Schriftgröße: + -
Home > Welt > ARTE Journal

ARTE Journal

ARTE Journal bietet den europäischen Blick auf die wichtigsten Ereignisse des Tages.

> > Neue Linke-Führung soll's richten

ARTE Journal - 04/06/12

Neue Linke-Führung soll's richten

Nach wochenlangen Streitereien hat die Partei Die Linke auf ihrem Parteitag in Göttingen eine neue Spitze gewählt. Doch politische Inhalten treten immer weiter in den Hintergrund - hat ARTE Journal-Reporter Kolja Kandziora beobachtet.

Die sächsische Bundestagsabgeordnete Katja Kipping und der baden-württembergische Landeschef Bernd Riexinger vom Gewerkschaftsflügel sollen die zerstrittene Partei aus ihrer Krise führen. Der Parteitag wählte sie am Samstag in Göttingen zur neuen Doppelspitze. Die ostdeutschen Reformer um Fraktionsvize Dietmar Bartsch gingen in dem Machtkampf um die beiden Chefsessel dagegen leer aus.

Die neue Parteichefin Kipping wird keinem der beiden Parteiflügel zugerechnet. Die 34-jährige Dresdnerin setzte sich mit 67,1 Prozent der Stimmen gegen die Hamburger Fraktionschefin Dora Heyenn (29,3 Prozent) durch.
Der 56-jährige Riexinger aus dem linken Gewerkschaftsflügel um Oskar Lafontaine triumphierte gegen Bartsch dagegen nur knapp - mit 53,5 zu 45,2 Prozent der Stimmen.





ARTE Journal stellt die neue Führung der Linkspartei vor:

  • Der Protest-Organisator: Bernd Riexinger

Der baden-württembergische Landeschef hat einen Vision, so sprach er in seiner Bewerbungsrede auf den nun errungenen Posten: „Ich habe die Vision einer sozialistischen Gesellschaft“ - und das schon seit langem: Auch wenn er nach der Schule die Ausbildung zum Bankkaufmann macht, engagierte er sich früh – ab 1980 bis 1990 - im Betriebsrat der Leonberger Sparkasse. 1991 wurde er Gewerkschaftssekretär. Heute gehört er zum fundamentalistischen Flügel der Partei.
Seit 2001 ist Riexinger Geschäftsführer des ver.di Bezirkes Stuttgart. Der Familienvater lebt mit seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter in der baden-württembergischen Hauptstadt und ist Mitbegründer der Sozialprotestbewegung gegen die Agenda 2010 von Gerhard Schröder. Diese Agenda war es, die ihn weg von den Ideen der SPD brachte – hin zum Einsatz für mehr Gerechtigkeit: Sein Name steht auch für das Bündnis „Wir zahlen nicht für Eure Krise!“, das die Proteste und Demonstrationen gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise in Berlin, Frankfurt und Stuttgart organisierte.

Unter ihm wuchs die Linke im Ländle
Außerdem ist er Mitglied der Initiative zur Vernetzung der Gewerkschaftslinken.
Unter seiner Führung ist die Linke im Ländle beständig gewachsen, ohne jedoch den Durchbruch zu schaffen. Die Zahl der Mitglieder hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf 3000 verdoppelt.
Für die Parteikollegen im Osten ist er keine Siegerfigur.



  • Die Verfechterin des bedingungslosen Grundeinkommens: Katja Kipping

Sie ist das rothaarige Wesen mit sächsischem Dialekt und der Garantie für politische Überraschungen: Katja Kipping. Schon zu Schulzeiten wollte die Tochter einer Lehrerin und eines Ökonomen sich einmischen: Sie wurde Schulsprecherin. Nach dem Abitur absolvierte die gebürtige Dresdnerin ein Freiwilliges Soziales Jahr in Russland und studierte im Anschluss daran Slawistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften.
Bei den Studentenproteste von 1997 engagierte sie sich im Protestbüro der TU-Dresden an und seit dieser Zeit wisse sie, sagte sie einmal, dass „außerparlamentarische Proteste zyklisch“ verlaufen. Im Gegensatz zu den innerparteilichen Querelen, die sie heute immer wieder sieht.

Immer noch in einer WG
Katja Kipping war mit 21 Jahren die jüngste Abgeordnete im sächsischen Landtag und Vize-Bundesvorsitzende ihrer Partei. Erst ein Jahr zuvor war sie in die Linke-Vorgängerin, die PDS, eingetreten. „Das Studium hat mir in dieser Zeit als wichtiger geistiger Ausgleich gedient“, sagte Kipping, heute 34 Jahre alt und Mutter einer einjährigen Tochter“ einmal mit Rückblick auf diese Anfangszeit der Politikkarriere. Seit rund zehn Jahren verficht sie ihr Herzprojekt:das bedingungslose Grundeinkommen. 2005 wechselte Kipping in den Bundestag für die Linke.
Kürzlich veröffentlichte sie beim Econ Verlag ein Buch mit dem Titel «Ausverkauf der Politik». Kipping wohnt bis heute in einer Wohngemeinschaft.



  • Die Einzelgängerin: Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht, geboren 1969 in Jena, galt viele Jahre als die unverbesserliche Marxistin am linken Rand der Demokratie. Sie schrieb ein Buch mit dem Titel: „Freiheit statt Kapitalismus“. Die Tochter einer Deutschen und eines Iraners, wegen ihrer kathegorischen Trotzhaltung von Gysi als „Njet-Maschine“ verhöhnt, war der Gedanke an Anpassung schon immer fremd: Schon mit vier Jahren soll sie lieber zuhause Bücher gelesen als mit ihren Altersgenossen im Kindergarten zu spielen. Denn dort wurde Wagenknecht, so erinnert sie sich, oft gehänselt: „Ich war ziemlich eigen und eine Einzelgängerin.“ In der DDR durfte sie nicht an die Universität, weil sie sich dem Wehrkundeunterricht verweigert hatte. 1990 bis 1996 holte sich dann das Studium nach, schrieb sich für Philiosophie und Neuere Deutsche Literartur in Jena, Berlin und Groningen ein.

Wandel zur gemäßigten Linken
Von 2004 bis 2009 saß sie für die Linken-Vorgängerin PDS im Europaparlament. Parallel schrieb sie ihre Dissertation über die Bedürfnisse von Entwicklungsländern.Seit 2009 ist Wagenknecht Bundestagsabgeordnete. In letzter Zeit werden die politischen Ansätze der Lebensgefährtin von Oskar Lafontaines gemäßigter: In einem Zeitungsinterview sagt sie etwa, dass sie heute die DDR „nicht mehr als besseres Deutschland und die Mauer nicht mehr als notwendiges Übel“ bezeichnen würde.



  • Die Aufsteigerin: Caren Lay

Caren Lay gehört zum pragmatischen Flügel und wird über die Parteigrenzen hinaus für ihre West-Ost-Biographie geschätzt. Die 37-jährige gebürtige Rheinland-Pfälzerin ist eine Bildungsaufsteigerin, die sich umfassend mit Geschlechterforschung beschäftigt hat und in der Friedensbewegung sozialsiert wurde. «Wäre die Mauer nicht gefallen, wäre ich wohl bei den Grünen gelandet», sagt sie auf der Homepage ihrer Partei.

Durchtanzte Nächte in Berliner Clubs
Das Arbeiterkind war die Erste in der Familie, die studierte. Lays politische Karriere der startete in Sachsen, als sie 2004 - aus Protest gegen die Agenda 2010 - in die PDS eintrat. Fünf Jahre war die studierte Soziologin Abgeordnete im Sächsischen Landtag. Doch sobald keine Sitzungen anstanden, packte sie die Tasche, stieg samstags in den Zug nach Berlin – und durchfeierte die Nächte in Techno-Clubs. Am Morgen ging es wieder nach Dresden.



  • Der Umweltaktivist: Jan van Aken

Nach einem Biologie-Studium in Hamburg begann van Aken als Experte für Gentechnik bei Greenpeace International und blieb dort bis 2009. Er verachtet den Einsatz biologischer Kampfstoffe – die dreijährige Arbeit als Biowaffeninspekteur für die UN dürfte diese Einstellung nur gefestigt haben. 2006 trat der 42-Jährige aus Reinbeck (Schleswig-Holstein) der Linkspartei bei und zog drei Jahre später als deren Spitzenkandidat in den Bundestag ein.

Geld für Bildung statt für Waffen
Sein Engagement gilt einer friedlicheren Außenpolitik: „Mein wichtigstes Ziel im Bundestag ist es, endlich die deutschen Rüstungsexporte zu stoppen und die Auslandseinsätze der Bundeswehr zu beenden.“ Statt Geld für Waffen fordert er mehr Investionen der Bundesregierung in Bildung, Wohnungen und eine friedliche Entwicklung. Van Aken hat nie seine Wurzeln als Umweltaktivist vergessen: „Politik findet nicht im Fernsehen statt, und nicht nur in den Parlamenten, sondern vor allem auf der Straße, in den Betrieben, am Bauzaun und in jedem persönlichen Gespräch.»



  • Der Wossi: Axel Troost

Der zweifache Familienvater wurde 1954 in Hagen (Nordrhein-Westphalen) geboren. Sein Vater besaß ein Teppichgeschäft, seine Mutter starb früh. Troost wurde schon mit 14 Jahren bei der 68er-Bewegung angesteckt, sich politisch stark zu machen: Die Dritte-Welt-Bewegung, das begeisterte ihn: «Ich habe darauf gewartet, endlich 16 zu werden, um in die Partei Willy Brandts einzutreten. Die Ost-Politik, die Reformpolitik, das hat mich sehr fasziniert. Allerdings blieb ich dort nur wenige Jahre», erzählt er auf seiner Homepage. Später studierte er Volkswirtschaftslehre in Marburg.

Herz schlägt für Attac - und den SV Werder Bremen
Bis heute ist er Mitglied bei IG Metall, Attac und im Förderverein gewerkschaftliche Arbeitslosenarbeit. Seit seiner Promotion über „Staatsverschuldung und Kreditinstitute“ hat er sich einen Namen gemacht. Troost lebte lange in verschiedenen ostdeutschen Städten und gilt als Bindeglied zwischen den regionalen Lagern. "Ich fühle mich als Wossi. Immerhin habe ich zehn Jahre im Osten ausschließlich mit ostdeutschen Mitarbeitern tagsüber gearbeitet und abends gemeinsam gewohnt“, sagt der neue Vize-Vorsitzende. 2009 wurde er Mitglied des Bundestages für die Linkspartei.
Und wenn er nicht im Sitzungssaal diskutiert, fiebert Axel Troost für seinen Lieblingsverein SV Werder Bremen.




Jana Schulze und Philipp Niedring für ARTE Journal

Mehr zum Thema:



Erstellt: 03-06-12
Letzte Änderung: 04-06-12