Schriftgröße: + -
Home > Film > Fernsehfilme auf ARTE > Interviews > Hoss, Nina

Im Gespräch mit... - 17/03/05

Nina Hoss

Schauspielerin


Nina Hoss zu dem Film Wolfsburg

Im Fernsehfilm Wolfsburg spielt Nina Hoss eine Mutter, die nach einem schweren Schicksalsschlag über sich hinauswächst. Ein Gespräch mit der Schauspielerin über starke Rollen und große Vorbilder.
 
img_petit_hoss_01.jpg.imageDataSie gehört zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen ihrer Generation in Deutschland: Nina Hoss, 28, wurde bekannt mit ihrer Rolle der Prostituierten Rosemarie in Bernd Eichingers Remake von Das Mädchen Rosemarie. Damit trat sie in die Fußstapfen von Nadja Tiller, die im Original von 1958 die Rosemarie verkörpert hatte. Seither ist sie auf der Theaterbühne ebenso erfolgreich wie in anspruchsvollen Kino- und Fernsehfilmen. Als Laura in „Wolfsburg“ arbeitete sie nach „Toter Mann“ zum zweiten Mal mit Regisseur Christian Petzold zusammen. An ihrer Seite ist Benno Fürmann in der Rolle des aalglatten Autohändlers Philipp zu sehen, der Lauras Sohn überfährt und Fahrerflucht begeht.
 
Kirsten Liese (K.L.) : Frau Hoss, Sie kommen aus einem liberalen, linksintellektuellen Elternhaus. Ihr Vater war Abgeordneter und Vorsitzender bei den Grünen. Ihre Mutter, als Schauspielerin ein Vorbild für Sie, hat obendrein viel für die Rechte der Frauen gekämpft. Gibt es einen Zusammenhang mit den starken Figuren, die Sie bevorzugt im Film und am Theater verkörpern?
 
Nina Hoss (N.H.): Meine Eltern sind in der Tat zwei starke Persönlichkeiten, die mir sehr großen Freiraum gelassen haben, mich zu entwickeln. Mag schon sein, dass es mit meiner Mutter zu tun hat, dass mich starke Frauen auch am meisten interessieren. Allerdings würde ich auch andere Charaktere darstellen, komödiantisch-naive, wie sie zum Beispiel Marilyn Monroe gespielt hat. Deren Figuren haben trotz ihrer Naivität unglaublichen Charme und eine intuitive Intelligenz. Ich versuche es zu vermeiden, flache, belanglose Püppchen zu spielen, die nur darauf aus sind, den nächsten Mann zu angeln.
 
K.L. : Männer angeln wollte auch das „Mädchen Rosemarie“ in Bernd Eichingers gleichnamigem Fernsehfilm, mit dem Sie Ihren großen Durchbruch hatten. Was hat Sie an dieser Figur so gereizt?
 
N.H.: Vor allem ihre Frechheit, mit der sie sich – aus kleinen Verhältnissen kommend – nach oben gearbeitet hat. Sie gibt sich nur mit den obersten Bossen ab und fährt mit dem auffälligsten Auto durch die Stadt, und das in den 50er Jahren. Fasziniert hat mich auch ihre große Sehnsucht, nicht allein zu sein, weshalb sie sich einem Mann an den Hals wirft, der sie gar nicht liebt. Diese unerfüllte Sehnsucht treibt sie ja letztlich in den Tod.
 
K.L.: Der Kontakt mit Bernd Eichinger ist danach eingeschlafen.
 
N.H.: Eine Kontinuität hat sich einfach nicht ergeben. Es war mir wichtiger, die Ausbildung an der Schauspielschule abzuschließen. Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich wechselweise am Theater und im Film wirken kann.
 
K.L.: Durch die Zusammenarbeit mit Christian Petzold sind Sie neben dem Theater wieder zum Fernsehen gekommen. Mit ihm haben Sie „Toter Mann“ und „Wolfsburg“ gedreht. Die beiden Frauen in diesen Filmen wirken auf den ersten Blick sehr verschieden. Gibt es auch Gemeinsamkeiten?
 
img_petit_hoss_02.jpg.imageDataN.H.: Ich habe eher das Gefühl, dass alle meine Figuren irgendwie zusammenhängen. Manchmal habe ich fast den Eindruck, eine entwickele sich aus der anderen. Leyla im „Toten Mann“ führt den Film an. Sie ist eine Agierende, die von Anfang an plant, sich am Mörder ihrer Schwester zu rächen. Laura in „Wolfsburg“ ist dagegen eher passiv, ihr widerfährt ein Schicksalsschlag – der Tod ihres Kindes, das von einem Auto überfahren wird –, der sie völlig aus dem Gleichgewicht bringt. Ich empfinde Laura als viel schwankender, verletzlicher und zarter und habe deshalb auch versucht, eine weichere Figur aus ihr zu machen als Leyla, die etwas sehr Kühles hat.
 
K.L.: „Wolfsburg“ lief auf der Berlinale „nur“ im Panorama und ist „nur“ ein Fernsehfilm, obwohl er für die große Leinwand taugt.
 
N.H.: Das hat damit zu tun, dass man für einen Kinofilm der Finanzierung wegen eine lange Vorbereitungszeit braucht. Christian Petzold hatte nach „Die innere Sicherheit“ einfach Lust, weiter zu drehen und das ist sehr viel leichter mit einem Fernsehfilm. Außerdem muss man sich dessen bewusst sein, dass „Toter Mann“ oder „Wolfsburg“ eher stille Kammerspiele sind. Die Art, wie er erzählt, erinnert mich stark ans französische Kino. Man lässt viel weg und redet auch nicht viel.
 
K.L.: Reizt es Sie eigentlich, nach Hollywood zu gehen?
 
N.H.: Nicht wirklich. Mich interessiert viel mehr das europäische Kino. Zu Zeiten einer Dietrich, Garbo oder Ingrid Bergman wäre ich gerne in Hollywood gewesen. Aber heute weiß ich gar nicht so recht, wofür Hollywood noch steht.
 
Das Gespräch führte Kirsten Liese für das ARTE Magazin
 
  • Biografie Nina Hoss
 
img_petit_hoss_03.jpg.imageDataIhre Schauspielkarriere begann Nina Hoss beim Theater. Bereits seit 1989 steht sie auf der Bühne.
Ihre Stationen: Theater im Westen, Stuttgart; Staatstheater Esslingen; Deutsches Theater Berlin. Sie spielte unter der Regie von Heidemarie Rohweder, Knut Koch, Thomas Ostermeier, Amelie Niermeyer, Stefan Otteni und Einar Schleef.
 
Zu sehen war und ist Nina Hoss unter anderem in Lessings Minna von Barnhelm, in Don Karlos von Friedrich Schiller - ebenfalls am Deutschen Theater -, in Verratenes Volk nach Alfred Döblin sowie am Berliner Ensemble in Franz Wittenbrinks Liederabend Zigarren. Zur Zeit spielt Nina Hoss am Deutschen Theater die Gräfin Orsina in Michael Thalheimers gefeierten Inszenierung von Lessings Emilia Galotti.
 
Ihr Filmdebüt gab Nina Hoss 1995 in Joseph Vilsmaiers Liebesdrama Und keiner weint mir nach. Bernd Eichinger wurde durch diesen Film auf die junge Darstellerin aufmerksam und engagierte sie für die Hauptrolle in seinem TV-Remake des 50er-Jahre-Erfolgs Das Mädchen Rosemarie (1996). Für diese Rolle wurde sie mit der Goldenen Kamera, dem Deutschen Videopreis und dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Zuletzt brillierte Nina Hoss als die geheimnisvolle Leyla in Christian Petzolds Drama Toter Mann. Im Herbst ist sie in zwei Kinoproduktionen zu sehen: in Doris Dörries neuem Film Nackt spielt sie die Charlotte, in Urs Eggers Film „Epsteins Nacht“ tritt sie in einer Gastrolle auf.
 
  • Filmografie (Auswahl)
 
2002 - Wolfsburg, Regie: Christian Petzold
2002 - Nackt (Kino), Regie: Doris Dörrie
2001 - Toter Mann (TV/ZDF), Regie: Christian Petzold
2001 - Epsteins Nacht (Kino), Regie: Urs Egger
1999 - Die Geiseln von Costa Rica (TV/Pro7), Regie: Uwe Janson
1998 - Der Vulkan (Kino), Regie: Ottokar Runze
1997 - Feuerreiter (Kino), Regie: Nina Grosse
1995/96 - Das Mädchen Rosemarie (TV/Sat.1), Regie: Bernd Eichinger
1995 - Und keiner weint mir nach (Kino), Regie: Joseph Vilsmaier

Erstellt: 09-03-05
Letzte Änderung: 17-03-05