auf der der Vater noch unter falschem Namen aufgeführt ist. Da der Autor damals noch nicht in der Lage war, den offiziellen Akt seiner Herkunft anzulegen, übernahm der Romancier und ergänzte reale Daten und Orte durch imaginäre Erinnerungen.

Ein Verwaltungsangestellter mit kafkaesken Zügen

Seitdem sind dreißig Jahre vergangen, rund fünfzehn Romane entstanden, und wieder geht es um eine Geburt im neuen Buch "Ein Stammbaum", diesmal um die von Patrick Modiano selbst: geboren am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt, in der Allée Marguerite 11, als Sohn von Alberto Modiano, ein jüdischer Händler, geboren in Paris 1912, und Louise Colpeyn, eine zweitklassige Schauspielerin, geboren in Antwerpen 1918. Hier nun ist der Autor ganz Verwaltungsangestellter mit kafkaesken Zügen. Zum allerersten Mal schreibt er diese Namen nieder, es macht ihm größte Mühe. Der Kopf dreht sich, der Atem stockt, die Angst steigt auf, es nicht zu schaffen. Doch er tut es. Nun steht am Ende keine Leerstelle, in das Feld „Sohn von“ trägt er ein, er habe sich nie als legitimes, eheliches Kind gefühlt, schon gar nicht als Erbe der Eltern.

Ein "Stammbaum" ist ein aufrüttelndes Buch

Ein "Stammbaum" ist ein aufrüttelndes Buch irgendwo zwischen Kafkas Brief an den Vater und Georges Perecs "W oder die Kindheitserinnerung". Der, der die Mühe des Schreibens auf sich nimmt, häuft Daten, Namen, Beweise auf, um dem Schlimmsten gewachsen zu sein, einer vollkommen verwüsteten Kindheit. Jetzt ist es also niedergelegt schwarz auf weiß, Modiano selbst war dieses verlassene, zurückgewiesene, eingesperrte Kind, das sich an keine einzige zärtliche oder schützende Geste der Mutter erinnern kann, ein Kind, das sein Leben träumte, um es nicht leben zu müssen. Abgesehen vom Tod des geliebten Bruders Rudy ist all das nur noch von administrativem Interesse für ihn. Denn nach vierzig Jahren der Selbstsuche kann der Autor nun die Leere, den Abgrund überschreiten, ohne ihn mit Produkten seiner Imagination füllen zu müssen. Am Ende des Buches ist er ein erwachsener Mensch, er ist groß geworden: Er ist jetzt einundzwanzig, sein erstes Buch wurde vom Verlag angenommen. Ein frischgebackener, neu geborener Schriftsteller schaut ohne Nostalgie zu, wie die toten Jahre seiner Kindheit zusammenbrechen. Keine Fiktion mehr, die einfach der Realität angeheftet wird. Das Leben, das nicht das Seine war, ist endgültig beendet. Selbst die schrecklichen Briefe der Verstoßung durch den Vater sind aufgemacht und haben ihren Ehrenplatz im Stammbaum, auch wenn der gemeinhin nur reinrassigen Tieren zusteht.

Humor mehr denn Wahrheit macht den Unterschied dieses autobiographischen Buchs zum restlichen Oeuvre Patrick Modianos. Ein Humor, der dem Mysterium unter die Haut geht, statt es nur zu streifen wie in den „literarischen“ Büchern. Ein befreiendes Lachen bricht über dieses Buch ein und lässt unverhofft die Figur des Meisters aufscheinen: Raymond Queneau, der Autor der berühmten "Stilübungen" und des Klassikers "Zazie in der Metro". Denn eines sagt das amtliche Dokument nicht: Raymond Queneau war es, der dem jungen Modiano zuerst Geometrieunterricht erteilte und ihn dann einführte in die literarischen Empfänge des Verlagshauses Gallimard. Ihm also hatte Modiano das Manuskript von "La Place de l’étoile" vorgelegt. Was Wunder, dass dieser Vater im Geiste, der übrigens ein großer Hundefreund war, in der Liste der Ahnen einen unvermittelten Auftritt erlebt!

Beim Lesen der letzten Zeilen fühlen auch wir selbst uns viel leichter. Eine schreckliche Drohung hat sich plötzlich aufgelöst in der Pariser Luft.


Am nächsten Donnerstag rezensiert Ariane Thomalla "Leben als Konflikt. Zur Biografie Alexander Mitscherlichs" von Martin Dehli




Erstellt: 25-07-07
Letzte Änderung: 07-11-13