Schriftgröße: + -
Home > Berlinale 2005 > Die Filme > One day in Europe

Berlinale 2005 - Wettbewerb - 13/02/05

One day in Europe

Ein Film von Hannes Stöhr


Europäische
Geschichten

Synopsis: Championsleague-Finale: Im Moskauer Fussballstadion treffen Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruna aufeinander. Zur gleichen Zeit wird in einem Moskauer Hinterhof die Kunsthändlerin Kate ausgeraubt, meldet in Istanbul ein junger Deutscher sein Gepäck als gestohlen, wird in Spanien ein pilgernder Ungar seiner Kamera beraubt, und versucht ein französisches Pärchen in Berlin ein paar Euros zu verdienen.

Kritik: Natürlich ist es reizvoll, sich vorzustellen, was gleichzeitig an verschiedenen Orten Europas passiert – auch wenn die Idee nicht grade neu ist. Jim Jarmush drehte 1991 NIGHT ON EARTH und erzählte kurze Episodengeschichten mit Taxifahrern in New York, Paris, Rom und Helsinki, die alle um 4:07 nachts ihre Fahrt antreten. Unvergesslich bleibt dabei etwa Roberto Begnini, der sich als Fahrer ermutigt fühlt, bei seinem müden Gast seine Lebensbeichte abzulegen.

Die Klammer um die einzelnen Episoden bei One day in Europe zusammenzuhalten sind die Gleichzeitigkeit der Handlungen, das Fussballspiel und der Drehort Europa. Außerdem geht es in jeder der Geschichten um einen Diebstahl. Hannes Stöhr legte grossen Wert darauf, in seinem Film die kulturellen Unterschiede herauszuarbeiten: „Ich wollte sehen, was passiert, wenn die russische Seele auf den englischen Humor trifft, der deutsche Michel auf das schwäbische Cleverle im Orient, der rätselhafte Ungar auf die spanische Lebensfreude.“ Das ist ihm dank der Beobachtung vieler kleiner Details gut gelungen. Sehr schön etwa sind die Momente, in denen länderspezifische Wartezeiten zu überbrücken sind. Auf der Polizeistation in Istanbul warten der überfallene Deutsche (Florian Lukas) und die Dolmetscherin geduldig, bis der dicke Polizist zwei Würfelzucker in seinem Teeglas versenkt hat und aufhört, andächtig den Löffel zu rühren. In Spanien wartet der melancholische Ungar im Streifenwagen, bis der Polizist das Kleid für seine Frau bei seiner Geliebten abgeholt hat – so etwas dauert eben, und gehört in Spanien selbstverständlich zum Polizistenalltag.

Leider gelingt es One day in Europe nicht, die erzählerische Dichte seines Vorgängers Berlin is in Germany zu erreichen. Jörg Schüttaufs Präsenz als Hauptdarsteller ist unvergleichlich und unvergesslich. Ein Episodenfilm mit vielen Hauptdarstellern kann so etwas nicht leisten. Hannes Stöhr hat sich gut vorbereitet und für viele Szenen ein Storyboard zeichnen lassen – er überlässt nichts dem Zufall. Dennoch bleibt – abgesehen von einigen schönen Augenblicken – nicht allzu viel beim Zuschauer hängen.

Die logistischen Probleme beim Dreh in vier europäischen Ländern brachten die Produzentin Anne Leppin manchmal schier zum Verzweifeln: „Wie transportiert man 1,5 Tonnen Filmtechnik und Material in 63 Kisten, so dass es keine Verzögerungen gibt?“ Ebenso musste geklärt werden, „wie man russische Beleuchter versichert und wo die Sozialabgaben für einen ungarischen Schauspieler fällig werden, der für eine deutsche Produktion in Spanien dreht.“ Hier hätte man sicher Stoff genug für einen spannendes Making Of eines typischen europäischen Films gehabt. Nun ja, vielleicht gibt es das dann ja als Bonus Track auf der DVD.

Nana A.T. Rebhan
One day in Europe
Deutschland/Spanien 2005, 100 Min.
Buch und Regie: Hannes Stöhr
Mit: Megan Gay, Luidmila Tsvetkova, Florian Lukas, Erdal Yildiz, Péter Scherer, Miguel de Lira, Rachida Brakni, Boris Arquiera

Erstellt: 12-02-05
Letzte Änderung: 13-02-05