Schriftgröße: + -
Home > Welt > ARTE Journal

ARTE Journal

ARTE Journal bietet den europäischen Blick auf die wichtigsten Ereignisse des Tages.

> > Nein für St. Petersburger Gay-Pride

ARTE Journal - 09/07/12

Nein für St. Petersburger Gay-Pride

Zur Überraschung aller Homosexuellen hatte die Stadt St. Petersburg als erste russische Stadt eine Homosexuellen-Parade für diesen Samstag erlaubt - wenn auch unter strengen Auflagen. Doch 24 Stunden später kam dann plötzlich das Verbot - angeblich wegen Bürgerprotesten.

Dabei wurde die Demonstration, die Samstagmittag stattfinden sollte, von den Behörden bereits vom Stadtzentrum in einen nahen Park verlegt. Nach dem Verbot wetterte der bekannte Moskauer Schwulenaktivist Nikolai Alexejew auf Twitter: „Die Gesetzeslosigkeit und Absurdität geht munter weiter“, schrieb er - und kündigt an, weiterkämpfen zu wollen. Hauptthema der Demonstration sollte das Verbot von „Homo-Propaganda“ sein, dass im März in St. Petersburg verabschiedet wurde. Es stellt Lesben, Schwule und Transgender mit Kinderschändern gleich und verbietet überall dort „Werbung“ dafür zu machen, wo Minderjährige anwesend sein könnten.



In Russland wurde noch nie eine Lesben- und Schwulendemonstration genehmigt. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus dem Jahr 2010, dass diese Praxis gegen das Diskriminierungsverbot verstoße, wird von Moskau geflissentlich ignoriert.

Im Hintergrund ist die schwullesbische Gemeinschaft beim Thema Gay Pride gespalten: Die Aktivisten um Alexejew protestieren gern rovokant und mediengerecht und haben deshalb für heute auch zur Gegenaktion aufgerufen - trotz Verbotes. Dazu werden höchstens 30 Menschen erwartet.

Die andere Gruppe, zu der auch die Petersburger Homo-Bewegung Vychod gehört, kämpft lieber im Hintergrund und lehnt eine Gegenverstaltung ab. In einem Interview sagte Polina Savtschenko, Mitglied der schwullesbischen Organisationen, die die inoffizielle Gay Pride nicht unterstützen, dass die Stadtregierung von St. Petersburg sehr bewusst erst die Genehmigung für die Parade gegeben und dann zurück gezogen hat: "Russland will der Welt offiziell zeigen, dass es gar nicht gegen Homosexuelle ist. Aber dann kann es natürlich, auch wegen des Anti-Homo-Propaganda-Gesetzes, das Ganze nicht genehmigen."

Bis 1999 galt Homosexualität in Russland noch als psychische Krankheit

In Russland sind keine Seltenheit. Bis 1993 galt Homosexualität in dem Land als Straftat und noch bis 1999 als psychische Krankheit. Die Gay-Paraden, die seit 2006 organisiert wurden, waren stets verboten und wurden schonungslos von der Polizei unterbunden. Erst Ende Mai hatte die Polizei eine Gay Pride in Moskau verhindert. Im 8. Februar verabschiedete das St Petersburger Stadtparlament in zweiter Lesung ein offizielles Verbot der Propaganda für homosexuelle Lebensweisen. Angeblich zum Schutz von Minderjährigen, wird darin das Verbreiten von Informationen unter Strafe gestellt, die der traditionellen Ehevorstellung zuwiderlaufen. Nicht nur, dass so unter dem Deckmantels des Jugendschutzes Aufklärung und Beratung fast unmöglich wird, der Wortlaut des Gesetzes stellt Homosexualität in direkte Nähe zur Pädophilie.

Europa gilt nach wie vor als der Kontinent mit der besten Lebensqualität für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle - dies hat eine aktuelle Untersuchung des internationalen Lesben- und Schwulenverbandes ILGA ergeben. Die Studie, die künftig jährlich auf den neuesten Stand gebracht werden soll, wird auf der so genannten „Rainbow Map" dargestellt:
In Europa ist Homosexualität heute auf dem ganzen Kontinent, mit Ausnahme des türkisch besetzten Nordzyperns, legal. Mittlerweile haben sieben Länder eingetragene Partnerschaften und Zivilehen für Lesben und Schwule eingeführt. EU-Recht verbietet darüber hinaus die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund der sexuellen Orientierung. Und homosexuelle Asylbewerber, die in ihren Herkunftsländern entsprechend verfolgt werden, können dies inzwischen ebenfalls geltend machen.

Jana Schulze für ARTE Journal

Sehen Sie auch





Tracks


Schwule Künstler in China

Dienstag, 11.1. um 05.00 Uhr

Ein ganzes Land in Aufbruchsstimmung, aber die Schwulen und Lesben haben nichts davon.



Erstellt: 07-07-12
Letzte Änderung: 09-07-12