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Orhan Pamuk - 20/03/06

Die Entdeckung der Einsamkeit

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„Orhan Pamuk hat ein Werk geschaffen, in dem Europa und die muslimische Türkei zusammenfinden“, heißt es in der Begründung für die Verleihung des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Der Autor, der in Istanbul lebt, ist ein Grenzgänger zwischen Orient und Okzident und die Stadt am Bosporus ist dafür seine Inspirationsquelle: „Solange ich in einer Stadt wie Istanbul lebe, so lange ergießen sich die Stoffe für meine Romane wie ein Gewitterregen“.


Die Entdeckung der Einsamkeit

"Der Beruf des Schriftstellers ist der Beruf der Einsamkeit. Ich glaube, dass nur diejenigen gute Schriftsteller sein können, welche die Einsamkeit am meisten dulden können. Einsame Menschen können besonders gute Romane schreiben. Ich liebe die Einsamkeit und wenn ich unter anderen Menschen bin, verfolgt mich das Bewusstsein, ein einsamer Mensch zu sein, wie ein Geist. Deshalb kann ich mich anderen Menschen nicht ganz offenbaren. Nur an meinem Schreibtisch offenbare ich mich. Dort versuche ich mit all meinen Kräften, das Licht meiner Seele zu geben."

Orhan Pamuk in einer Istanbuler Buchhandlung / Bild aus dem Dokumentarfilm "Orhan Pamuk - Die Entdeckung der Einsamkeit"Orhan Pamuk zählt zu den erfolgreichsten türkischen Schriftstellern seiner Generation. Am 23. Oktober 2005 wird ihm in der Paulskirche in Frankfurt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. „Mit Orhan Pamuk wird ein Schriftsteller geehrt, der wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgeht, einem Begriff von Kultur verpflichtet, der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründet. Orhan Pamuk hat ein Werk geschaffen, in dem Europa und die muslimische Türkei zusammenfinden”, heißt es in der Begründung des Stiftungsrates.

In seiner Heimat hingegen wird er gerade dafür stark kritisiert. Die islamischen Intellektuellen des Landes werfen ihm vor, er würde religiöse und historische Themen für den westlichen Postmodernismus ausbeuten. Und die weltlichen Führungskreise Orhan Pamuks monumentales Istanbul © BRirritiert, dass seine Respektlosigkeit gegenüber der staatlichen Ideologie gerade im Westen ein so großes Publikum findet. All denen, die die Türkei in einem tödlichen Krieg zwischen Islam und Weltlichkeit, zwischen Ost und West gefangen sehen, spricht der Schriftsteller jedoch aus der Seele.

Im Cihangir-Viertel Istanbuls, auf einem der zahlreichen Hügel der Stadt, hoch über dem Bosporus, blickt Orhan Pamuk von seinem Schreibtisch über die spitzen Minarette einer Moschee hinweg nach Asien hinüber. Istanbul ist seine Stadt. Fast alle seine Geschichten spielen hier. Dieser Schmelztiegel ist seine Inspirationsquelle, Bühne seiner Geschichten und dabei selbst Protagonist. Wie kein anderer gelingt es ihm, in seinen Romanen die Spannung dieser pulsierenden Stadt zwischen Orient und Okzident einzufangen.

Orhan Pamuk an seinem Schreibtisch © BRDabei blickt Orhan Pamuk tief in die Seelen der Menschen und entdeckt mit großer Begeisterung neben schwarzen Flecken und erschreckenden Abgründen auch Nostalgie, Humor und intellektuelle Verspieltheit. Stets getrieben von Neugier und einer inneren Unruhe, zerrieben am Widerspruch zwischen der Nostalgie für das Istanbul seiner Kindheit und dem mitleidlosen Blick des Intellektuellen, ist Orhan Pamuk ein nicht immer bequemer, dafür aber inspirierender Zeitgenosse.

Der Film DIE ENTDECKUNG DER EINSAMKEIT begleitet den Schriftsteller durch sein Istanbul, zeigt ihn bei seiner Arbeit und untermalt Auszüge aus seinen Werken mit faszinierenden Bildern aus der Stadt am Bosporus. In ausführlichen Gesprächen öffnet sich der sonst so zurückhaltende Autor und offenbart Einblicke in sein Inneres, nimmt Stellung zu brisanten politischen und religiösen Themen und bringt uns den Menschen näher, der sich hinter dem Schriftsteller verbirgt.


Orhan Pamuk - Die Entdeckung der Einsamkeit
Dokumentation von Florian Leidenberger
Complete Pictures GmbH / BR, Deutschland 2004, 44 Min.
BR

Bilder aus dem Dokumentarfilm "Orhan Pamuk - Die Entdeckung der Einsamkeit" von Florian Leidenberger, 2005

Erstellt: 14-10-05
Letzte Änderung: 20-03-06