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Das Ende des Atomzeitalters?

Wie hat sich das Verhältnis der Menschen und der Politik zur Atomkraft in Deutschland und Frankreich infolge der Atomkatastrophe von Fukushima geändert?

> Japans Premierminister geopfert

Das Ende des Atomzeitalters?

Wie hat sich das Verhältnis der Menschen und der Politik zur Atomkraft in Deutschland und Frankreich infolge der Atomkatastrophe von Fukushima geändert?

Das Ende des Atomzeitalters?

07/03/12

Naoto Kan: der japanische Ex-Premierminister auf dem Altar der Kernenergie geopfert

Von Laure Noualhat

Seit seinem Rücktritt im August 2011 hat sich der japanische Ex-Premierminister Naoto Kan, der zurzeit des Erdbebens, des Tsunamis und des Reaktorunglücks in Fukushima im Amt war, sehr zurückgehalten. Aber kürzlich gewährte er der Agentur Reuters ein Interview (s.u.). Darin äußert er seine Entschlossenheit, sich für mehr erneuerbare Energien in seinem Land einzusetzen. Das bedeutet eine echte Wende für den Mann, der auf dem Höhepunkt der Krise kaum etwas durchdringen ließ und eine sehr unentschlossene Haltung an den Tag legte.
Am 14. Juli 2011 stand Naoto Kans politische Zukunft fest, als der Premierminister mit der Aussage überraschte, er glaube nicht mehr an die Sicherheit der Kernkraft. „Unverantwortlich und unrealistisch“, höhnte ein Teil der Presse, der Rechten und der Atomlobby des Landes. Einen Monat später befand sich Naoto Kan in einer ausweglosen Situation und war zum Rücktritt gezwungen.
 



Die Reuters-Depesche
TOKIO (Reuters) – Fast ein Jahr nach dem GAU von Fukushima fürchtet der damalige japanische Premierminister eine noch schwerere Krise, die Millionen Einwohner zur Flucht aus Tokio zwingen und die Existenz des Landes in Gefahr bringen könnte.
„Die Atomkatastrophe vom 11. März hat mich dazu veranlasst, meine Meinung zu ändern. Hauptsächlich deshalb, weil wir zu einem bestimmten Zeitpunkt damit rechnen mussten, dass es nicht mehr möglich sein würde, im Ballungsraum Tokio zu leben, und dass wir die Bevölkerung evakuieren müssen“, erklärte Naoto Kan am Freitag, dem 17. Februar 2012, gegenüber Reuters.
„Wenn es dazu gekommen wäre, hätte das nicht nur die Bevölkerung schwer getroffen, sondern Japan wäre in seiner Existenz bedroht gewesen.“
Nach seiner stärksten Erinnerung an die Katastrophe befragt, schwieg der im Allgemeinen nie um eine Antwort verlegene Naoto Kan geraume Zeit, dachte gründlich nach und sagte schließlich:
„Vieles aus der Anfangsphase und der Zeit danach ist mir genau in Erinnerung geblieben. Vieles. Aber der unvergesslichste Moment war der, als ich mich mitten in dem ganzen Aufruhr fragte, was mit Japan als Land geschehen würde, wenn die unbewohnbare Zone sich auf 200 bis 300 Kilometer erstrecken würde. Dieser Gedanke hat mich damals sehr stark bewegt, und ich denke noch oft daran.“
Aus dieser Sorge heraus erklärte Naoto Kan, der Inselstaat müsse seine Abhängigkeit von der Kernenergie beenden und erneuerbare Energien ausbauen, denn deren Anteil an der japanischen Energieproduktion sei lange vernachlässigt worden.

„SEID MUTIG; ABER NICHT UNVORSICHTIG!“

Die Katastrophe von Fukushima hat den Mythos der atomaren Sicherheit zerstört und die japanische Regierung zum Verzicht auf ein Projekt veranlasst, das vorsah, bis 2030 über 50 % der gesamten Energie mit Atomkraft zu erzeugen.
„Man kann viele technische Maßnahmen zur Gewährleistung der Kernkraftwerkssicherheit ergreifen; aber diese Maßnahmen allein sind unzureichend, um die Hauptgefahren auszuschalten“, betonte Naoto Kan.
An der Wand hinter dem 65-jährigen Ex-Premierminister hängt ein Pergament mit einem kalligrafisch gestalteten chinesischen Sprichwort: „Seid mutig, aber nicht unvorsichtig!“.
Naoto Kan war zum Zeitpunkt der Katastrophe am 11. März 2011 noch nicht einmal ein Jahr an der Macht. Sein Kabinett trat Ende August 2011 zurück und wurde am 2. September 2011 abgelöst.
Kans Akzeptanzquote war damals auf 20 % gesunken: Die Öffentlichkeit warf ihm sein Herumlavieren und sein schlechtes Krisenmanagement vor, während die Politologen monierten, er habe überstürzte und unüberlegte Entscheidungen getroffen.

DUBIOSE STREITIGKEITEN UNTER POLITIKERN

Kans Verteidiger meinen dagegen, seine Entscheidung, den Anteil der Kernkraft an der japanischen Energieproduktion zu verringern, habe eine wichtige Rolle bei seinem Sturz gespielt. Logischerweise wenden sich große, politisch einflussreiche Unternehmen gegen diese in der Öffentlichkeit beliebte These.
Naoto Kan, ein ehemaliger Aktivist der Zivilgesellschaft, dem ein schwieriger Charakter nachgesagt wird, betonte in dem Gespräch mit Reuters, seine Priorität sei es jetzt, die erneuerbaren Energien zu fördern, nicht aber, politische Manöver zu betreiben.
An seinem Nachfolger, dem gegenwärtigen Regierungschef Yoshihiko Noda, übte er keinerlei Kritik.
Derzeit arbeitet die japanische Regierung an einem neuen mittelfristigen Programm über den Anteil der Atomkraft an der Energieproduktion. Die Kritiker von Premier Noda, Kans ehemaligem Finanzminister, meinen, er wolle die Kernkraft nicht wirklich zugunsten der erneuerbaren Energien reduzieren.
„Wenn gesagt wird, (unter Noda) seien keine Fortschritte erreicht worden, so stimmt das nicht. Es hat radikale Veränderungen gegeben“, beteuerte Kan.
„Die Regierung Noda setzt genau das um, woran ich damals dachte; aber es gibt Widerstand aus verschiedenen Richtungen, vor allem von gewissen Unternehmen. Dennoch führen Noda und sein Kernkraftminister den Reformkurs fort.
Der ehemalige Regierungschef stellte die Haltung der politischen Klasse insgesamt in Frage und warf ihr vor, dubiose politische Spielchen zu betreiben, anstatt zusammenzuarbeiten.
„Das japanische Volk hat Ruhe bewahrt und in seiner Reaktion auf das Unglück Geduld bewiesen. Aber leider haben die Politiker nicht wirklich kooperiert, weder zum Zeitpunkt der Katastrophe noch danach.“
Viele Japaner hatten gehofft, die dreifache Katastrophe – Erdbeben, Tsunami und Reaktorunglück – würde einen Reformprozess auslösen, durch den das Land seinen wirtschaftlichen Stillstand überwinden könne.
Kan hielt es für verfrüht, dies zu beurteilen, er habe aber weiterhin die feste Absicht, die Probleme des Landes zu lösen.
„Wenn ich der Meinung bin, dass etwas nicht mehr funktioniert, denke ich darüber nach und mache einen Vorschlag. Anstatt nur zu kritisieren, versuche ich, eine Alternative zu finden. Ich glaube, daraus schöpfe ich meine Kraft.“

Erstellt: 01-03-12
Letzte Änderung: 07-03-12