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14/05/04

Nobody knows

von Horikazu Kore-Eda
(Japan, 2004, 2 Std. 21 Min.)
mit Yagira Yuya, Kitaura Ayu, Kimura Hiei
 
Offizielle Auswahl – Wettbewerb 
       
 
 Synopsis: Keiko, eine träumerische, ungebundene Frau, lebt allein mit ihren vier Kindern Akira, Kyoko, Shigeru und Yuki, die alle unterschiedliche Väter haben. Aufgrund dieser ungewöhnlichen Tatsache hat Keiko sich dazu entschlossen, nur ihr ältestes Kind, den 12jährigen Akira, bei den Behörden zu melden. Doch die Familie entkommt immer nur kurzfristig den Schwierigkeiten und dem Gerede der Leute: Ständig muss sie eine neue Bleibe finden, und weil Keiko immer länger von zu Hause fort bleibt, werden die Probleme immer größer. Nach und nach wird Akira klar, dass er sich fortan allein um seine drei Geschwister wird kümmern müssen und dass das heimliche Leben in den vier Wänden ihrer Wohnung, die sie nicht verlassen dürfen, der Alltag und das Erbe ihrer Mutter sein wird.
 
Kritik: Der Verlust von festen Bezugspunkten nimmt im japanischen Kino der letzten zehn Jahre eine wichtige Stellung ein. Hirokazu Kore-Eda nimmt sich dieses Themas mit einer fotografischen Herangehensweise an, was nicht zuletzt auf seine dokumentarischen Arbeiten zurückzuführen ist. Hierbei verpflichtet er sich jedoch nicht der Realitätstreue: Wohl lässt er sich von Alltäglichem wie Zeitungsmeldungen inspirieren, doch werden diese Eindrücke bis ins Erzählerische weiterentwickelt.
 
In seinem Film „Nobody knows“ widmet sich Kore-Eda einer Gruppe von Kindern, nachdem sonst Erwachsene im Zentrum seiner Werke standen: Menschen, die am Rande der Hölle Interviews geben und versuchen, aus den Berichten über ihr Dasein glückliche Erinnerungen zu formen („Afterlife“, 1998), dann Städter, die alle eine nahestehende Person verloren haben, von deren Mitgliedschaft in einer tödlichen religiösen Sekte sie nichts wussten („Distance“, 2001 im Wettbewerb in Cannes). Es sind schwere Themen, vor allem wenn die Dramaturgie einer Geschichte gänzlich unberührt davon bleibt, ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelt, sondern wenn durch deren Gleichstellung gleichermaßen soziale wie existentielle Not gezeigt wird.
 
Dennoch tendiert Kore-Eda in seinen Darstellungen nie zu Gewalt oder Niederträchtigem und auch nicht zu Klaustrophobie, trotz einer gewissen Vorliebe für geschlossene Räume (ein Filmstudio in „Afterlife“, eine kleine Wohnung in „Nobody knows“). Als geduldigem Beobachter, der ein Jahr lang mit Laienschauspielern im Kindesalter gearbeitet hat, geht es Kore-Eda um die Gewöhnung an einen Ort, an eine Situation oder eine Rolle, um daraus das Wahrhaftige abzuleiten. So sind alle Protagonisten, so verloren sie auch erscheinen mögen, Teil es lebendigen und sich entwickelnden Ganzen – ob nun in urbanem Rahmen (die Stadt Tokyo) oder häuslicher Umgebung (die Wohnung der Familie).
 
Dieses Lebendige macht den Stellenwert dieser Werke aus, deren genauem Hinsehen nur der weiche, geschmeidige Erzählstil in nichts nachsteht (die einleitende Rückschau bleibt unkommentiert, nirgends sind Zeitangaben zu finden). „Nobody knows“ gelingt es, sowohl der Ausdruckslosigkeit – oder aber der melodramatischen Übertreibung –, die man zurecht hätte erwarten können, zu entkommen und rutscht doch nie ins Mittelmaß ab, sondern hinterlässt ein Gefühl, das vollkommen authentisch ist.
 
 Julien Welter
 
 
 Synopsis: Der 12-jährige Akira lebt mit seinen drei kleineren Geschwistern Kyoko, Shigeru und Yuki zusammen mit seiner Mutter Keiko in einem kleinen Apartement in Tokyo. Außer dass alle vier Kinder einen unterschiedlichen Vater haben, haben sie noch eine Gemeinsamkeit: Sie gehen nicht zur Schule und sind nirgendwo offiziell gemeldet. Trotzdem geht es ihnen eigentlich sehr gut, bis eines Tages Keiko einfach verschwindet...

Kritik: Am Anfang des Films ist die Welt noch in Ordnung. Die Geschwister haben sich und ihre Mutter. Keiko ist immer zu Späßen aufgelegt, und kümmert sich liebevoll um jeden ihrer Sprösslinge. Eigentlich wirkt sie gar nicht wie eine richtige Mutter, eher wie eine große Schwester, und genau da liegt auch das Problem. Denn eines Tages ist sie einfach weg, weil sie mal wieder einen Mann haben will – für sich ganz alleine. Sie hat Akira Geld und einen Zettel dagelassen, auf dem steht, dass er sich um seine Geschwister kümmern soll. Akira versucht gewissenhaft und liebevoll seine neue – für ihn eigentlich viel zu große - Aufgabe so gut es geht zu erfüllen, und beraubt sich dabei seiner eigenen Kindheit.
 
Der japanische Regisseur Kore-eda Hirokazu filmt das Leben der verlassenen Kinder in einer Art Dokustil. Dabei lässt er den Geschwistern viel Platz für eigene Improvisationen, was ihr – oft in Großaufnahmen gezeigtes – Spielen betrifft, aber auch die Dialoge. Das passt gut zu der 1988 real passierten Geschichte verlassener Kinder, aber auch zu der des Filmemachers, der ursprünglich seine Karriere mit Dokumentarfilmen begann. Daraus resultiert vielleicht auch seine Idee, ein ganzes Jahr zu drehen, im Turnus der vier Jahreszeiten. Das tatsächliche Wachsen oder etwa das Tieferwerden der Stimme Akiras baut er einfach in seinen Film mit ein. Mit Yagira Yuuya, Kitaura Ayu, Kimura Hiei, Shimizu Momoko ist ihm eine hervorragende, sehr überzeugende Besetzung gelungen. Besonders Yagira Yuuya weiß es, den Zuschauer mit seinem minimalistischen Spiel und seinem erwachsenen Blick in seinen Bann zu ziehen.
 
Zutiefst erschreckend ist die Tatsache, dass kein Mensch die verlassenen Kinder zu bemerken scheint, und sich um sie kümmert. Nicht einmal die Vermieterin schreitet ein und informiert das Jugendamt, als sie durch Zufall einmal mitten in der verwahrlosten Wohnung steht, in der sich ganz offensichtlich niemand um die Kinder kümmert. Ungern erinnert man sich da an den deutschen Dokumentarfilm DIE KINDER SIND TOT, der den Tod und die damit verbundene Geschichte zweier für mehrere Wochen alleine in der Wohnung gelassener Kleinkinder rekonstruiert. Auch hier hat niemand etwas gehört oder gesehen, sonst wären die Kinder nicht verhungert. Sicherlich ist DAREMO SHIRANAI zu lang geraten, und er verlässt leider auch manchmal die Perspektive der Kinder um etwas altklug weitergehende Informationen zum Thema zu bieten, aber trotzdem bleibt die Geschichte der vier verlassenen Geschwister bis zuletzt interessant und äußerst sehenswert.
 
 Nana A.T. Rebhan


Erstellt: 13-05-04
Letzte Änderung: 14-05-04