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ARTE Journal - 09/02/12

"Oktober 1961 wurde stillschweigend übergangen"

Vor genau 50 Jahren löste die Pariser Polizei auf Befehl von Polizeipräfekt Maurice Papon mit brutaler Gewalt eine Kundgebung an der Métro-Station Charonne auf, zu der die Kommunistische Partei aufgerufen hatte. Die Demonstranten forderten das Ende des Algerienkriegs und protestierten gegen die Anschläge der rechtsextremen Geheimorganisation OAS. Der Polizeieinsatz forderte neun Opfer. Polizeipräfekt Papon wurde 1998 wegen Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Verbindung mit der Deportation der Juden während des Zweiten Weltkriegs verurteilt.

Knapp 4 Monate zuvor hatte die algerische Befreiungsorganisation FLN in Paris eine Kundgebung organisiert. Bei dieser Demonstration, die von der Polizei noch brutaler unterdrückt wurde, starben Dutzende, wenn nicht hunderte Algerier. Die Verbrechen des 17.Oktober und der Métro Charonne blieben ungestraft und sind je nach Epoche im kollektiven Bewusstsein der Franzosen mehr oder weniger stark verankert.

Laurent Bailly sprach auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, wo ein Mahnmal an die Opfer der OAS erinnert mit dem Historiker und Algerien-Experten Gilles Manceron:

Laurent Bailly pour ARTE Journal : Wie erklären Sie, dass die Erinnerung an den 8. Februar 1962 die an den 17.Oktober 1961 verdrängt hat?
Die Erinnerung an die Repression vom 8.2.1962 wurde zunächst ganz bewusst gepflegt, vor allem von der damals stärksten Kraft der französischen Linken, der Kommunistischen Partei. Sie hat dieses Ereignis regelrecht zelebriert, da zumindest 8 der 9 Opfer der Métro Charonne Mitglieder der Kommunistischen Partei waren. Dieses Ereignis wurde zum Symbol für das kommunistische Engagement für den Frieden zwischen Frankreich und Algerien. Dabei ging die Partei mit den geschichtlichen Tatsachen zuweilen etwas grosszügig um, denn ihr Friedensengagement kam etwas spät, und sie hat sich auch nie für Algeriens Unabhängigkeit eingesetzt, übrigens nicht einmal bei dieser Kundgebung.
Die Erinnerung an "Charonne" wurde von der Kommunistischen Partei 30 Jahre lang bewahrt. Aber seit etwa 20 Jahren entwickeln sich die Dinge in eine andere Richtung, weil Vereine algerischer und anderer Einwanderer ganz zu Recht die Bedeutung der Repression vom Oktober 1961 gegen die Algerier und die Kommunistische Partei unterstreichen. Dadurch verblasst die Erinnerung an "Charonne" in der öffentlichen Meinung und wird auch von den Kommunisten weniger betont. Deshalb besteht jetzt die Tendenz, dieses Ereignis zu
vernachlässigen.

Aber haben wir es hier nicht mit einer Art Gedenk-Konkurrenz zu tun?

Ja, und diese Konkurrenz beruht auf der Idee, dass ein Ereignis auf Kosten eines anderen hervorgehoben werden soll. Das ist zum Beispiel der Fall bei gewissen kulturellen Veranstaltungen zum 50-jährigen Gedenken an "Charonne"; sie werden von den Kommunisten unter Ausschluss anderer politischer Kräfte organisiert, und die Kommunisten wollen auch nicht daran erinnert werden, dass die einzigen Redner, die bei der Bestattung der Charonne-Opfer an die anti-algerische Repression drei Monate zuvor erinnerten, keine Kommunisten war, sondern bürgerliche Gewerkschafter.
Die Kommunisten tendierten damals dazu, die Kundgebung vom Oktober 1961 stillschweigend zu übergehen. Diese Gedenk-Konkurrenz ist schon ein Problem, weil man ja die Erinnerung an ein Ereignis auf Kosten eines anderen hervorhebt. Meiner Ansicht nach gehören jedoch beide Ereignisse in denselben Kontext, nämlich als zwei Äusserungen des Protests gegen die Fortsetzung des Algerienkriegs, und beide Male wird die Repression ja von Polizeipräfekt Maurice Papon organisiert, der in beiden Fällen von den politisch Verantwortlichen gedeckt wird, vom französischen Innenminister und vom Premierminister.


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Erstellt: 08-02-12
Letzte Änderung: 09-02-12