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Berlinale 2005 - Panorama - 15/02/05

Ono

Ein Film von Malgosia Szumowska


Dem einfühlsamen Blick der Regisseurin gelingt es, die ergreifendsten Emotionen einzufangen

Synopsis: „Man braucht Mut, um das Leben zu lieben“. Die 22-jährige Eva, die diesen Satz sagt, ist schwanger und weiß, wovon sie redet. Sie hat keine feste Arbeit, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, ihr Vater leidet an Demenz, die Mutter weigert sich hartnäckig, der Realität ins Gesicht zu sehen und der Vater ihres ungeborenen Kindes hat sich aus dem Staub gemacht. Sie denkt an Abtreibung, doch dann bemerkt sie, dass das kleine Wesen in ihr sie versteht, wenn sie mit ihm spricht. Nach und nach gewinnt Eva ihre Zuversicht zurück. Sie redet ständig mit dem Foetus in ihrem Bauch, erzählt ihm alles, was sie bewegt und verspricht ihm ein besseres Dasein.

Kritik: Ein Blick in wasserblaue Augen, ein Kameraschwenk auf ein Haus am Flusslauf, auf das der Regen fällt und schon ist man gefangen von „Ono“ und folgt ihm ins heutige Polen. Es ist eine etwas triste Welt, trotz traumhaft schöner Landschaften, in der man sich dennoch intensiv freuen kann. Mit ihrem zweiten Spielfilm sichert sich Regisseurin Malgosia Szumowska einen festen Platz an der Seite der besten polnischen Filmemacher, darunter Wajda und vor allem Kieslowski. Wie bei Kieslowski entwickelt sich auch bei Szumowska die Story aus dem Bauch heraus. Die verschiedenen Figuren sind ständig auf der Suche nach Zeichen. In zufälligen Ereignissen versuchen sie ihr Schicksal und die Bedrohungen, die es birgt, zu erkennen.

Dem einfühlsamen Blick der Regisseurin gelingt es, die ergreifendsten Emotionen einzufangen, die wie flüchtige Schatten über die Gesichter ihrer Protagonisten gleiten. Als Vorlage für den Film dient ein Roman über eine junge Schwangere, die ihr Heil in der Flucht nach vorn sucht, in eine gefährliche aber strahlende Zukunft, mit dem ständigen Gefühl, dem Leben noch nicht gewachsen zu sein, so als würde ihr das Erwachsensein aufgezwungen. Mit eben diesem Gefühl erlebt Eva den langsamen Zerfall ihres abgöttisch geliebten Vaters, das Verschwinden des Mannes, der sie geschwängert hat und schließlich auch die Geburt ihres Kindes. Die Geburt ist für sie Glück und Horror in einem. Sie verliebt sich in Michal, der sich noch verlorener vorkommt als sie. Hinter seinem Gebaren erkennt Eva eine empfindsame Seele. Seine Zärtlichkeit berührt sie tief doch Michal ist drogensüchtig und weigert sich, den Drogen abzuschwören.

Malgosia Szumowska beherrscht die Kunst, Gefühle auch ohne Dialoge präzise darzustellen. Ob ausgesprochen oder nicht, das Wesentliche wird deutlich vermittelt: zunächst klärt eine Stimme aus dem Off den Zuschauer über die Gemütslage der Protagonisten auf, dann schweigt sie. Alles Weitere wird der Ausdruckskraft der Gesichter überlassen. Die Schauspieler beherrschen die Leinwand, sind in jeder Einstellung hundertprozentig präsent. Marek Walczewski verkörpert Evas Vater nuancenreich und brillant. Der Mann entgleitet dem Dasein und schafft es dennoch, seiner Tochter eine phantastische Lektion in Sachen Leben zu vermitteln: mit ein wenig Humor und ein bisschen Musik nimmt er ihr die Angst. Das ehemalige Mannequin Malgosia Bela überzeichnet die Figur der Eva nie. Sie trägt sozusagen den ganzen Film in ihren gewitterblauen Augen. Ihr wunderbares Gesicht spiegelt die Kindheit, und die Emotionen, die sie lebt. Sie verkörpert Kind und Mutter, Begeisterung und Ernst, Trauer und Glück und bewahrt dennoch ihr Geheimnis. Der Film endet mit einer Traumsequenz, die in einen Wald oder ein Zimmer führt. Ende und Anfang.

Delphine Valloire
Ono
(Stranger)

Regie: Malgosia Szumowska
(Deutschland / Polen 2004, 95 Minuten)
Darsteller: Malgosia Bela, Marek Walczewski, Teresa Dudzisz-Kryzanowska, Barbara Kurzaj
Sektion: Panorama Special

Erstellt: 14-02-05
Letzte Änderung: 15-02-05