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Junge Literaturkritik - 07/11/13

Patricia Cornwell: Die Dämonen ruhen nicht

Rezension von Petra Porto


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Die Reihe „Junge Literaturkritik“ ist ein gemeinsames Projekt von ARTE und dem Rezensionsforum literaturkritik.de.


Sehen Sie auch unseren Themenabend am 20. August "Mordsfrauen - Patricia Cornwell jagt Jack the Ripper".


Made in USA
Der neue Kay-Scarpetta-Roman von Patricia Cornwell: „Die Dämonen ruhen nicht“


Alles beginnt mit einer Made und endet in einer Umarmung. Dazwischen stehen 463 Seiten und 124 Kapitel, Reisen durch verschiedene Staaten der USA und Europas, ein "Wolfmann", der der Theorie des Mesmerismus anhängt, tote Anwälte, Schmeißfliegen, mächtige europäische Familien, entführte und zerstückelte Frauen, Alligatoren und eine ganz spezielle Art von Wiedergänger.
„Wenn ich will, dass eine Figur etwas tut oder weiß, will ich diese Dinge auch tun oder wissen“, sagt Patricia Cornwell – und meint damit hoffentlich nur, dass sie gut recherchiert und die Kenntnisse, die sie sich - bevor sie Krimischriftstellerin wurde - als Polizeireporterin und Computerspezialistin in der forensischen Medizin aneignete, in ihren Romanen verwertet. Mit Erfolg: Bereits der erste Roman der Scarpetta-Reihe („Postmortem“, 1990) wurde mehrfach preisgekrönt, die weiteren zehn Bände waren Bestseller.
„Die Dämonen ruhen nicht“ greift viele Handlungsstränge aus den beiden letzten Folgen („Blinder Passagier“ und „Das letzte Revier“) auf und beantwortet etliche offen gebliebene Fragen – um am Ende noch mehr neue Rätsel aufzuwerfen. Denn der Plot ist vielschichtig: Kay Scarpetta hat ihren Posten als Gerichtsmedizinerin von Virginia aufgegeben und lebt allein in einem heruntergekommenen Haus in Florida. Hin und wieder hat sie eine Liebschaft. Sie wird als "private Beraterin" darum gebeten, in Baton Rouge, Louisiana, zu ermitteln, wo bereits mehrere Frauen – die allesamt eine Ähnlichkeite mit Kay Scarpetta haben - verschwunden sind. Sie ahnt nicht, dass Jay Talley, der noch eine Rechnung mit ihr offen hat, hinter den Entführungen steckt: „Ein paar Frösche stimmen ein Lied an. Jay betrachtet die nackte Haut seiner Gefangenen, blass und glänzend vom Insektenschutzmittel, ein kleiner Akt der Menschlichkeit seinerseits; Grund dafür ist sein Ekel vor roten Schwellungen. Die Moskitos umschwirren sie zwar wie eine graue Wirbelwolke, landen aber nicht.
Erneut steht er von seinem Platz auf und gibt ihr einen Schluck Wasser aus einer Flasche. Der Großteil rinnt ihr das Kinn herunter. Sie sexuell zu berühren interessiert ihn nicht. Drei Nächte bringt er sie nun schon auf sein Boot, weil er sich in Ruhe mit ihr unterhalten und auf ihre nackte Haut starren will, in der Hoffnung, dass sich ihr Körper irgendwann in den von Kay Scarpetta verwandelt. Dann jedoch wird er wütend, weil das nicht geht, wütend, weil Scarpetta nicht schwach ist. Ein Teil von ihm fürchtet, rasend vor Wut, er könnte ein Versager sein, denn Scarpetta ist eine Wölfin, während er immer nur Lämmer fängt und das vollkommen treffende Wort, das WORT, einfach nicht finden kann.“
Währenddessen schreibt Jean-Baptiste Chandonne, Talleys Bruder, bekannt als der "Wolfmann", der Scarpetta in „Der blinde Passagier“ angegriffen und beinahe getötet hatte, der ehemaligen Gerichtsmedizinerin aus der Todeszelle: Er ist bereit, sie über die kriminellen Verstrickungen seiner Familie aufzuklären – doch er stellt eine Bedingung: „Sie müssen zuerst zu mir kommen, weil es sonst zu spät sein wird, meine Geschichten zu hören. Nur Ihnen werde ich sie erzählen."

(Ausführlicher können Sie diese Passage in unserer Leseprobe hören!)

Auch Scarpettas Nichte Lucy, eine private Ermittlerin, bekämpft die mächtigen Chandonnes auf ihre eigene Weise, um deren Mafia-ähnliche Strukturen zu zerschlagen. Außerdem hegt sie einen persönlichen Groll gegen die Familie, die ihre Tante Kay Scarpetta mehrmals bedroht hat. Lucy geht einem Hinweis nach, der sie nach Polen führt, und es gelingt ihr, den Anwalt des "Wolfmannes" zu töten.

Und dabei ahnt noch niemand, wer die eigentlichen Fäden zieht: Scarpetta, Lucy, ihr alter Partner Pete Marino, sie alle sind Teil eines verwickelten Plans, dessen Urheber vorerst unerkannt bleiben will.


Während der Roman also inhaltlich an alte Folgen anknüpft, hat die Autorin sich erzähltechnisch von ihnen entfernt. Die frühere Ich-Perspektive der Protagonistin ist durch die eines allwissenden Erzählers ersetzt. Einerseits geht so die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung Scarpettas verloren, andererseits gewinnt der Krimi durch diesen Kunstgriff eine weitere Dimension: Die Taten und Absichten der Nebenfiguren und Gegenspieler werden einsichtiger, die Geschichte erscheint runder. Vielleicht liegt es auch an der erweiterten Perspektive, dass Gut und Böse nicht mehr so drastisch voneinander geschieden sind wie in den vorangegangenen Romanen. Die Figuren entwickeln immer mehr dunkle Seiten. Das lässt sie glaubwürdiger erscheinen und macht auch den Plot überzeugender. Ein spannendes Buch, und nicht nur das offene Ende macht neugierig auf das nächste.




Patricia Cornwell
Die Dämonen ruhen nicht

Ein Kay-Scarpetta-Roman
Aus dem Amerikanischen von Karin Duffner
Hoffmann und Campe, Hamburg 2004
ISBN 3-455-01021-0


Mehr zu Patricia Cornwell in unserem Dossier "Krimisommer".






Petra Porto hat soeben in Marburg ihr Magisterstudium der Neueren deutschen Literatur und Anglistik abgeschlossen und arbeitet an einer Dissertation über Franz Kafkas literarische Kommunikation mit Autoren des Prager Kreises.

Erstellt: 17-08-04
Letzte Änderung: 07-11-13